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Drogen: So mächtig wirkt Cannabis

Cannabis nur zum Genuss? Soll bald legal sein. Längst setzen Züchter auf qualitativ hochwertige Pflanzen mit sattem THC-Gehalt. Dabei gilt: Unbedenklich kiffen ist unmöglich, weniger schädlich ginge.
Ein Mann dreht sich einen Joint, dabei ist Cannabis zu rauchen, besonders ungesund.

Lange galt Cannabis als gefährliche Einstiegsdroge. In den vergangenen Jahren jedoch hat es nicht nur im Verborgenen an Beliebtheit, sondern auch öffentlich an Akzeptanz gewonnen. Ob man nun von Dope, Weed oder Marihuana spricht, Ganja, Gras oder Hanf – Cannabis ist dem Global Drug Survey zufolge die weltweit am zweithäufigsten konsumierte Droge nach Alkohol und vor Nikotin. In Europa ist es weiterhin die am häufigsten genommene illegale Substanz, und in Deutschland war es zuletzt mit Abstand das meist gehandelte Betäubungsmittel.

In immer mehr Ländern ist Kiffen nicht nur zu medizinischen Zwecken, sondern zudem zum reinen Genuss legal. Bald auch hier zu Lande, wenn es nach der amtierenden Regierung geht. »Wir führen die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften ein«, heißt es im Koalitionsvertrag von 2021.

Dabei haben Forschende mittlerweile so einiges Wissen über Cannabis und Kiffen zusammengetragen, das den legalen Rausch mit grüner Brille unattraktiver macht, als manche sich vorstellen. Entsprechend wichtig ist es, geeignete Maßnahmen zu beschließen, um Schaden zu verhindern.

Sicher, Cannabis macht nicht so schnell abhängig wie Heroin. Sorgfältig dosiert, kann es das allgemeine Wohlgefühl verbessern, beruhigen und Schmerzen lindern. Seit der Legalisierung von Cannabis – für den medizinischen Gebrauch oder als Genussmittel – gibt es in mehreren Staaten zunehmend professionellen Anbau, der tendenziell zu qualitativ hochwertigen Züchtungen führt. Doch es geraten immer neue, unkontrollierte Varianten in Umlauf. In Europa kursieren dabei auffallend viele Produkte, die mit gefährlichen synthetischen Cannabinoiden versetzt sind. Und der Trend setzt sich fort, Cannabis ist so stark wie nie.

All das sollte bedenken, wer plant, die Droge zu Genusszwecken zu legalisieren, oder trotz Verbot zum Joint greift. Wer kiffen möchte, kann das höchstens risikobewusst, niemals aber sicher (siehe »Wenn schon kiffen, dann mit möglichst geringem Risiko«). Erst recht nicht als Jugendlicher. Gleichzeitig gilt: Je mehr die Konsumenten über Wirkung, Beschaffenheit und Konsummöglichkeiten wissen, desto geringer ist die Gefahr, sich ungewollt stark zu schaden.

THC sorgt für den Rausch

Die Zahl der Cannabis­konsumenten ist in den vergangenen zehn Jahren um fast 18 Prozent gestiegen. Selbst in Pandemiezeiten wurde fleißig gekifft, Lockdowns und Kontaktbeschränkungen änderten daran kaum etwas (siehe »Drogenkonsum in der Pandemie«). Nun hat es zwar meist keine negativen Folgen, gelegentlich einen Joint zu rauchen oder Haschkekse zu essen. Aber Cannabis ist eine Droge, die bei regelmäßigem Konsum psychisch abhängig machen kann. Wie genau, wird noch immer erforscht.

Bekannt ist bereits, dass die Pflanze mindestens 60 unterschiedliche Substanzen enthält, die Cannabinoide, von denen einige das Bewusstsein verändern. Ein medizinisch interessanter Wirkstoff des Hanfs ist das schwach psychoaktive Cannabidiol (CBD), das krampflösend und entzündungshemmend wirkt und sich auch gegen Übelkeit und Angstzustände einsetzen lässt. Eine weitere Verbindung wirkt jedoch deutlich intensiver: Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC). Darauf haben es viele Pflanzenzüchter abgesehen.

Die chemische Struktur von THC ähnelt in ihrer Form der im Körper natürlich vorkommenden Verbindung Anandamid. Anandamide sind verantwortlich dafür, chemische Botschaften von Nervenzelle zu Nervenzelle zu senden. Indem sie an bestimmte Rezeptoren binden, beeinflussen sie unter anderem, wie Menschen schmecken, riechen, hören, wie sie denken, sich bewegen und sich konzentrieren. Von den Rezeptoren gibt es zwei Haupttypen. CB2-Rezeptoren befinden sich hauptsächlich auf Zellen des Immunsystems, CB1-Rezeptoren auf Nervenzellen im Gehirn. Dockt nun THC statt Anandamid an CB1 an, ist man im Rausch.

Drogenkonsum in der Pandemie

Das Geschäft mit Cannabis blieb von der Coronapandemie nahezu unberührt. Der Anbau von Cannabis in der Europäischen Union lag im Jahr 2020 auf dem gleichen Niveau wie zuvor. Manche Nutzerinnen und Nutzer haben ihr Verhalten zwar angepasst, Gelegenheitskiffer gab es weniger, wer rauchte, teilte seine Joints seltener mit anderen. Doch Dealer fanden Absatz, Nutzerinnen und Nutzer die gewünschten Produkte.

Wer vor der Coronapandemie gelegentlich Drogen verwendet hat, hat den Konsum währenddessen eingeschränkt oder sogar gänzlich aufgegeben. Wer hingegen regelmäßig zu Cannabis, Heroin oder anderen Drogen griff, konsumierte in der Zeit mehr. Darauf würden Studien hindeuten, heißt es im Europäischen Drogenbericht 2021.

Was viele Nutzerinnen und Nutzer von Cannabis sich fragten: Inwiefern sollte ich mein Verhalten auf Grund von Corona anpassen? »In den vergangenen Jahren wurde das Teilen eines Joints, was in der Vergangenheit als Ausdruck der Freundschaft, Gemeinschaft und Großzügigkeit angesehen wurde, für einige zwangsläufig ein möglicher Übertragungsweg für Covid und damit etwas, das man vermeiden sollte«, steht im Global Drug Survey Report 2021.

Herauszufinden, inwiefern die Pandemie das Nutzungsverhalten beeinflusst, war ein Kernthema der aktuellen Umfrage. Demnach rollten oder stopften mehr Menschen ihre Joints und Bongs selbst. Auch lehnte man angebotene Joints häufiger ab, öffnete – wenn mit anderen gekifft wurde – öfter die Fenster als vor der Pandemie und hielt Abstand.

Wie stark ein Joint ist, wird von der Menge an CBD und THC bestimmt. Cannabidiol kann die Wirkung von THC abmildern. Ist die Menge groß genug, fühlt man sich nach dem Rauchen eher entspannt bis schläfrig. Hat das Cannabis in der Tüte jedoch einen besonders geringen CBD-Anteil, ist mit Halluzinationen zu rechnen.

Welche CBD- und THC-Anteile für den Gebrauch zum Genuss künftig hier zu Lande legal sein sollen, ist bisher unklar. Eine Mengenbegrenzung ist ebenfalls geplant, der Wert jedoch noch nicht festgelegt. Bei Patientinnen und Patienten, die in Deutschland mit Cannabis behandelt werden, bemisst sich die Menge derzeit nach Bedarf und Rezept. »Es geht beispielsweise um 30-Gramm-Einheiten mit einem THC-Gehalt von 18 bis 21,8 Prozent«, erklärt der Apotheker Frank Buffleb. Für die potenteren Mittel braucht es derzeit Cannabis aus dem Ausland. In Deutschland angebaut werden nämlich nur zwei Sorten der Pflanze, eine mit 14 Prozent THC-Gehalt, die andere mit 20 Prozent.

In den USA variiert die Menge je nach Bundesstaat: In Oregon dürfen Menschen, die älter als 21 Jahre sind, bis zu einer Unze Marihuana besitzen (rund 30 Gramm), wenn sie sich in der Öffentlichkeit aufhalten, daheim das Achtfache. In Kanada wiederum ist in den meisten Provinzen und Territorien 19 Jahre das Mindestalter, erlaubt sind bis zu 30 Gramm getrocknetes Cannabis oder Äquivalente wie 150 Gramm frisches Cannabis oder 30 Samen von Cannabispflanzen.

Einer der Geschäftsführer des deutschen Cannabisherstellers Demecan, Adrian Fischer, spricht sich für eine Abstufung nach Altersgrenzen aus: »Beispielsweise könnte man ab 18 Jahren nur Produkte mit bis zu 10 Prozent THC kaufen, ab 21 Jahren auch stärkere Blüten.« Die 10-Prozent-Marke wird in manchen wissenschaftlichen Studien als Grenze zwischen geringem und hohem Gehalt gewertet.

Das stärkste Cannabis aller Zeiten

Nun gibt es hinsichtlich der Potenz der Droge gleich zwei bedenkliche Entwicklungen. Problematisch ist erstens, dass der THC-Anteil der Pflanzen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich angestiegen ist. Darauf deuten Stichproben hin, die immer mal wieder in Studien publiziert wurden. Die Werte variieren je nach Sorte, Anbaubedingungen und Verarbeitung sowie Untersuchungszeitraum und Ort, auch weil es keine offiziellen Kontrollen gibt. Laut einer Studie lässt sich sagen, dass sich die Potenz von Cannabiskraut und -harz zwischen 2006 und 2016 im Durchschnitt verdoppelt hat. Einer Metaanalyse nach hat der THC-Anteil in Cannabisblüten zwischen 1970 und 2017 um 14 Prozent zugenommen, bei Haschisch habe es zwischen 1975 und 2017 einen Anstieg um 24 Prozent gegeben. Das aus dem Harz der Cannabispflanze gewonnene Haschisch ist demnach inzwischen stärker als normales Gras.

Es gibt Menschen, die ein sanfteres Gras gegenüber Formen mit hoher THC-Potenz bevorzugen würden. Das zeigen Daten der Global Drug Surveys der vergangenen Jahre. Gleichzeitig halten »viele Verbraucher Produkte mit höherem THC-Gehalt für besser«, sagt Suchtforscher Adam Winstock, Direktor des Global Drug Survey. Dabei legen Studien nahe, dass Produkte mit höherem THC-Gehalt zwar einen besseren Rausch bewirken, jedoch zugleich mit einer höheren Rate an unerwünschten Wirkungen wie Gedächtnisverlust und Paranoia verbunden sind. »Letztendlich sind Cannabisprodukte mit höherem THC-Gehalt – ähnlich wie Alkohol – schwieriger auf die gewünschte Wirkung einzustellen und können zu einer schnelleren Entwicklung von Toleranz führen«, sagt Winstock.

Die zweite bedenkliche Entwicklung: Es taucht immer häufiger verunreinigtes Gras auf. Laut dem Deutschen Hanfverband finden sich auf dem Schwarzmarkt allerhand Produkte, die beispielsweise mit Sand, Talkum, Zucker, Haarspray oder anderen Zutaten gestreckt sind. Je nach Substanz und Menge ist das gesundheitsgefährdend. Hinzu kommt – und diese Entwicklung bewerten Fachleute als besonders bedenklich – Gras, das mit synthetischen Cannabinoiden besprüht wurde. Allein im ersten Quartal 2021 hat der deutsche Zoll mehr als 150 Kilogramm dieser gefährlichen Mischung bei der Einfuhr aus der Schweiz sowie aus den Niederlanden sichergestellt.

Die künstlichen Verbindungen, die in Chemiegras stecken, sind oft um ein Vielfaches stärker als das THC. Das Risiko einer Abhängigkeit ist deshalb vergleichsweise größer, Überdosierungen sind wahrscheinlicher, Panikattacken, Schwindel, Herzrasen, Psychosen mögliche Folgen des Rauschs. In manchen Fällen endet dieser sogar tödlich.

Ob jemand mit Chemiegras gestrecktes Cannabis kauft, ist für Konsumenten nicht erkennbar. Daran schnuppern, riechen, es betasten – nützt alles nichts. Allein ein Labortest liefert brauchbare Ergebnisse. Und wer würde schon seine illegale Droge offiziell testen lassen?

Sauberes, gutes Gras – ein Argument für die Legalisierung

Wäre Cannabis legal, lautet ein Argument der Legalisierungsbefürworter, gäbe es endlich eine offizielle Qualitätskontrolle und damit geprüfte Bezugsquellen. Andere Pro-Argumente sind wirtschaftlicher Natur. So könnte die Legalisierung dem Staat laut einer Untersuchung Einnahmen in Höhe von bis zu 4,7 Milliarden Euro bringen. Auch würden Arbeitsplätze geschaffen, weil irgendwer das Rauschmittel schließlich anbauen, züchten, verarbeiten und verkaufen muss, heißt es in dem Papier. Zudem würden Polizei und Justiz entlastet, etwa weil es weniger Strafverfahren gäbe (siehe »Was steht im Gesetz?«).

Adrian Fischer von Demecan geht davon aus, dass auf eine Freigabe weniger strikte Regularien für die Herstellung folgen: »Derzeit muss alles nach dem Betäubungsmittelgesetz geschützt sein, das ist sehr aufwändig und könnte sich mit der Legalisierung ändern.« Sicherlich würden Unternehmen – es dürften dann deutlich mehr sein als jetzt – weiterhin nach einem hohen Standard arbeiten, »aber eben nicht mehr mit dem höchsten«.

Was steht im Gesetz?

Der Konsum von Cannabis ist nicht strafbar. Es zu besitzen schon. Wer Cannabis konsumiert, sollte daher mit rechtlichen Folgen rechnen (Redaktionsschluss: 6. April 2022). Das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) schreibt in Deutschland vor, dass jeglicher Besitz von Cannabis und Cannabisprodukten strafbar ist. Auch Handel und Anbau sind untersagt, wie bei anderen illegalen Drogen, beispielsweise Kokain. Laut § 29 ff. des BtMG führt der Besitz von Cannabis zu einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder zu einer Geldstrafe.

Theoretisch kann manches eingeleitete Strafverfahren eingestellt werden. Entscheidend ist, ob das Cannabis für einen selbst ist und um wie viel es geht. Dabei liegt der Toleranzbereich je nach Bundesland bei 6 bis 15 Gramm. Gefährdet man mit seinem Konsum andere, kommt es in jedem Fall zu einer Strafe.

Ein Joint gegen Übelkeit? Leicht ist es nicht, an ein Rezept für medizinisches Cannabis zu gelangen. Zum einen müssen Ärzte zuvor alle anderen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft haben. Zum anderen kommen nur Patientinnen und Patienten mit schwer wiegenden Erkrankungen in Frage. Welche das sind, wird im Gesetz nicht näher definiert. Ärzte müssen die Verschreibung gegenüber der Krankenkasse jedoch begründen (§ 31 Absatz 6 SGB V).

Tatsächlich ist unklar, ob eine Legalisierung sich letztlich positiv oder negativ auswirkt. Studiendaten aus Ländern, in denen es bereits erlaubt ist, Cannabis zu besitzen und verkaufen, liefern gemischte Ergebnisse. Sie deuten auf einen positiven Einfluss auf die soziale Gerechtigkeit hin – Repressionen erschweren Hilfsangebote, die Kriminalisierung trifft derzeit vor allem junge Leute mit destruktiver Härte –, gleichzeitig erhöht sich das Risiko einer Abhängigkeit. »Je höher der Konsum, desto höher das Suchtrisiko«, sagt Suchtforscher Kiefer. Wird Cannabis legal, könnten mehr Menschen gewillt sein, es auszuprobieren, und eher dazu neigen, sich häufiger zu berauschen.

In den USA konsumieren nun vor allem mehr Erwachsene die Substanz regelmäßig. Mit welchen Folgen, legt eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2020 nahe: Es gibt mehr Einweisungen ins Krankenhaus wegen einer akuten Überdosis, etwa Vergiftungen bei Kindern oder zyklisches Erbrechen. »Ob es auch zu mehr Verkehrsunfällen, Abhängigkeiten, psychischen Störungen, Behandlungsnachfragen und Suiziden kommt, ist bisher unklar«, sagte dazu die Psychologin Eva Hoch im Interview mit »Gehirn&Geist«. »Dennoch sprechen die Befunde dafür, dass die Probleme insgesamt zunehmen.«

Auch die Zahl der jugendlichen Konsumenten hat in den Vereinigten Staaten laut manchen Studien zugenommen. Nur bedingt zwar, aber dennoch beachtenswert. Denn für Jugendliche ist Cannabis deutlich gefährlicher als für Erwachsene.

Da ist zum einen das bereits erwähnte Suchtrisiko: »Es ist individuell unterschiedlich, hängt aber mit dem Alter zusammen«, sagt Kiefer. »Je früher man Cannabis konsumiert, desto höher ist das Risiko, abhängig zu werden.« Außerdem verändert Gras das Gehirn von Heranwachsenden – regelmäßiges Kiffen führt bei ihnen zu einer Ausdünnung der Hirnrinde im präfrontalen Kortex, der wichtig etwa für Impulskontrolle, Planen und Konzentration ist. Der Konsum erhöht auch bei jungen Menschen das Risiko eines Herzinfarkts, der Rauch kann die Lunge nachhaltig schädigen. Und insbesondere bei Jugendlichen besteht bei regelmäßigem Cannabiskonsum die Gefahr einer Psychose.

Bleibt der Cannabis-Selbstanbau verboten?

Politikerinnen und Politiker, die über die Freigabe diskutieren, sollen und wollen sich mit Forschungsergebnissen auseinandersetzen. Indem man die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene einführt, würde die Qualität kontrolliert, die Weitergabe verunreinigter Substanzen verhindert und der Jugendschutz gewährleistet, heißt es im Koalitionsvertrag. Ein Thema, das viele Deutsche beschäftigt, wenn sie sich über die Legalisierung Gedanken machen (siehe »Welche Sorgen haben Sie bezüglich einer Cannabis-Legalisierung?«). »Wir messen Regelungen immer wieder an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und richten daran Maßnahmen zum Gesundheitsschutz aus«, ist dort weiter zu lesen.

Der Suchtforscher Falk Kiefer hat in seiner Funktion als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie mit Kollegen und Kolleginnen diverser Fachgesellschaften in einem Positionspapier passend dazu fünf Forderungen an die politischen Entscheidungsträger formuliert. Der Jugendschutz sei auszubauen, Cannabis entsprechend nur nach Kontrolle des Alters ab dem 18. Lebensjahr auszugeben – gar erst ab dem 21. Lebensjahr. Das ist insofern näher zu verfolgen, als auffallend mehr junge Menschen Cannabis nach der Legalisierung probieren würden (siehe »Würden Sie Cannabis ausprobieren, wenn es legalisiert würde?«). Illegaler Handel sei konsequent zu unterbinden und der Verkauf an Jugendliche angemessen zu bestrafen, heißt es in dem Papier von Februar 2022. »Parallel zu den steigenden Steuereinnahmen durch den Verkauf von Cannabis zu Rauschzwecken und in vergleichbarer Größenordnung müssen dem Gesundheitsbereich zusätzliche Mittel zukommen«, um umfangreicher schützen, behandeln und – der vierte Punkt – umfassende, begleitende Forschung ermöglichen zu können. Zu guter Letzt fordern die Fachgesellschaften ein Expertengremium, das die Regierung eng berät.

»Wer profitiert von der Legalisierung?« Das sei eine entscheidende Frage, sagt Kiefer. »Helfen wird sie in erster Linie denjenigen, die bereits ab und zu Cannabis konsumieren und dies dann legal tun können.« Das aber sei nur ein kleiner Anteil von drei bis fünf Prozent der Bevölkerung. »Wie verbindet man das mit dem Jugendschutz? Wer will den Selbstanbau verbieten, wenn Cannabis verkaufsfähig ist? Rechtfertigen die Entlastungen der Justiz die zusätzlichen Herausforderungen für das Gesundheitssystem?« Alles Fragen, die es zu klären gilt.

Bleibt festzuhalten: Cannabis ist nicht zu unterschätzen. Der mögliche Schaden lässt sich zwar begrenzen, und ein Rausch kann wie oft gewünscht entspannen, beim Einschlafen helfen, die Stimmung heben, Schmerzen lindern und Langeweile entgegenwirken. Einen sicheren oder gar gesunden Konsum der Droge gibt es nicht. Ob legal oder nicht.

  • Wenn schon kiffen, dann mit möglichst geringem Risiko
    Es sollte klar sein: Keine Droge ist harmlos. Entsprechend ist jeglicher Konsum mit Gefahren verbunden, auch der von Cannabis. »Es gibt keine sichere Untergrenze, bei der der Konsum gänzlich unbedenklich ist«, sagt der Suchtforscher Falk Kiefer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Doch es ist möglich, die Risiken zu minimieren.
  • Auf die Qualität achten
    Was wirklich drin steckt, weiß nur, wer selbst anbaut. Das aber ist derzeit verboten. Der Deutsche Hanfverband gibt Hinweise, wie sich verunreinigtes Marihuana erkennen lässt; Sand rieselt beispielsweise in der Tüte zumeist hinab, verbrixtes Gras riecht oft sehr schwach, Haarspray-Hasch klebt und riecht chemisch-süßlich. Auch sollte man, um die Kontrolle zu bewahren, zunächst möglichst gering dosieren und sich stets bewusst sein, dass manche Hersteller und Dealer Cannabis strecken oder verunreinigen. Damit steigt die Gefahr für schlechte Trips und Vergiftungen.

  • Dampfen statt rauchen
    Das zu Klumpen gepresste Harz (Haschisch) sowie die getrockneten Blätter und Blüten (Gras/Marihuana) werden meist als Joint geraucht, teils in Wasserpfeifen oder Vaporizern. Weil Dampfen ohne Tabak auskommt, schadet es nach jetziger Kenntnis den Atemwegen weniger als Rauchen. Allerdings ist in Vaporizern THC vergleichsweise konzentrierter, das High weniger gut zu kontrollieren.
  • Dampfen statt essen
    Cannabis in Keksen oder anderen Backwaren wirkt langsamer als gerauchtes Cannabis. Es kann mindestens ein oder zwei Stunden dauern, bis die Wirkung eintritt. Um Überdosierung zu vermeiden, lieber langsam essen. Außerdem wird der THC-Gehalt beim Backen nicht unbedingt gleichmäßig im Teig verteilt; einzelne Kekse oder Kuchenteile können unterschiedlich stark sein. Und: bitte niemals einer Person ohne ihr Wissen einen Cannabis-Keks geben.
  • Den Rausch nicht unterschätzen
    Wer bekifft ist, ist fahruntüchtig. Ob nach 30 oder 90 Minuten – in Studien schnitten Teilnehmende beim Fahren im Rausch deutlich schlechter ab als die Kontrollgruppe. Geringfügige Beeinträchtigungen fanden die Forschenden sogar noch nach dreieinhalb Stunden. Erst eine weitere Stunde später waren alle wieder auf dem gleichen Level.
  • Achtsam bleiben
    Es mag sich anders anfühlen, aber nüchtern sind Menschen leistungsfähiger als high. Insofern sollte man sich genau überlegen, wann man kifft – möglichst nicht schon morgens und nicht jeden Tag. Wichtig ist es laut Global Drug Survey (GDS) zudem, bewusst Pausen einzulegen, bestenfalls mehrere Male im Jahr mindestens drei bis vier Wochen. Menschen mit psychischen Problemen sollte bewusst sein, dass Cannabis ihren Zustand verschlimmern kann.Weitere Tipps finden sich auf www.saferuselimits.co, basierend auf dem Feedback von 40 000 GDS-Teilnehmenden.
  • Hier finden Sie Unterstützung
    All das Wissen kann helfen, Risiken zu mindern, eine individuelle Suchtberatung ersetzt es aber nicht. Wer unsicher ist, ob alles nach Plan läuft, kann beispielsweise mit Hilfe des drugcom-Selbsttests herausfinden, wie riskant der eigene Konsum ist. »Quit the Shit« wiederum hilft dabei, weniger oder gar nicht mehr zu kiffen. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen hat zudem eine Liste mit Beratungsstellen zusammengestellt, wo man ebenfalls kostenlos Rat und Unterstützung findet. Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner lassen sich nach Bundesland und Stadt oder Postleitzahl suchen. Zudem besteht die Möglichkeit, rund um die Uhr bei der anonymen, kostenpflichtigen Sucht & Drogen Hotline anzurufen (01806 – 313031).

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