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News: Dürftige Wegbeschreibung

Aufregung herrscht im Bienenkorb: Eine Kundschafterin ist von ihrem Flug zurück, wild schwänzelnd berichtet sie von einer süßen Nahrungsquelle. Aufmerksam verfolgen ihre Stockgenossinnen den Tanz und machen sich dann gemeinsam auf, um den kostbaren Nektar einzusammeln. Doch wie genau hat die glückliche Finderin den Weg beschrieben? Indem Forscher die kleinen Insekten bewusst in die Irre führten, könnten sie dieses Rätsel lösen. Und offenbar sagen die Nektarsucher nicht viel: Sie verraten die Himmelsrichtung und wie viele verschiedene Bildeindrücke sie auf ihrem Weg gesammelt haben. Doch das reicht aus, um die hungrigen Sammlerinnen erfolgreich ans Ziel zu lotsen.
Wenn Bienen auf ihrem Erkundungsflug eine neue Futterquelle entdecken, berichten sie ihren Artgenossinnen im heimischen Stock tanzend von ihrem verheißungsvollen Fund. Doch seitdem Karl von Frisch in den zwanziger Jahren den Schwänzeltanz der braun-gelben Brummer beschrieb, rätseln Wissenschaftler, was die Tänzerin ihren Zuschauerinnen überhaupt erzählt. Wie detailliert ist ihre Ortsbeschreibung? Können die anderen dorthin finden, ohne dass die Entdeckerin sie begleitet? Oder vermittelt sie nur eine grobe Orientierung, und der Duft der Blüten lockt dann letztendlich zum Ziel?

Im Februar 2000 konnten Wissenschaftler um Jürgen Tautz von der Universität Würzburg den optischen "Kilometerzähler" der Bienen aufdecken. Sie schickten die kleinen Insekten durch eine gemusterte Röhre, an deren Ende lohnendes Futter wartete. Verblüfft stellten die Forscher damals fest, dass ihre Versuchstiere im Stock nachher von deutlich weiteren Reisen berichteten – statt der sechs Meter Tunnel wollten sie etwa 180 Meter zurückgelegt haben. Nach zahlreichen weiteren Versuchen schlossen Tautz und seine Kollegen, dass die Bienen die zurückgelegte Entfernung anhand des optischen Flusses messen – im Prinzip der Anzahl wechselnder Bilder, die auf ihrem Flug unter ihnen vorbeiziehen.

Doch welche Wegbeschreibung geben die "Tunnelbienen" nun ihren sammelhungrigen Mitbewohnerinnen? Dafür schickten die Forscher ihre Versuchskandidatinnen erneut in die Röhre – diesmal acht Meter lang und drei Meter vom Stock entfernt, mit Ausrichtung nach Süden. Und wieder wartete am Ende die süße Belohnung. Vom Training zurück schwänzelten sie ihren Zuschauerinnen 360 Millisekunden etwas vor. Verglichen mit der Tanzdauer nach Freilandausflügen in dieser Richtung entsprach das einer zurückgelegten Strecke von 72 Metern. Also stellten Tautz und seine Kollegen Beobachtungsstationen in der Entfernung auf und siehe da: Nach kaum zehn Minuten trafen die ersten eifrigen Nektarsammler am Kontrollposten ein. Trotz fehlender Belohnung suchten sie beharrlich nach der süßen Quelle, von der sie offenbar erfahren hatten. Von der Schale im Tunnel hingegen wussten sie augenscheinlich nichts.

Anschließend wiederholten die Wissenschaftler das Experiment mit einer nur sechs Meter langen Röhre, die sie nach Nordwesten ausrichteten. Der Schwänzeltanz dauerte nun 270 Sekunden, was der Entfernungstabelle zufolge etwa 52 Metern Distanz entsprechen sollte. Doch die Kontrollposten an dieser Stelle sahen die frisch Unterrichteten nur vorbeifliegen, denn diese eilten schnurstracks noch 90 Meter weiter. Erst nach 140 Metern begannen sie, die Belohnung zu suchen. Als die Forscher ihre Bienen daraufhin eine neue Eichkurve aufstellen ließen, zeigte sich, dass in nordwestlicher Richtung der Schwänzeltanz von 270 Millisekunden einer Distanz von 152 Metern entspricht – passend zur vorherigen Beobachtung.

Die Entfernungstabelle gilt offenbar nicht absolut, sondern ist abhängig davon, wie abwechslungsreich der überquerte Untergrund ist. So bot der Weg nach Süden den Bienen deutlich mehr Eindrücke als der Flug nach Nordwesten, und dementsprechend umfangreicher war auch der optische Fluss, den sie dabei aufnahmen. Außerdem könnte für die genarrten Nektarsammler in diesem Versuch die Geländeform eine Rolle gespielt haben: In Richtung Süden mussten die Insekten bergauf fliegen, nach Nordwesten ging es jedoch bergab. Aus früheren Untersuchungen ist schon bekannt, dass Bienen für einen höher gelegenen Futterplatz eine größere Strecke angeben. Bisher erklärten Forscher das mit einem höheren Energieverbrauch, der eine längere Reise vorgaukeln würde.

Die Information, die Bienen ihren Artgenossinnen mit ihrem Schwänzeltanz übermitteln, ist jedenfalls recht einfach: Sie enthält die Richtungsangabe und die Anzahl der Bilder, die während des Fluges unter ihnen vorbeiziehen müssen. Dabei ist die möglichst korrekte Himmelsrichtung ganz entscheidend, denn sonst erreichen die kleinen Brummer ihr Ziel nicht. Der Tanz verrät aber nichts über die Art der Landschaft – denn sonst wären auch die anderen in den Tunnel gekrochen.

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  • Quellen
Nature 411: 581–583 (2001)

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