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Serotonin: Ecstasy macht Kraken sozial

Was passiert, wenn man Weichtieren bestimmte Drogen verabreicht? Das ist keine Scherzfrage aufgeputschter Biologen, sondern verrät einiges über die Evolution.
Kalifornischer Zweipunktkrake

Die evolutionären Wege von Kraken und Menschen haben sich schon vor 500 Millionen Jahren getrennt. Und dennoch haben sie noch mindestens eine große Gemeinsamkeit: Beide reagieren auf die gleiche Art und Weise, wenn ihnen 3,4-Methylendioxy-N-Methylamphetamin (MDMA) verabreicht wird. Besser bekannt als Ecstasy, sorgt die Verbindung dafür, dass selbst die normalerweise völlig unsozial lebenden Kalifornischen Zweipunktkraken (Octopus bimaculoides) so etwas wie eine soziale Ader entwickeln und die körperliche Nähe von Artgenossen suchen, die sie normalerweise meiden. Das ist das Ergebnis einer Studie von Gül Dölen und Eric Edsinger von der Johns Hopkins University in Baltimore im Journal »Current Biology«. Mit ihrer Studie wollten die beiden Biologen überprüfen, ob das Nervenbotenstoffsystem von Wirbeltieren und Weichtieren trotz der großen anatomischen Unterschiede in der Hirnstruktur gleichermaßen funktioniert und damit ein evolutionär sehr altes System ist.

Dazu setzten Gül und Edsinger insgesamt vier Kalifornische Zweipunktkraken in Aquarien, in das sie eine Art verflüssigtes Ecstasy kippten, welches die Tiere über ihre Kiemen aufnahmen. Anschließend wurden die Kraken jeweils einzeln in ein dreigeteiltes Becken mit Durchgängen gegeben, um ihr Verhalten zu testen: Eine der Kammern war leer, die zweite enthielt eine Spielzeugfigur – welche die Aufmerksamkeit der intelligenten Kopffüßer erregen sollte –, und in der dritten fand sich ein weiterer Krake in einem Käfig. Normalerweise interessieren sich die Tiere außerhalb der Paarungszeit überhaupt nicht für ihresgleichen und meiden die Nähe anderer Kraken. Doch unter Ecstasy änderte sich das Bild. Alle vier berauschten Kraken hielten sich deutlich länger bei ihrem eingesperrten Artgenossen auf, berührten diesen mit ihren Armen und knabberten mit dem Mundwerkzeug in nicht aggressiver Weise am Käfig. Kurz: Sie zeigten ein ähnliches Verhalten wie normalerweise während der Paarungszeit und waren damit deutlich sozialer eingestellt.

Bei Menschen bindet MDMA an ein bestimmtes Protein in den Neuronen, woraufhin diese angeregt werden, große Mengen an Serotonin auszuschütten. Das Hormon sorgt dafür, dass sich Menschen warm und freundlich fühlen, wenn sie unter Ecstasy stehen. Außerdem suchen sie dann mehr Körperkontakt. Verantwortlich für das Protein ist wiederum ein Gen namens SLC6A4, das auch im Genom von Kraken vorkommt – es ist also ein gemeinsames Erbe von Mensch und Weichtier. Und dies bedeute, dass wir und die Kraken zumindest teilweise eine ähnliche Hirnchemie aufweisen, die unser Sozialverhalten steuert, so die Biologen. Die Zahl der untersuchten Kraken sei aber noch zu klein, um daraus endgültige Schlüsse zu ziehen, schränken Gül und Edsinger ein. Prinzipiell könnte sich jedoch mit den Tieren eine neue Möglichkeit eröffnen, die Funktionsweise unseres Denkapparats zu erforschen. Den Kraken entstand durch den Test übrigens kein Schaden, entwarnte Gül gegenüber »National Geographic«. Nach Abklingen der Wirkung verhielten sich die Tiere wieder völlig normal – und pflanzten sich später auch problemlos fort.

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