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Historische Duftforschung: Forscher machen historische Gerüche wieder erlebbar

Auch Gerüche müssen vor dem Verschwinden gerettet werden, sagen Dufthistoriker – zumal der Duft uns wie kein anderer Sinn in die Vergangenheit katapultieren kann.
Ein kunstvolles Gemälde zeigt eine idyllische Gartenszene mit üppiger Vegetation und Blumen in verschiedenen Farben. Im Vordergrund sitzt eine nackte Frau neben einem Kind, umgeben von Blumenarrangements und dekorativen Vasen. Im Hintergrund erstreckt sich ein weitläufiger Garten mit hohen Bäumen und einem Gebäude. Pfauen und andere Vögel sind im Garten zu sehen, was eine friedliche und harmonische Atmosphäre schafft. Das Bild vermittelt eine klassische, romantische Darstellung der Natur und menschlicher Figuren.
Jan Brueghel der Ältere (1568–1625) und Peter Paul Rubens (1577–1640) malten diese Allegorie des Geruchs in ihrer Serie der fünf Sinne. Ein Team des Madrider Prado identifizierte die abgebildeten Blüten und rekonstruierte ihren Duft für eine Ausstellung.

Der »Blick zurück in die Vergangenheit« ist oftmals ganz genau das: ein visuelles Erleben, ein Wahrnehmen allein mit den Augen. Wir betrachten Ölgemälde, blättern durch vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos, bewundern kostbare Buchdrucke oder pittoreske Ruinen. In Museen stehen die schönsten Artefakte in der Vitrine – unerreichbar für alle Sinne, außer für die Augen. In seltenen Fällen dürfen wir einmal ertasten, wie sich ein historischer Gegenstand anfühlte. Oder wir lauschen einer alten Tonaufnahme.

Unser ältester und ursprünglichster Sinneskanal bleibt dagegen fast immer außen vor: unser Geruchssinn.

Doch ohne ihn, sagt der analytische Chemiker Matija Strlič, »verliert man die Intimität, die der Geruchssinn dem Umgang mit Gegenständen verleiht«. Strlič ist leitender Wissenschaftler am Heritage Science Laboratory der Universität Ljubljana in Slowenien; zuvor war er am University College London tätig. »Heritage Science« ist ein interdisziplinärer Ansatz, der sich der Erforschung und Bewahrung kulturellen Erbes auf verschiedensten Wegen nähert – im Falle Strličs über die Konservierung und Wiedererschaffung kulturell bedeutsamer Düfte.

Solche rekonstruierten Gerüche könnten beispielsweise Ausstellungen in Museen und Galerien attraktiver machen, erklärt die Kulturhistorikerin Inger Leemans von der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften. Das gelte insbesondere für Menschen, die wenig Vorwissen zu einer Ausstellung mitbrächten. Denn es gebe ohnehin nicht die eine »richtige« Art, über Düfte zu sprechen, sagt Leemans. Also wissen alle, die Besucherinnen und Besucher, gleich viel – oder gleich wenig – darüber.

Duftproben in St Paul's | Für ihr Promotionsprojekt »Smell of Heritage« hat Cecilia Bebimbre vom Institute for Sustainable Heritage am University College London mit Matija Strlič den charakteristischen Geruch der altehrwürdigen Londoner Bibliothek erfasst.

Diese Erkenntnisse über die Wirkung von Gerüchen haben allerdings bislang nicht dazu geführt, dass sie einen ähnlich hohen Stellenwert genießen wie Gebäude oder archäologische Funde, speziell was ihren Erhalt für die Zukunft angeht. Ein kleiner Kreis von Forschenden, darunter Strlič und Leemans, möchte das ändern – mit Methoden aus Chemie, Ethnografie, Geschichtswissenschaft und weiteren Disziplinen. Durch die Kombination all dieser Verfahren soll das olfaktorische Erbe der Menschheit dokumentiert und bewahrt werden.

Der Duft der Vergangenheit

Wie sie dabei vorgehen, zeigte sich etwa bei einem Projekt, das einen altehrwürdigen Duft dokumentieren sollte, bevor er zu verschwinden drohte: den der Bibliothek der St Paul’s Cathedral in London. Als das Gebäude renoviert werden sollte, machten sich Strlič und seine UCL-Kollegin Cecilia Bembibre daran, den charakteristischen Duft der historischen Bibliothek für die Nachwelt einzufangen.

Im ersten Schritt fanden sie heraus, welche chemischen Verbindungen den bis zu 800 Jahre alten Büchern und dem seit 1709 nahezu unveränderten Mobiliar entströmten. Dazu nahmen sie Luftproben und trennten, identifizierten und quantifizierten alle darin enthaltenen flüchtigen organischen Verbindungen mittels Gaschromatografie-Massenspektrometrie.

»Als Chemiker kann ich diese Moleküle bestimmen und quantifizieren. Aber das verrät mir noch lange nicht, wie Menschen sie beschreiben, was sie dabei wahrnehmen. Das verlangt nach einem anderen Ansatz«, sagt Strlič. Um die lange Liste identifizierter Substanzen auf jene zu reduzieren, die Menschen tatsächlich riechen können, lud das Team sieben Laien-»Schnüffler« in die Bibliothek ein. Sie sollten den Geruch anhand von 21 gängigen Geruchsadjektiven beschreiben und dazu noch eigene Beschreibungen ergänzen.

Vielsagendes Aroma | Die chemischen Verbindungen, die aus altägyptischen Mumien ausdünsten, verraten viel über den Zustand des Leichnams, aber auch über die Praktiken der Einbalsamierer.

Oft gewählte Begriffe wie »grasig-grün« und »fettig« standen mit dem Geruch des chemischen Stoffes Hexanal in Zusammenhang. Auch den typischen Mandelgeruch von Benzaldehyd erschnupperten die Freiwilligen. Beide Substanzen sind typisch für den Abbau von Papier.

Wenig überraschend beschrieben alle Riecher den Geruch der Bibliothek zudem als »holzig«; auch »rauchig«, »erdig« und »nach Vanille riechend« waren beliebt. Das hilft nicht nur dabei, den individuellen Sinneseindruck der Bibliotheksbesucher zu beschreiben, sondern erlaubt es Fachleuten auch, den Zustand alten Papiers einzuschätzen. Sei dieses durch Alterserscheinungen leicht saurer geworden, rieche es süßlicher, erklärt Strlič. Andernfalls erinnere sein Geruch eher an Heu.

Systematisch verknüpfte das Team die Beschreibungen, die die Schnüffler gewählt hatten, mit den zugrunde liegenden chemischen Komponenten – und entwickelte daraus eine Art Rezept für den Geruch der Bibliothek. Mit dieser »Bauanleitung« ließe sich theoretisch noch in Hunderten Jahren der Duft alter Bücher rekreieren, selbst wenn bis dahin Bibliotheken längst verschwunden sind. In Fachmagazinen und digitalen Forschungsdatenbanken sollen diese Rezepte der Nachwelt erhalten bleiben.

Was das Schnuppern an Mumien verrät

Die 2016 abgeschlossene Arbeit in St Paul’s legte nahe, dass sich auch deutlich ältere Gerüche einfangen lassen – sogar solche, die Tausende von Jahren alt sind. Für eine 2025 veröffentlichte Studie untersuchte Strlič gemeinsam mit Forschenden aus Ägypten, Slowenien, Polen und Großbritannien neun altägyptische Mumien. Ziel war es, den Einbalsamierungsprozess zu verstehen und zugleich einen Duft zu kreieren, der in dem neuen, Ende 2025 eröffneten Grand Egyptian Museum in Kairo die Mumien auch olfaktorisch erfahrbar machen soll.

Beim Gedanken an den Geruch jahrtausendealter Mumien mag sich manchem der Magen umdrehen, aber zu Unrecht, sagt Strlič. Der Geruch sei verblüffend angenehm. »Weil die alten Ägypter so viele aromatische Verbindungen, Öle und Harze benutzten, ist noch viel von dem ursprünglichen Geruch übrig.«

»Das blinde Mädchen« | Gemeinsam mit dem Parfümeur Gregorio Sola ließ Christina Bradstreet zwei Gerüche aus dem Gemälde des britischen Präraffaeliten John Everett Millais (1829–1896) verwirklichen: den Geruch des Regenbogens, in viktorianischer Zeit beschrieben als »der Duft von feuchtem Gras und Blumen, kurz nachdem die Sonne wieder durch die Wolken bricht«, heute als »Petrichor« bezeichnet; und den Geruch des Wollschals, an dem das jüngere Mädchen zu riechen scheint. Im 19. Jahrhundert handelte es sich dabei vermutlich um ein Wolle-Baumwoll-Gemisch, wie es für die einfache Arbeitskleidung der Zeit typisch war – ein Zeichen für Armut, sagt Bradstreet, aber auch ein vertrauter, vielleicht anheimelnder Geruch für das schutzsuchende Mädchen.

Das Team entnahm Luftproben aus den Sarkophagen, trennte die darin enthaltenen chemischen Bestandteile per Gaschromatografie voneinander und identifizierte sie dann einzeln mithilfe der Massenspektrometrie.

Ein Panel aus acht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die mit den Gerüchen von Einbalsamierungsmaterialien vertraut waren, bewertete anschließend, wonach, wie stark und wie angenehm die Proben rochen. Gemeinsam war allen neun Mumien ein holziger, würziger und süßlicher Geruch.

Darauf aufbauend erstellte das Team Duftprofile, die verraten, wie gut eine Mumie erhalten ist, aber genauso, welche Methoden bei der Einbalsamierung verwendet wurden. Unter den identifizierten Substanzen fanden sich Koniferenöle, Weihrauch, Myrrhe, Zimt, und auch moderne Stoffe wie synthetische Pestizide und pflanzliche Öle für die Schädlingsabwehr, die Museen zum Teil ohne Dokumentation eingesetzt hatten.

Strlič hofft, dass sich Geruchsanalysen künftig als Verfahren etablieren, mit dem sich der Zustand der Mumien nichtinvasiv ermitteln lässt. Das Team will zudem ein »Mumien-Parfüm« für das Museum entwickeln. Bis zu 15 wichtige Duftstoffe sollen so lange in verschiedenen Verhältnissen gemixt werden, bis Testriecher keinen Unterschied mehr zum Original erkennen. »Dafür muss man viele Runden drehen, es geht nur per Versuch und Irrtum«, sagt der Forscher.

»Der Geruchssinn formt unsere Kultur, ohne dass wir es merken«Inger Leemans

Ein Gestank aus der Hölle

Nicht alle historischen Düfte lassen sich aus Objekten extrahieren. Manchmal müssen Forschende auch auf Archivquellen zurückgreifen – und bisweilen selbst kreativ werden. So das europäische Forschungsprojekt Odeuropa, das Gerüche von historischen Ereignissen, Orten und sogar Ideen rekonstruierte. Geruchlich nachempfunden wurden etwa die Schlacht von Waterloo, Amsterdams Grachten im 17. Jahrhundert und sogar der teuflische Gestank der christlichen Hölle. Laut überlieferten Predigttexten des 16. Jahrhunderts wartet nämlich auf die Verdammten eine Mischung aus Feuer und Schwefel, durchzogen von den Ausdünstungen »einer Million toter Hunde«.

»Der Geruchssinn formt unsere Kultur. Allerdings tut er das oft, ohne dass wir es bemerken«, sagt Leemans, die das Projekt Odeuropa leitete. »Beim Begriff Kulturerbe denken viele an religiöse Bräuche, aber die Düfte und Gerüche, die wir über eine lange Zeit kennen und schätzen gelernt haben, gehören genauso dazu.«

Um solche historischen »Smellscapes« zu rekonstruieren, durchforsteten Leemans und ihr Team alte Archive und Bilder auf der Suche nach Geruchsbeschreibungen. »Wir suchen nach ›Nasenzeugen‹, nach Menschen, die Gerüche beschrieben haben.« Aber auch indirekte Hinweise fließen in ihre Rekonstruktionen ein. Beispielsweise lassen sich Geruchslandschaften anhand der Baumaterialien erschließen, die in historischen Beschreibungen für ein bestimmtes Gebäude oder einen Ort genannt werden.

Solche historischen Verweise auf Gerüche hat Odeuropa in einer KI-basierten Datenbank, dem Odeuropa Smell Explorer, gesammelt. Insgesamt kamen mehr als 2,5 Millionen Einträge zusammen, die aus 43 000 Bildern und 167 000 Texten in sieben europäischen Sprachen extrahiert wurden.

Wenn aus diesen Daten dann ein konkretes »Parfüm« entwickelt werden soll, erstellt das Team ein detailliertes Briefing, das alle relevanten Geruchskomponenten enthält und auch auf die Geschichte dahinter eingeht. Gemeinsam mit einem Duftstoffhersteller entstehen dann Duftvarianten, die Probanden zum Riechen gegeben werden. Manchmal wissen die Freiwilligen nicht, was sie riechen werden, manchmal erhalten sie eine kurze Einführung. Die Mixturen wurden auch schon Fachleuten aus Museen, Wissenschaft und Parfümerie vorgesetzt, die einen Expertenkommentar abgeben sollten.

Direkter Draht in die Gefühlszentrale

Wie wir einen Geruch wahrnehmen, ist hochgradig subjektiv und hängt von der Biologie, von der Erfahrung und auch der eigenen Kultur ab, sagt die Neurowissenschaftlerin Gülce Nazlı Dikeçligil von der University of Pennsylvania, die 2024 eine große Überblicksarbeit über den menschlichen Geruchssinn veröffentlichte, »unser Riechsystem ist nicht so sehr auf Präzision und Konsistenz optimiert«. Das Gehirn frage sich nicht: Was für ein Molekül ist das genau? Sondern: Welche Bedeutung hat dieses Molekül gerade jetzt vor dem Hintergrund meiner eigenen Geschichte für mich?

Als evolutionär ältester Sinn hat der Geruch direkten Zugang zu Hirnregionen wie Amygdala und Hippocampus, die für Emotion und Erinnerung zuständig sind. Düfte lösen daher besonders intensive, emotionale Erinnerungen aus.

»Gerüche kitzeln Gedanken, Erinnerungen und Ideen wach. Und sie bringen Leute ins Gespräch miteinander, wenn sie vor den Bildern stehen. Genau das will ich erreichen«, sagt die britische Kunsthistorikerin Christina Bradstreet. Für eine Ausstellung zur Kunst der Präraffaeliten hat sie den spanischen Parfümeur Gregorio Sola beauftragt, drei Düfte zu entwickeln.

Ähnlich ging im Jahr 2022 das Pardo-Museum in Madrid vor, das für eine Sonderausstellung des Gemäldes »Der Geruchssinn« von Jan Brueghel d. Ä. zehn eigens kreierte Düfte verströmen ließ, die mit den dargestellten Pflanzen und Tieren korrespondierten. Besucher verweilten im Schnitt 13 Minuten vor dem Gemälde statt der üblichen 32 Sekunden.

Zahlreiche Museen weltweit verfolgen inzwischen ähnliche Ideen. Die Hoffnung ist, sich mithilfe der Duftlandschaften neue Besucherkreise zu erschließen und diese stärker in einen Austausch zu bringen, »nicht nur mit der Ausstellung, sondern auch untereinander«, sagt Leemans. »Wenn Leute etwas riechen, fangen sie sofort an zu reden: über Erinnerungen, über Gefühle und was sie über den Duft wissen. Es ist wirklich ein offener Austausch, der im Kontext des Museums entsteht.«

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  • Quellen
Paolin, E. et al., Journal of the American Chemical Society 10.1021/jacs.4c15769, 2025
Dikeçligil, G., Gottfried, J., Annual Review of Psychology 10.1146/annurev-psych-042023–101155, 2024

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