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Krankenpflege: Durch die gelbe Ballonbrille

Kranksein und Lachen - das scheint nicht zusammenzupassen. Krankheit ist und bleibt nichts Lustiges, doch fröhliche Momente können sie leichter erträglich machen. Klinikclowns verschaffen schwer kranken Menschen solche Sternstunden.
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"Da ist ein Clown!", ruft der kleine Junge mit leuchtenden Augen über den dunklen Klinikflur. Er weiß genau, warum er sich freut, denn wenn Julia Hartmann alias Clown Julchen kommt, erlebt man die tollsten Dinge. Nur wenig später wird der junge Patient über die wundersamen, in ihm schlummernden Zauberkräfte staunen – Konfetti in bunte Flecken auf einem Tuch umzuwandeln und dann das Ganze rückwärts zu zaubern – nichts leichter als das!

Der Fünfzehnjährige nebenan dagegen wehrt zuerst vehement ab, weil er doch "schon viel zu alt für einen Clown ist". Dann besucht Julchen eben kurzerhand die Mama und bastelt ihr eine Blume, die
"Laughter may not always add years to your life, but it will add life to your years"
(Unbekannter Autor)
überhaupt kein Wasser und so wenig Sonne wie möglich braucht. Der "alte" Patient bekommt trotzdem eine riesige Ballonbrille, durch die die Welt ganz gelb aussieht, und er hat seine Zweifel bald völlig vergessen. Begeistert musiziert er und fachsimpelt über den Raben aus Julchens riesigem alten Koffer.

Einmal Hölle und zurück

Julia Hartmann ist Klinikclown aus Überzeugung. Sie kann genau nachvollziehen, wie es in den kleinen Patienten und ihren Angehörigen aussieht, denn sie ist mit ihrer Familie durch die gleiche Hölle gegangen. Als Tochter Nicole mit vier Jahren an Knochenkrebs erkrankte, änderte sich das Leben der Hartmanns von einem Tag auf den anderen komplett. Nach vielen dunklen Monaten überstand das Mädchen damals die Krankheit, doch der Preis war hoch: Sie verlor ihr linkes Bein.

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Julchen und ihre Zaubermäuschen | Drei Klinikclowns aus Überzeugung: Julchen (Mitte) und ihre Töchter, die "Zaubermäuschen"
Nach dieser schwierigen Zeit reifte in Mutter Julia ein Wunsch, mit dem sie ihrem Leben einen neuen Sinn geben wollte: "Ich werde Clown und gehe mit meiner Trompete auf die Station!" Auch die beiden Töchter waren derart begeistert von der Idee, dass sie von Anfang an selbst aktiv mitmachten. Und so heitert Julchen nun schon seit sieben Jahren meist zusammen mit ihren beiden "Zaubermäuschen" schwerkranke Kinder in der Heidelberger und Mannheimer Kinderklinik auf.

Bis sie ihren eigenen Stil gefunden hatte, war Clown Julchens großes Vorbild die amerikanische Clown-Doktor-Legende Patch Adams. Vor ungefähr dreißig Jahren beschloss der Arzt, sich während der Arbeit eine rote Nase aufzusetzen, und legte dadurch den Grundstein für die Klinikclownerie. Richtig Schwung kam in die Bewegung aber erst Mitte der 1980er Jahre, als sich mit der Big Apple Circus Clown Care Unit von Michael Christensen in New York eine größere Truppe professioneller Klinikclowns bildete. Anfang der 1990er Jahre schwappte die Idee endlich nach Europa über, und mittlerweile lenken in fast allen Ländern der Erde Klinikclowns Schwerstkranke in Krankenhäusern regelmäßig von ihren Leiden ab.

Keine leichte Mission

Wer in Mission rote Nase unterwegs ist, muss aber ein eingefleischter Idealist sein, denn leben kann man von dieser Arbeit kaum. Es gibt keine festen Stellen für Klinikclowns an Krankenhäusern – sie arbeiten freiberuflich. In Deutschland wie eigentlich fast überall auf der Welt bezahlen ausschließlich Fördervereine und private Spender die klinischen Spaßmacher, und so kommt es schon einmal vor, dass einfach kein Geld mehr da ist für den Clown.

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Ballonfiguren bringen Freude | Ein paar Ballone, eine Pumpe, zwei geschickte Clownhände – und schon entstehen Blumen, die man nie gießen muss und die so wenig Sonne wie möglich wollen, pflegeleichte Haustiere und vieles mehr.
Auch die Akzeptanz bei Ärzten und Pflegepersonal muss jeder Klinikclown sich durch langsames Herantasten und sehr viel Fingerspitzengefühl erarbeiten. Denn manchmal fürchten sie, dass die lustige Gestalt den Klinikalltag zu sehr durcheinander bringen könnte. Oft wird ein Klinikclown auch einfach nicht ernst genommen (was er zwar selten will, in diesem Fall aber natürlich schon), denn er hat in der Regel keine medizinische Ausbildung. Die klinischen Possenreißer sind vielmehr ausgebildete Clowns, Schauspieler, Musiker, Tänzer, aber auch engagierte Menschen mit nicht-künstlerischen Berufen wie Lehrer, Anwalt oder Pfarrer. Basistherapeutisches Wissen haben sie sich privat angeeignet. Die Universität von Haifa in Israel hingegen möchte die Rolle der Clowns aufwerten und bietet deshalb nun den ersten Bachelor-Studiengang für Klinikclowns an. Er integriert Kurse für den nötigen medizinischen Hintergrund mit einer klassischen Theaterausbildung.

Ein Klinikclown hat also mit allerlei Problemen zu kämpfen, doch wenn er ein krankes Kind zum Lachen gebracht hat, weiß er wieder, dass die Mühen es wert sind. Am schönsten sei natürlich, wenn ein Kind entlassen wird, erzählt Julchen.
"Wenn die Clowns immer noch da sind, dann schaffe ich es auch!"
(Krebskrankes Mädchen mit Rückfall)
"Da bekomme ich jetzt Gänsehaut", sagt sie und denkt wahrscheinlich gerade an eine bestimmte Entlassung – die ihrer Tochter Nicole. "Die Clownerie macht Hoffnung", das spürt sie bei jedem Besuch wieder von neuem. Eines Tages trafen Julchen und ihre Zaubermäuschen zum Beispiel nach Jahren ein Mädchen wieder in der Station, weil es einen Rückfall erlitten hatte. Sie sagte: "Wenn die Clowns immer noch da sind, dann schaffe ich es auch!"

Humorforschung

Wie sich Humor und Lachen auf den Körper auswirken, ist leider wissenschaftlich noch nicht ausreichend untersucht. Dass Lachen gerade Kranken gut tut – und sei es allein durch einen psychosomatischen Effekt –, kann man aber oft auch ohne wissenschaftlichen Beweis erleben. Doch warum gibt es so wenig Forschung zu diesem Thema?

Triste Gedanken wegzaubernLaden...
Triste Gedanken wegzaubern | Klinikclowns zaubern gerne mit den kranken Kindern. An die belastende Krankheit denkt dabei niemand mehr, denn schließlich ist viel interessanter, was gleich aus dem Zaubersack herauskommen wird.
In der Praxis ist es allein schon schwer, Versuche zu standardisieren, denn Humor bedeutet für jeden etwas anderes. Was den einen zum Lachen bringt, mag ein anderer abstoßend oder gar beleidigend finden. Deshalb ist auch die Arbeit von Klinikclowns immer eine Gratwanderung.

Trotz aller Hindernisse gibt es dennoch mittlerweile ein paar Studien, die auf positive physiologische Effekte hindeuten. Demnach senkt Humor die Werte mancher Stresshormone, den Blutdruck und Schmerzen im Allgemeinen. Auf der anderen Seite stärkt Humor das Immunsystem über einen erhöhten Gehalt an natürlichen Killerzellen und freigesetztem Immunoglobulin A.

Echtes Lachen steigert die Stimmung – und das ist gerade wichtig, wenn eine Krankheit das Leben überschattet oder gar ernsthaft bedroht. Doch ist Lachen im Angesicht des Todes wirklich angebracht? "Laughter may not always add years to your life, but it will add life to your years", schreibt ein unbekannter Autor dazu. Frei übersetzt: Lachen kann das Leben zwar nicht verlängern, aber es macht die uns vergönnten Jahre um einiges lebenswerter.

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