Dürre und Hitze: Wie Bäume sich gegen schwere Schäden wehren

Herr Grüner, mein Arbeitsweg führt durch das Neckartal nach Heidelberg, und jeden Tag beobachte ich mehr braune Bäume auf den bewaldeten Hügeln. Auch aus anderen Teilen Deutschlands wird Ähnliches gemeldet. Welche Arten sind denn von dieser Verbraunung hauptsächlich betroffen?
Jede Baumart reagiert ein bisschen anders. In Baden-Württemberg wachsen sehr viele Buchen, bei denen es am stärksten auffällt. Das sieht man jetzt seit ein paar Wochen. Wenn ich an mir bekannten Waldflächen vorbeikomme, bemerke ich quasi täglich, wie die braune Farbe im Vergleich mit den grünen Anteilen zunimmt. Doch andere Arten sind ebenfalls stark betroffen, etwa die Birke. Linden halten bislang relativ gut durch. Auch der Ahorn steht oftmals noch sehr gut da. Aber es kommt dann wirklich auch auf den Standort an.
Welche Standorte sind besonders gefährdet?
Besonders betroffen sind Waldränder oder Bergkämme, weil die Sonne direkt auf sie scheint. Hier überlagern sich momentan zwei Effekte. Zum einen haben wir jetzt in vielen Regionen seit Wochen sehr wenige Niederschläge, und die Wasserverfügbarkeit wird immer knapper. Und zum anderen sehen wir seit Anfang Juli direkte Hitze- und Strahlungsschäden, da in der Zeit die Sonne noch sehr hoch stand. Das erzeugt auf den Blättern Sonnenbrand und schädigt sie bis zum Absterben. Wir beobachten außerdem – zumindest beim Monitoring für die Buche –, dass es an den meisten Standorten immer noch vitale Bäume gibt. Das macht Hoffnung, obwohl teilweise der Anteil deutlich geschwächter Buchen überwiegt.
Ist das Braunwerden nur ein Stressanzeichen oder auch ein Schutzmechanismus, der dem Baum beim Überleben hilft? Indem er zum Beispiel das wertvolle Chlorophyll zurück in den Stamm oder in die Knospen zieht?
Für die Bäume ist es eine Gratwanderung, da sich die extremen Wetterphasen mehren: Wir haben starke Hitzewellen mit sehr hohen Temperaturen, gepaart mit intensiver Dürre. Dieses Jahr folgt auf derartige Hitzewellen in vielen Regionen nicht einmal ein Regen, sondern es wird vielleicht ein paar Grad Celsius kühler und dann kommt schon wieder die Hitze. Wenn die Bäume überhaupt noch reagieren können, dann mit den ihnen möglichen Schutzreaktionen.
»Ähnlich wie viele Menschen auch leiden gerade viele Bäume unter der Hitze«
Buchen neigen zur sogenannten Schiffchenbildung, bei der sich die Blätter in Längsrichtung nach oben einrollen. Damit wollen sie vermeiden, dass die Strahlung direkte Schäden anrichten kann. Als nächste Reaktion ziehen die Zweige eine Art Trennschicht ein, sodass die Blätter abfallen – nach dem Motto: Ich kann jetzt nicht mehr meine ganze grüne Krone im belaubten Zustand halten, dazu brauche ich zu viel Wasser, ich werfe jetzt Blätter ab. Das gehört ebenfalls noch zu den vom Baum gesteuerten Reaktionen. Linden hingegen besitzen eine weiße, behaarte Blattunterseite, die sie verstärkt nach oben drehen. Sie reflektieren mehr Licht und schützen sich dadurch.
Andere Bäume werden dagegen fast schlagartig komplett braun …
Ja! Das sieht man beispielsweise an Standorten, die leicht erhöht sind, etwa bei Birken an Straßenrändern oder im städtischen Bereich. Sie haben sehr flach verlaufende Wurzeln, mit denen sie tiefere, vielleicht noch feuchte Bodenschichten nicht erreichen. Sie werden plötzlich braun und können das Laub gar nicht mehr abwerfen.
Das heißt nicht, dass der Baum jetzt auf jeden Fall abgestorben ist. Er schützt sich mit der Verbraunung. Solange die Knospen für den nächsten Austrieb innen weiterhin grün sind, leben sie noch. Diese Knospen sind besser geschützt und verdunsten kein Wasser. Erst wenn auch sie absterben, ist der Baum tot. Momentan entledigen sich viele Bäume ihrer Blätter. Das geht schon Richtung Herbst.
ist promovierter Forstbotaniker und arbeitet in der Abteilung Waldschutz der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg in Freiburg. Dort leitet er das Fachgebiet zur Phytopathologie.
Die Kronenverlichtung, also der Abwurf der obersten Blätter, zeigt Stress an. Sie bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die Krone dann schon tatsächlich abgestorben ist?
Beides ist möglich. Auf alle Fälle muss der Baum hier reparieren. Ein braunes Blatt wird nicht wieder grün. Das kann nur durch neu ausgetriebene Blätter erfolgen. Und nach einem Extremjahr kann das in normalen, ausreichend feuchten Jahren auch passieren. Zwischen 2015 und 2020 etwa hatten wir sehr viele Hitzewellen und Dürreperioden während der Vegetationszeit. Die Buchen, aber auch andere Baumarten hatten anhaltenden Stress, der nur von wenigen normalen Jahren abgelöst wurde.
Deshalb sterben viele Bäume sukzessive, weil es auch im Boden an den Wurzeln zu Schäden kommt. Die Pflanzen können sich nicht mehr bis oben mit Wasser versorgen. Das bedeutet leider, dass die älteren und höchsten Bäume den größten Wasserstress haben, weil der Weg von der Wurzel- bis zur Blattspitze bei ihnen am längsten ausfällt. Reißt der Wasserfaden hier einmal ab, kommt es zur Embolie und ein Teil des Baums wird nicht mehr versorgt. Er stirbt hier nach und nach ab.
»Theoretisch können sich die einzelnen Bäume schon wieder erholen, wenn der Schaden nicht zu groß ausfällt«
Gibt es für andere noch Hoffnung?
Theoretisch können sich die einzelnen Bäume schon wieder erholen, wenn der Schaden nicht zu groß ausfällt. Dafür müsste auf einen ausreichend nassen Winter auch ein feuchterer Frühling und Sommer folgen und sich der Grundwasserhaushalt normalisieren. Dann können sich diese Bäume zumindest teilweise wieder regenerieren.
Das beobachteten wir 2021 mit einem feuchten Herbst und Winter bis zum Austrieb 2022. Viele zuvor geschädigte Bäume entwickelten wieder grünere Kronen. Wünschenswert wäre es gewesen, diese feuchten Jahre hätten sich danach noch öfter wiederholt, aber das unterblieb leider.
Birken gehören zu den Flachwurzlern und erreichen daher mit ihren Wurzeln tiefer liegende und damit vielleicht feuchtere Bodenschichten nicht mehr. Viele Birken sind daher im Süden und Südwesten Deutschlands bereits am Verbraunen oder komplett nur noch mit braunem Laub bedeckt.
Der Wald ist also im Dauerstress?
Genau: Zuerst haben wir zu hohe Temperaturen im Spätwinter und frühen Frühling. Ab und zu folgen Spätfröste. Auf Trockenphasen im Frühling und Sommer schließen sich starke Regenfälle im Herbst an. Oder im Winter regnet es, wo vielleicht Schnee da sein könnte. Und dann gerät alles ein bisschen durcheinander. Ich will nicht sagen, dass die Bäume verwirrt reagieren, aber bisweilen treiben sie nach sommerlicher Trockenheit im milden, nassen Herbst zu spät beziehungsweise vorausgreifend noch einmal aus.
Was nicht ohne Risiko ist?
Richtig. Denn wenn sie in dieser Jahreszeit noch einmal austreiben und es kommt doch einmal ein härterer Frühwinter, kann der Frost sie schädigen. Dazu laufen gerade Studien, wie beispielsweise die Buche das verkraftet. Wir konnten beobachten, wie die Bäume nach einem trockenheißen Sommer im Oktober nochmals ein bisschen grün wurden. Im Winter haben sie dieses Laub erneut verloren, aber die meisten Triebe überlebten. Der Winter fiel allerdings recht mild aus. Es ist ein riskantes Spiel, denn es können die neu gebildeten Reserven verloren gehen, wenn durch Frost zu viel Pflanzengewebe abstirbt und zerstört wird.
Jetzt sieht es nicht danach aus, als würde es im Südwesten und Süden Deutschlands in nächster Zeit flächendeckend ergiebige Niederschläge geben. Wie, denken Sie, wird sich dann die Situation im Wald entwickeln?
Ich hoffe, dass wir bald wieder mehr Wasser im Wald haben. Erst dann werden wir sehen, wie die Bäume reagieren, und wissen, ob die Dürre wirklich zu lange gedauert hat. Was wir aktuell bereits beobachten, sind viele Astabbrüche, was einen weiteren Stressfaktor erzeugen kann. Die Bruchstellen bieten Einfallstore für Pathogene und Schädlinge, inklusive Pilzen, die an die Wurzeln gehen können. Die Bäume sind zu schwach, um sich zu wehren, und das stresst sie weiter. Wir bekommen richtige Schadfaktorenketten. Ähnlich wie viele Menschen auch leiden gerade viele Bäume unter der Hitze.
»Die Buchen, aber auch andere Baumarten hatten anhaltenden Stress«
Sie haben angedeutet, dass es mehr Totholz im Wald geben wird. Erhöht sich durch diesen ganzen Stress zusätzlich die Waldbrandgefahr, auch in den Laub- und Laubmischwäldern?
Ja, es gibt gerade unfassbar viel brennbare Biomasse im Wald: trockene Äste, trockene Zweige, trockenes Holz, trockenes Laub, trockene Nadeln. Vertrocknetes Gras ist zum Teil auch da, was natürlich wunderbar geeignet ist, um flächig Feuer zu fangen.
Welche Folgen haben diese Extremjahre für den Waldumbau: Wie muss man etwa bei den Buchen reagieren – haben sie durch den Klimawandel noch Chancen im Flachland? Oder müssen mehr Eichen gepflanzt werden?
Es existieren sehr viele Ideen und Ansätze – und auch Bereiche, in denen schon vieles beim Umbau funktioniert. Auf der anderen Seite müssen wir uns fragen, auf welche Baumarten wir noch setzen können oder welche wir vielleicht aufgeben müssen. Dann fragen natürlich zu Recht die Waldökologen, was das zu bedeuten hätte. Wir ändern schließlich ein Ökosystem und schützenswerte Strukturen. Zumal wir beim Wald von teils jahrzehntelangen Entwicklungsphasen reden. Wir können nicht jedes Jahr die Strategie wechseln.
Diese Buchenblätter wurden von der starken Strahlung geschädigt: Sie haben quasi einen Sonnenbrand erlitten und wurden in der Folge braun. In diesen Bereichen erfolgt keine Fotosynthese mehr.
Betrachten wir die Buche, sind vor allem lange Hitze und Dürre ein Problem. Viele Buchenschäden sehen wir daher im warmen Oberrheingraben und Neckarraum, weil ausgerechnet dort viele Buchen wachsen. In dieser Region hatten wir in Summe für den Zeitraum 2019 bis 2023 die meisten Hitzetage mit mindestens 30 Grad Celsius zu verzeichnen. Folglich haben sich da in diesen Jahren die Schäden angehäuft. Auf der Schwäbischen Alb hingegen wachsen ebenfalls viele Buchen, doch dort ist es kühler und feuchter mit weniger Hitzetagen, weshalb es ihnen hier besser geht. Wir müssen also einzelne Regionen betrachten und entscheiden, welche Bäume mit den jeweiligen Standortbedingungen zurechtkommen.
Gibt es denn auch Bäume, die mit den Bedingungen von 2026 besser zurechtkommen?
Wir haben zum Glück noch ein großes Potenzial für viele Baumarten aus unterschiedlichen Herkünften. Einige zeichnen sich durch eine höhere Toleranz gegenüber Trockenstress aus. Viele Bäume fruchten dieses Jahr außerordentlich gut, etwa die Tanne, beim Ahorn ist es sogar sensationell. Regional gilt das sogar für Buchen.
Wir müssen nun beobachten, ob die Früchte reifen oder austrocknen, wie viele Keimlinge entstehen und aufwachsen. Die nächste Generation steht schon in den Startlöchern. Anschließend gilt es zu überwachen, wie gut die Durchmischung im Wald stattfindet und wer sich durchsetzt. Was bewährt sich? Das ist die eigentliche Frage an den Waldbau, um unsere Wälder fitter für die Zukunft im Klimawandel zu machen. Damit wir nicht in 50 oder 60 Jahren erneut vor ähnlichen Problemen stehen.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.