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Dürre in Deutschland: »Eine Dürre wie sie nur alle 50 Jahre vorkommt«

Die Zeichen stehen auf ausgeprägter Dürre, die Böden sind vielerorts bis in die Tiefe trocken – und großflächiger Regen nicht in Sicht. Welche Folgen für die Landwirtschaft, Wirtschaft und Natur sind zu erwarten? Muss Wasser rationiert werden? Und wie lange wird es dauern, bis die Dürre wieder nachlässt? Spektrum.de sprach mit dem Hydrologen Ralf Merz vom Umweltforschungszentrum Leipzig.
Eine weitläufige, trockene Landschaft mit einem einzelnen Baum im Vordergrund. Der Himmel ist klar und blau mit wenigen kleinen Wolken. Im Hintergrund sind weitere Bäume in einer Linie zu sehen. Die Szene vermittelt eine ruhige, ländliche Atmosphäre.
Im Südwesten Deutschlands herrschen seit Wochen Hitze und Trockenheit. Gewitter lindern den Wassermangel nur kurzfristig.

Herr Merz, im Südwesten Deutschlands herrscht seit Mitte Juni Hitze, Regen fällt praktisch nicht. Alles ist gelb, alles verwelkt. Wie trocken ist der Boden genau?

Besonders im Süden Baden-Württembergs und Bayern ist es sehr trocken, es gibt nur noch sehr wenig Wasser im Boden – sowohl im Oberboden als auch weiter unten. Unser Dürre-Monitor zeigt eine tiefrote Region. Es herrscht eine Dürre, wie sie statistisch nur alle fünfzig Jahre vorkommt.

Fünfzig Jahre? Alle zwei, drei Jahre ist es hier im Sommer mittlerweile so trocken.

So trocken wie derzeit nicht. Aber das Wasser wird langfristig im Sommerhalbjahr weniger. Das ist ein genereller Trend in Deutschland. Die Dürre im Südwesten ist vergleichbar mit der langwierigen Dürre im Nordosten von 2018 bis 2020. Die große Frage ist jetzt, wie es im Südwesten weitergeht.

Viel Regen kommt laut Wetterprognosen wohl nicht. Und die Hitze weicht nur kurz. Wird es so schlimm wie im Jahrhundertsommer 2003, der letztlich als katastrophales Wetterereignis in die Geschichte einging

Ja, wir sind im Süden in einer ähnlichen Situation wie 2003. Aber der Sommer hat gerade erst begonnen. Wir wissen nicht, wie es weitergeht.

Die meteorologischen Langfristmodelle zeigen wenig Regen und viel Hitze bis in den September. Steuern wir hierzulande auf eine richtige Wasserkrise zu?

Die Frage ist, wie man eine Wasserkrise definiert. Ich glaube schon, dass Probleme entstehen, aber ich glaube und hoffe nicht, dass wir Probleme mit der Trinkwasserversorgung bekommen. Es kann natürlich passieren, dass einige lokale Wasserwerke schließen müssen, aber man wird das ausgleichen können, vielleicht werden manche Orte mit Tanklastern versorgt werden müssen.

Bilder, in denen Tanklaster durch die Orte fahren, dienen nicht zur Beruhigung. Befürchten Sie, dass der eine oder andere ausflippt? 

Es kann schon sein, dass es irrationale Reaktionen gibt. Wir haben jahrzehntelange mit dem Bewusstsein gelebt, dass Wasser kein Problem ist in Deutschland. Man muss nur den Hahn aufdrehen und erhält Wasser in höchster Qualität zu einem äußerst günstigen Preis. Aber diese Einstellung ist nicht mehr zeitgemäß, das Bewusstsein sollte sich ändern. Wasser ist der Stoff, der sich nicht ersetzen lässt. Oder etwas banaler gesagt: Wasser ist Leben.

Wann wird die Lage kritisch?

Das Problem ist nicht nur der ausbleibende Regen. Wegen der starken Hitze ist auch die Verdunstung hoch. Das Wasser entweicht aus Vegetation und Boden in die Atmosphäre. Die Situation wird kritisch, wenn die Trockenheit anhält. So wie wir es im Nordosten ab 2018 erlebt haben.

Dürre 2026 |

In weiten Teilen Deutschlands herrscht eine 20- (rot) oder sogar schon 50-jährige Dürre (dunkelrot): Der Boden ist bis in die Tiefe ausgetrocknet, die Grundwasserpegel sinken. Und der Sommer hat erst begonnen.

Welche Folgen befürchten Sie? 

Das gesamte Bodenprofil ist sehr trocken. An manchen Stellen ist der Oberboden durch vergangene Regenfälle noch etwas angefeuchtet, aber das Wasser gelangt nicht bis in die tiefen Bodenschichten – und schon gar nicht ins Grundwasser. Das ist ein längerfristiges Problem, weil das Grundwasser die Abflüsse zwischen den Regenereignissen stützt. Nur deshalb ist noch Wasser in den Bächen und Flüssen. Die aktuellen Grundwasserstände gehören zu den niedrigsten zehn Prozent der Werte, die zwischen 1991 und 2020 beobachtet wurden. Geht das Grundwasser weiter zurück, sinken auch die Flusspegel weiter. Dann haben wir nicht nur eine Trockenheit in der Fläche, sondern ebenso in den Fließgewässern. Und damit entstehen neue Probleme.

Welche? 

Sinken die Flusspegel, sind Flora und Fauna und das gesamte Ökosystem gefährdet. Uns Menschen trifft direkt, dass die Schifffahrt eingeschränkt werden muss und die Kraftwerke gedrosselt oder gar abgeschaltet werden, weil das Wasser zu warm wird. Aktuell hat der Rhein 25 Grad Celsius Wassertemperatur. Wir nähern uns dem Bereich, bei dem Kraftwerke stufenweise gedrosselt werden müssen, um die Flüsse nicht über das Kühlwasser weiter zu erwärmen. Am Ende kann das zu Stromengpässen führen. Die Beeinträchtigung der Schifffahrt wegen Niedrigwasser haben wir 2022 an den steigenden Benzinpreisen gemerkt.

Wie reagieren die Wälder auf sinkende Grundwasserspiegel?

Die Grundwasservorräte sind das Reservoir, das die Wälder versorgt. Sinken sie, sind die Wälder gefährdet. Tote Wälder kommen im nächsten Jahr nicht einfach zurück; neue Bäume müssen angepflanzt werden, das ist ein langwieriger Prozess. Außerdem regenerieren sich die Grundwasserstände langsamer als die Bodenfeuchte: Es muss sehr ausgiebig regnen, damit sie sich wieder auffüllen, im Nordosten dauerte es zwei, drei Jahre. Trockene Böden sind natürlich auch schlecht für die Nutzpflanzen. Haben wir einen einfach normalen trockenen Sommer, reicht aber ein nasses Winterhalbjahr und die Böden sind wieder mit Wasser für die Landwirtschaft gesättigt.

Der Bodensee hat einen historischen Tiefstand für die Jahreszeit erreicht. Was macht die Dürre mit den Seen?

Warmes Wasser lässt den Sauerstoffgehalt sinken, was Algen sprießen lässt – und im Extremfall zum Umkippen eines Sees führt. Bei tiefen Seen wie dem Bodensee können die Fische noch in tiefere, kühlere Schichten flüchten, bei flachen Seen wie dem Steinhuder Meer, das meist nur anderthalb Meter tief ist, haben die Fische wenig Fluchtmöglichkeiten. Wärmt sich das Wasser von oben bis unten durch, sterben im schlimmsten Fall ganze Fischpopulationen.

Pflanzenverfügbares Wasser |

Niederschläge führen oft zu einer schnellen und kurzfristigen Verbesserung des pflanzenverfügbaren Wassers im Oberboden. Die Dürrekarte zeigt ein gleitendes Mittel über die letzten 14 Tage – kurzfristige Regenfälle wirken sich deshalb auch im Oberboden nur langsam aus. Für den Gesamtboden haben einzelne Regenereignisse nur eine sehr geringe Wirkung. Auch hier werden in weiten Teilen Deutschlands kritische Werte erreicht (orange bis rot).

Eine Klimaforschungsgruppe der Universität Leipzig hat vor drei Jahren eine solche Wetterlage, wie wir sie jetzt erleben, als Worst-Case-Szenario berechnet. Sie nahmen eine monatelange Dürre in Kombination mit großer Hitze an. Das Fazit damals: Wir laufen Gefahr, langfristig in eine große Krise hineinzulaufen? Sehen Sie diese Gefahr auch?

Im Winter fällt normalerweise der Regen, der unsere Speicher auffüllt. Denn nicht nur fallen viele Niederschläge, die Verdunstung ist auch gering. Früher gab es große Nassphasen und die Schneeschmelze. Fallen diese weg und wird der Sommer trockenheiß, beginnt eine Dürre, die über noch längere Zeiträume von zwei, drei Jahren gefährlich werden kann, weil der Puffer aufgebraucht wird. Das schaukelt sich hoch. Ich sehe diese Gefahr ebenso.

Wie akut ist es jetzt? Müssten die Behörden nicht prophylaktisch sagen: Leute, Wasser ist knapp. Schränkt euch ein, es könnte noch schlimmer werden.

Ja, man muss frühzeitig warnen und gegensteuern, weil wir es mit einem trägen System zu tun haben. Die Dürre ist morgen nicht weg, wenn es einmal regnet.

Also reagieren die Behörden zu spät?

Das will ich nicht sagen. Es gibt bereits Warnungen und Verbote. Aber besser man reagiert früher als später.

Im Rhein tauchen immer mehr Sandbänke auf. Wo bleibt das Schmelzwasser aus den Alpen? Der Rhein entspringt ja dort.

Im Winter gab es zu wenig Schnee in den Alpen, zudem war es teilweise zu warm, sodass es regnete und nicht schneite. Die Schneeschmelze war daher im Frühjahr geringer, zudem füllt die Schneeschmelze unsere Flüsse nur temporär auf. Sie kann das Defizit nicht ausgleichen – und bringt auch kein Wasser in die Fläche.

Ralf Merz |

ist Hydrologe, leitet das Department Einzugsgebietshydrologie am Umweltforschungszentrum Leipzig und hat die gleichnamige Professur an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg inne. Er erforscht die Dynamik von Oberflächengewässern und Grundwasser sowie hydrologische Extremereignisse wie Hochwasser und Dürre und entwickelt daraus Strategien für eine nachhaltige Wassernutzung und einen wirksamen Ressourcenschutz.

Und das Gletscherwasser? Die Gletscher schmelzen rasant.

Die Gletscher können das ebenfalls nicht ausgleichen, weil ihnen das Volumen fehlt. Der Gletscheranteil am Gesamtabfluss ist – wie die Schneeschmelze – nicht so groß. Beide zusammen machen im Frühjahr nur ein paar Prozentpunkte am Abfluss aus.

Was muss passieren, damit die Dürre endet?

Es bräuchte typischen Landregen, wie man früher sagte – und nicht bloß Schauer oder Gewitter, die nur punktuell Regen bringen und das Wasser mit den Bächen und Flüssen ins Meer abfließen. Wir brauchen kontinuierlichen Regen, der den Boden anfeuchtet und das Wasser aufnehmen kann, damit es in den Boden sickert.

Landregen ist nicht in Sicht – und wird in Zukunft im Sommerhalbjahr immer seltener fallen. Was muss passieren, um das Wasser in der Landschaft zu halten?

Wir haben in den letzten Jahrhunderten versucht, das Wasser aus der Landschaft herauszubringen. Wir haben Acker und Moore entwässert, Flüsse begradigt und Auen abgetrennt. Die Folge ist, dass das Wasser viel zu schnell aus der Landschaft fließt. Dieser Zustand soll sich nun ändern, wir wollen das Wasser länger in der Landschaft halten. Dieser Plan ist schwierig umzusetzen, beim Rhein beinahe unmöglich, aber generell müssen wir schauen, wie man die Landschaft mit technischen oder natürlichen Lösungen so umbaut, dass das Wasser angereichert wird. Drainage-Rückbauungen helfen beispielsweise, aber auch Renaturierungen auch an kleinen Flüssen und der Wiederanschluss von Auen. Jeder Tropfen soll so lange wie möglich in der Landschaft bleiben.

Hitzewelle im Juni

In der zweiten Junihälfte des Jahres 2026 erfasste eine lange und sehr intensive Hitzeperiode Südwest- und Zentraleuropa inklusive Deutschland. Ausgelöst durch eine blockierende Hochdruckwetterlage erreichten vielen Länder neue Temperaturrekorde aufgestellt, wobei neben neuen Junirekordtemperaturen in mehreren Ländern sogar neue nationale Allzeitrekorde gemessen wurden, wie der Deutsche Wetterdienst berichtet. In Deutschland hielt die Hitzewelle vom 18.06. bis 28.06.2026 an, dabei wurde die 40-Grad-Celsius-Marke mehrmals überschritten. Diese Wetterlage verschärfte die Trockenheit in vielen Regionen Deutschlands, die sich über mehrere Monate hinweg anbahnte. Über die letzten acht Monate hinweg gab es zu wenige Niederschläge. Die Trockenheit begünstigte zudem Wald- und Feldbrände, die in verschiedenen Bundesländern auftraten.

Wird Deutschland zu einem wasserarmen Land?

Ich denke nicht, dass Deutschland langfristig zur Wüste wird. Aber wir werden öfter in solche Dürren hineinlaufen, die mehrere Monate oder gar Jahre andauern. Diese Gefahr wird immer größer.

Haben Sie schon Trinkwasservorräte im Keller angelegt?

Nein, wir sind bei der Trinkwasserversorgung gut aufgestellt. Wie gesagt: Ich glaube nicht, dass es dabei zum Äußersten kommt.

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