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Anthropologie: Durchmarsch ins Paradies

Die Besiedlungsgeschichte des pazifischen Raums erzählen Wissenschaftler in immer neuen Varianten. Neuen Aufschluss gab jetzt die Untersuchung von zwei ganz besonderen Mitbringseln der Siedler: ihrer Sprache und dem Magenkeim Helicobacter pylori.
Wanderwege
Los ging es, als vor rund 5000 Jahren ein kleines Ackerbau treibendes Volk seine Heimat Taiwan verließ und Richtung Süden vordrang. Nach einer gewaltigen Expansion hatten ihre Nachfahren um circa 600 n. Chr. mit der Osterinsel auch noch das abgelegenste Eiland in Beschlag genommen: Die Austronesier hatten sich im gesamten südostasiatischen und pazifischen Raum verbreitet.

So liest sich kurzgefasst der zweite Teil der regionalen Besiedlungsgeschichte. Teil 1 ist weniger spektakulär und reicht bis weit in die Steinzeit zurück, als sich Homo sapiens von Afrika ausgehend verbreitete und dabei vor rund 30 000 bis 40 000 Jahren in die Gegend kam.

Die Angehörigen der späteren zweiten Migration trafen infolgedessen auf bereits teilweise bewohntes Land, an dessen Einwohnern sie der Lehrmeinung nach schnurstracks vorbeimarschiert seien. Heute eint sie weniger eine gemeinsame Kultur, als vielmehr ihre Sprache: Die Idiome der ehemaligen Auswanderer bilden zusammen die austronesische Sprachfamilie.

Und so haben seit jeher die Sprachforscher zur Frage der Siedlungsgeschichte ein gewichtiges Wörtchen beizutragen.
Ausbreitung der Austronesier | Die Grafik zeigt die Wanderwege in den südostasiatischen und schließlich den pazifischen Raum. Die zwei Pausen und die darauffolgenden raschen Expansionsbewegungen sind im Stammbaum der austronesischen Sprachen ablesbar.
Sie entdeckten, dass sich der Stammbaum des Austronesischen ziemlich genau so verzweigt, wie es ein von Taiwan ausgehendes Inselhopping erwarten ließ: Die Sprachen der zuletzt besiedelten Inseln etwa ähneln sich stark; sie spalteten sich erst vor kurzem auf. Die Idiome Taiwans dagegen haben sich seit Jahrtausenden unabhängig voneinander entwickelt; ihr gemeinsamer Vorfahr wurde vor langer Zeit gesprochen, als Taiwan besiedelt wurde.

Die Geschichte der Besiedlung hat sich in der Zwischenzeit zu einem Testfall für Forscher allerlei Provenienz entwickelt. Mit immer besseren Methoden haben unter anderem Archäologen, Populationsgenetiker und Sprachwissenschaftler den genauen Ablauf nachvollzogen, und tatsächlich schienen die Ergebnisse zunächst immer wieder die bisherigen Annahmen zu bestätigen. Doch wie so oft, wenn ein Feld intensiv erforscht wird, mehrten sich mit der Zeit die Ungereimtheiten.

Diese betrafen vor allem den ersten Teil der Reise, das Teilstück vor dem Aufbruch in die Inselwelt der Südsee. Forscher, die die mitochondriale DNA (mtDNA) und die Y-Chromosomen der dort Ansässigen untersuchten, meldeten Zweifel an: Die zu erwartenden getrennten Bevölkerungsgruppen entsprechend Teil 1 und Teil 2 der Geschichte hatten sie nämlich nicht gefunden.

Alternative Szenarien variieren seitdem das Thema "rasche Expansion": Aus dem "Fast Train" nach Polynesien – dem ursprünglichen Schnellzug – wurde ein "Slow boat". Ohne Hast hätten die Austronesier in Indonesien und Melanesien gesiedelt, bevor sich einige Gruppen schließlich in die Weiten des Pazifiks vorwagten.

Andere bestreiten, dass es sich dabei tatsächlich um eine homogene Gruppe von Migranten gehandelt hat, sondern meinen, in Melanesien einen klassischen "Schmelztiegel" ausgemacht zu haben. Hier könnte sich sogar bereits vor dem Exodus der eigentlichen Austronesier ein Bevölkerungsgemisch aus Ureinwohnern und Neuankömmlingen gebildet haben.

Zwei neue Studien werfen jetzt neue Argumente in den Raum: Russell Gray von der University of Auckland in Neuseeland und Kollegen präsentieren eine neue Analyse des Sprachstammbaums der austronesischen Sprachen [1]. Mark Achtman vom Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie und sein Team bestimmten die genetischen Abstammungslinien eines heimlichen Mitreisenden: des Magenbakteriums Helicobacter pylori [2].

Gray ließ, wie schon zuvor in einer wegweisenden Studie aus dem Jahr 2000, einen Computer aus einer Liste mit verwandten Wörtern einen Stammbaum berechnen, bereinigte sein Verfahren aber um die methodischen Schwächen der Vorgängerstudie. "Der größte Fortschritt bestand darin, dass wir bei dieser Studie die einzelnen Zweige datieren konnten", erklärt der Forscher.

Die Wissenschaftler hatten sich auf die Seite der Vertreter des "Pulse/Pause"-Besiedlungsszenarios geschlagen, demzufolge die Besiedlung in Schüben verlaufen war. Mit dem neuen, datierten Stammbaum konnten sie den Zeitpunkt der Schübe und die Länge der Pausen dazwischen relativ genau bestimmen – sie decken sich mit den Daten, die man aus archäologischen Untersuchungen gewonnen hatte.

Der erste Expansionsschub entspricht dem Verlassen Taiwans in Richtung Philippinen und fand nach einer Ruhepause vor 3800 bis 4500 Jahren statt. Er endete vor 2800 Jahren mit dem Erreichen Westpolynesiens. Erst als rund tausend Jahre später die nautischen Fähigkeiten und die Technik der Doppelrumpfkanus ausgereift waren, setzten die Austronesier ihre Fahrt in den pazifischen Raum fort.

Kritiker Martin Richards von der University of Leeds zweifelt an der Aussagekraft einer linguistischen Untersuchung. "Die Verbreitung der Sprachen in der Region hat möglicherweise gar nichts mit der Ausbreitung der Bevölkerung zu tun", sagt Richards. Sprachen könnten sich auch durch kulturelle Weitergabe verbreiten.

Ganz anders ist es dagegen um den Magenkeim H. pylori bestellt. Untersucht man die Verwandtschaft der verschiedenen Stämme, die in den Mägen von Menschen unterschiedener Gegenden leben, lässt sich ein Stammbaum erstellen, der die Wanderbewegungen von Homo sapiens seit seinem Auszug aus Afrika widerspiegelt.

Mark Achtman betrachtete jetzt die in der Region des Südpazifiks vorkommenden Bakterienstämme, und auch er konnte das Szenario eines Exodus aus Taiwan bestätigen. Auf Vermischungen der Bevölkerung in einem Schmelztiegel deutet jedenfalls nichts hin.

Die Analysen ergaben, dass zwei grundverschiedene Stämme in der Region vorherrschend sind: hpSahul geht auf die eiszeitliche Einwanderung zurück, hpMaori spaltete sich vor knapp 5000 Jahren ab und dürfte im Magen der Austronesier ins Südseeparadies gereist sein.

So gesehen stecke die Geschichte noch immer in uns, meint der Genetiker Colin Renfrew in einem begleitenden Kommentar in "Science" [3] – und zumindest bei den Magenbakterien sei das sogar gleich in doppeltem Sinne der Fall.

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  • Quellen
[1] Gray, R. et al.: Language Phylogenies Reveal Expansion Pulses and Pauses in Pacific Settlement. In: Science 323, S. 479–483, 2009.
[2] Moodley, Y et al.: The Peopling of the Pacific from a Bacterial Perspective. In: Science 323, S. 527–530, 2009.
[3] Renfrew, C.: Where Bacteria and Languages Concur. In: Science 323, S. 567–568, 2009.

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