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News: Eichhörnchens Mauerfall

Als die Briten in den 20er Jahren begannen, den größten Wald ihres Landes zu pflanzen, ahnten sie nicht, welche Brücken sie damit bauten: für die Eichhörnchen beispielsweise, denen der Kielder Forest an der Grenze zu Schottland die Wiederveinigung mit seit Generationen getrennten Artgenossen ermöglichte.
Eines mögen Eichhörnchen ganz bestimmt nicht: offenes Land. Sie brauchen Bäume und Unterholz, um sich wohlzufühlen; Holzfäller können also leicht ökologische Mauern errichten und ganze Populationen für immer voneinander trennen. So geschehen in Northumberland, im Norden Englands, während der vergangenen Jahrhunderte. Nun ist Sciurus vulgaris aber auch ein robustes Tier, ein kleiner Park reicht ihm als Heim, und eine Straße ist bei der Familienplanung noch kein unüberwindbares Hindernis. Trennen jedoch große Strecken Eichhörnchenmann und Eichhörnchenfrau, bleiben Hochzeiten aus.

Die Zeugen der Isolierung einzelner Gruppen, wie sie den Eichhörnchen in Northumberland widerfuhr, liegen in den naturkundlichen Museen: Häute, Felle und sonstige sterbliche Überreste vor langer Zeit eingesammelter Eichhörnchen. 102 solcher Proben aus der nordenglischen Region haben Marie Hale und ihre Kollegen von der University of Newcastle zusammenbekommen, um deren genetische Fingerabdrücke zu vergleichen. Die Tiere waren zwischen 1918 und 2000 durch das Gehölz der von der Abholzung verschonten Wälder geturnt.

Denn bis in die 20er Jahre waren diese Wälder längst nicht das, was sie einmal waren. Aus Lichtungen waren Schneisen geworden und Ackerflächen, die für die Eichhörnchen zu unüberwindlichen Mauern wurden. Übrig blieb ein landschaftliches Patchwork, in dem viele Eichhörnchenfamilien ihr eigenes Leben führten, ohne einander je zu treffen. 1,5 Kilometer waldfreies Gebiet, so fanden die Forscher heraus, sind für die Eichhörnchen unüberwindbar.

Doch dann begann die Mauer zu fallen: Man beschloss die Wiederaufforstung. In den 20er Jahren entstand der Kielder Forest, der mit über 60 000 Hektar heute die größte Aufforstung Europas und Englands größter Wald überhaupt ist. Peu á peu wurden Bäume gepflanzt, und Verbindungen entstanden zwischen den Waldflächen im Süden Schottlands und denen im Norden Englands. In der Eichhörnchenwelt wuchs allmählich zusammen, was zusammen gehörte.

In den 60er Jahren war es dann soweit, die Eichhörnchen begannen, die langsam wachsenden, einzelnen Wäldchen zu nutzen wie Wanderer, die von Stein zu Stein springend einen Bach durchqueren. Die Wiedervereinigung von Nord und Süd nahm ihren Lauf - im wahrsten Sinne des Wortes, denn die genetischen Fingerabdrücke der Eichhörnchen wiesen nun eindeutig nach, dass sich die Tiere in den kommenden Jahrzehnten von Norden in den Kielder Forest ausbreiteten und sich im Süden mit den seit Generationen getrennten Artgenossen paarten.

Eichhörnchens Glück ist von weitreichender Bedeutung, denn noch immer werden viel mehr Ökosysteme zerstört als neu geschaffen. Längst weiß man, wie bedeutsam Fischtreppen oder Krötentunnel sind: Stauwehre und Autobahn können Welten trennen. Nun zeigen auch die Eichhörnchen Northumberlands, wie der Natur Brücken zu bauen sind.

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