Direkt zum Inhalt

Ausstellung: Dunkle Vergangenheit, leuchtende Farben

In den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen können sich Besucher auf eine Reise zu den Anfängen des legendären Karawanenwegs machen: Wie sich an der Seidenstraße seit jeher die Kulturen mischten, zeigen spektakuläre Funde aus dem Wüstensand der Taklamakan.
Der Mann von Yingpan
Da müsse man einen Blick für entwickeln, für die alten Kulturen an der Seidenstraße, meint Christoph Lind, Kurator der Mannheimer Ausstellung. Denn was östlich ist, was westlich und was eine Eigenentwicklung, das erschließe sich nicht auf den ersten Moment – weder für den Besucher, noch für die Forscher.

Der Mann von Yingpan | Auf dem Kaftan des mutmaßlichen Händlers aus Sogdien sind kämpfende Eroten, Stiere und Granatapfelbäume abgebildet, die wohl aus dem griechisch-römischen Kulturkreis stammen. Die Hose weist dagegen nach Fernost.
"Ein typisches Seidenstraßenobjekt", sagt er immer wieder beim Gang durch die Ausstellung. Zum Beispiel die Kleidung des Manns von Yingpan: Die mit Goldfolie belegte Maske der Mumie aus dem 3. oder 4. Jahrhundert n. Chr. zeigt asiatische Gesichtszüge, das Stoffmuster seiner Hose ist fernöstlicher Herkunft. Ein Chinese könnte man meinen, wäre da nicht der untypische Oberlippenbart und sein mit Eroten bestickter Kaftan, denn der zeigt hellenistische Einflüsse. Beerdigt wurde der Mann am Ostrand der Taklamakan-Wüste. Nur: Wo kam er her?

Eine richtig gute Antwort darauf hat niemand. Als am wahrscheinlichsten gilt, dass er ein reicher Kaufmann aus Sogdien war, also aus dem heutigen Tadschikistan oder Usbekistan. Aber in den Ländern entlang der sagenumwobenen Handelswege vermischten sich von Alters her nicht nur Kulturen, sondern auch die Menschen. Das macht den Archäologen die Arbeit nicht gerade leichter.

Eine gewaltige Terra Incognita ...

Oder die Bronzestatue eines Kriegers: Er wirkt zunächst griechisch, europäisch, irgendwie westlich, doch sein spitzer Hut weist ihn als Saken aus. Angehörige dieses mit den Skythen verwandten, indoeuropäischen Volks tragen ähnliche Mützen auf einem Relief in Persepolis. Aber sicher ist nichts an der Seidenstraße: Statt der Saken selbst könnte auch schlicht ihre Tracht in die Region gewandert sein.

Krieger aus Bronze | Die Bronzefigur des Kriegers aus dem 5. bis 3. Jahrhunderts vor Christus lässt sich nicht eindeutig einem Kulturkreis zuordnen. Seine hohe Mütze könnte ihn als Saken ausweisen.
Würde man uns in den Jahrhunderten um Christi Geburt auf eine Reise entlang der Seidenstraße schicken, endete die uns bekannte Welt wahrscheinlich an den Grenzen des Alexanderreiches. Erst viel weiter östlich, an der Großen Mauer, klängen die Namen wieder vertraut. Und dazwischen: eine gewaltige, mitunter lebensfeindliche Terra Incognita, die sich die Mannheimer Schau jetzt zum Gegenstand machte.

Die 190 Exponate aus der Zeit vom 2. Jahrtausend v. Chr. bis etwa 500 n. Chr. stammen allesamt aus dem heutzutage hauptsächlich von Uiguren bewohnten chinesischen Autonomen Gebiet Xinjiang, wo sie Archäologen erst vor wenigen Jahren entdeckten. Dementsprechend steht die Forschung noch ganz am Anfang. "Die Ausstellung soll in gewisser Weise einen Startschuss für weitere Untersuchungen bieten", erzählt Christoph Lind. Rund zweieinhalb- bis dreitausend ungeöffnete Gräber kenne man noch aus Xinjiang.

... mit hervorragend konservierten Funden

Bronzezeitliche Filzmütze | Die fast 4000 Jahre alte Filzmütze wirkt fast wie neu. Sie ist aus Wollfilz gearbeitet und unter anderem mit Wieselpfoten und Federn verziert.
Und deren Ausgrabung dürfte sich lohnen, denn was bislang aus dem extrem trockenen Wüstensand der Taklamakan geborgen wurde, ist sensationell gut erhalten. Manche der Fellmützen, Wolldecken oder Schmuckfedern haben viertausend Jahre lang im Boden gelegen, aber sie leuchten in so kräftigen Farben, als wären sie erst vor Kurzem angefertigt worden. Massive Holzsärge scheinen nichts von ihrer Stabilität verloren zu haben. "So etwas kennt man nicht einmal aus Ägypten!", sagt Lind.

Dann können die Forscher beispielsweise an der feinen Verarbeitung einer bronzezeitlichen Jacke ablesen, dass auch schon zweitausend Jahre v. Chr. eine längere Tradition des Schneiderhandwerks gepflegt wurde. Doch solche Schlüsse wirken eher wie eine grobe Standortbestimmung, ein erstes Annähern an ein Volk, für das sich Archäologen gerade erst zu interessieren beginnen.

Holzmaske zur Abwehr von Geistern | Masken mit fratzenhaft gestalteten Gesichtern und langen Nasen fanden sich in zahlreichen bronzezeitlichen Gräbern. Vermutlich dienten sie zur Abwehr böser Geister.
Je weiter man in der Zeit zurückgehe, desto schlechter ließen sich die Kulturen im Tarim-Becken auflösen, meint Lind. Und so liegen die Ursprünge des transkontinentalen Handelnetzes noch weit gehend im Dunkeln. Die Archäologie steht hier vor einem Problem.

Abgeschottete frühe Kulturen

So sei zum Beispiel die zeitliche Einordnung mitunter schwierig, vor allem, weil die sonst so gebräuchliche C-14-Methode versage: "Wenn man so will, können wir nur feststellen, dass die Funde aus der Zeit vor 1964 stammen." Damals nämlich unternahmen die Chinesen am nahegelegenen Lop Nor See Atombombentests. Im Ergebnis waren die Radiokarbondaten ruiniert.

Einige Funde aus der Gegend rund um das Tarim-Becken verraten, dass bereits sehr früh Waren und Kulturgüter den Weg entlang der späteren Karawanenstraße genommen haben müssen. Doch zu Anfang lebten die Menschen hauptsächlich in ihrer eigenen, unzugänglichen Welt, wie es Kurator Lind ausdrückt.

"Skythischer" Frauenhut | Auf diese Kopfbedeckung (ca. 5. bis 3. Jhd. v. Chr.) aus dunkelgrauem Filz wurde eine über 40 Zentimeter hohe Spitze gesetzt. Ähnliche Hüte wurden auch im Altai-Gebirge entdeckt. Der abgebildete Hut stammt aus einem Frauengrab in Subexi.
Wie Perlen an einer Kette zogen sich zwischen Wüste und Gebirge Siedlungen entlang, die überall dort entstanden, wo die Flüsse aus den Gletschern des Karakorum und der Kunlun-Berge Ackerbau ermöglichten. Weit gehend isoliert voneinander brüteten sie über die Zeit ihre kulturellen Eigenheiten aus. Erst später, als sich aus ihnen die Stationen der Seidenstraße entwickelten, wurden sie tatsächlich miteinander verbunden. Auch nomadisch oder halbnomadisch lebende Gruppen muss es gegeben haben.

"Die Frage, um welche Stämme es sich dabei im einzelnen handelt, haben wir komplett ausgelassen", so der Kurator. Mehr als nur spekuliert werden könne ohnehin nicht. Bei manchen Mumien aus der Region wollen Forscher etwa "europide" Züge ausgemacht haben. Andere sprechen von "mongolider" oder "kaukasider" Abstammung.

Han-Kaiser sichern erstmals die Handelsrouten

Mode im 1. Jahrhundert n. Chr. | Das Seidengewand mit den aufwändigen Trompetenärmeln ist ein typisches Beispiel für die Mode im 1. Jahrhundert n. Chr. Es stammt aus einem Grab in Loulan-Gu Cheng.
Die Abgeschiedenheit könnte Schutz vor marodierenden Räuberbanden bedeutet haben – eine dauernde Plage, auch für die späteren Handelsreisenden. Erst mit Beginn der Han-Dynastie um das 2. Jahrhundert v. Chr. bescherten chinesische Militärgarnisonen an strategisch wichtigen Punkten der Region eine gewisse Stabilität. Den Fernhandel, der zu diesem Zeitpunkt offenbar bereits etabliert war, wollten sich die Han-Kaiser nicht länger verderben lassen.

Ein ganzes Netz von Karawanenrouten durchzog schließlich Zentralasien – und alle profitierten davon. Nicht nur Luxusgüter wie die namensgebende Seide, sondern praktisch alles, was sich verkaufen ließ, diffundierte auf den Rücken genügsamer zweihöckriger Kamele von Zwischenhändler zu Zwischenhändler und schließlich an die Endpunkte in Europa und Asien. Zu keiner Zeit war der Handel straff durchorganisiert, sagt Lind: "Die planten damals nicht, an 'die Römer' zu verkaufen."

Auch neue kulturelle Impulse wurden so in die Welt getragen. Für viele heutige Chinesen etwa ist die Seidenstraße deshalb so bedeutsam, weil über sie der Buddhismus ins Reich der Mitte gelangte.

Aufbruch ins Unbekannte

Zur Hose umgestalteter Wandbehang | Auf dem kunstvoll gewirkten – und nicht bemalten – Stofffragment ist ein Krieger zu sehen, der sich aufgrund seiner Kleidung als indoskythisch charakterisieren lässt. Im oberen Teil ist ein offenbar griechischer, Flöte spielender Kentaur zu sehen. Ursprünglich diente das Textil wohl als Wandbehang, wurde aber zuletzt als Hose getragen.
In der Mannheimer Ausstellung gibt es das Ergebnis all dessen zu sehen – die farbenprächtigen Seidengewebe reicher Kaufleute ebenso wie die chinesischen Lackdöschen vom Rande der Taklamakan oder der eigentümliche, zur Hose umgeschneiderte graeco-baktrische Wandbehang mit dem blauäugigen Krieger.

Leider springt die Ausstellung parallel zum Gang durch die Jahrhunderte von Fundplatz zu Fundplatz und verwirrt damit zunächst, doch abgesehen davon ist es den Machern geglückt, die Fülle an eindrucksvollen Objekten auch informativ zu präsentieren – und nicht nur auf deren unmittelbare Wirkung zu vertrauen.

Griechen, Perser, Chinesen, Mongolen – an solche altbekannten Stereotypen unseres Bilds der Geschichte lässt sich nur schwer anknüpfen beim Gang durch die Ausstellung. Die Völker am Rande der Taklamakan scheinen eben immer irgendwie dazwischen zu stehen. Doch das tut der Sache ebenso wenig Abbruch wie die großen Wissenslücken der Forscher. Im Gegenteil: Eigentlich ist es ja erfreulich, dass uns die Menschen, denen man entlang der Seidenstraße begegnet wäre, noch immer nicht in voller Klarheit gegenüber treten. Liegt darin doch der Zauber dieses Karawanenwegs: Im Aufbruch in unbekannte Reiche, fernab der vertrauten Zivilisationen.

Die Ausstellung im Museum der Weltkulturen der Reiss-Engelhorn-Museen ist noch bis zum 1. Juni 2008 in Mannheim zu sehen.

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte