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Verhaltensforschung: Eier-Abschiebung

Oftmals schöpfen die Pflegeeltern keinen Verdacht, wenn ihnen ein "Kuckucksei" untergeschoben wurde. Verfolgt der Wirt hingegen dieselbe Strategie, ist er offenbar auf der Hut vor derartigen Täuschungsmanövern.
<i>Heteronetta atricapilla</i>
Erfolgreich drücken sich weltweit ungefähr hundert Vogelarten vor der Aufgabe, den Nachwuchs großzuziehen: Anstatt die eigenen Küken tagtäglich mit Raupen, Fliegen & Co zu füttern, legen sie ihre Eier kurzerhand in andere Nester und überlassen den fremden Paaren die anstrengende Fürsorge für die Kinderschar. Zu diesen obligaten Brutparasiten zählt auch die in Südamerika heimische Schwarzkopfente (Heteronetta atricapilla), doch unter den übrigen "Rabeneltern" ist sie einzigartig: Denn ihre frühreifen Jungen benötigen nur Nestwärme bis zur "Geburt". Bereits einen Tag nach dem Schlüpfen verlassen sie das Gelege und paddeln alleine ins Schilf.

Heteronetta atricapilla und Fulica armillata | Die in Südamerika heimische Schwarzkopfente (Heteronetta atricapilla) legt ihre Eier bevorzugt in Nester des Gelbschnabel-Blesshuhns (Fulica armillata) und überlässt den fremden Paaren die anstrengende Aufzucht der Kinderschar.
Im Gegensatz zum Kuckuck oder zu Kuhstärlingen scheint dieser Schmarotzer nur geringe oder gar überhaupt keine Kosten beim Wirt zu verursachen. Folglich sollte auf letzterem nur wenig Druck lasten, Abwehrmaßnahmen gegen diese Art von Parasitismus zu entwickeln, mutmaßten Bruce Lyon und John Eadie an den Universitäten von Kalifornien in Santa Cruz und Davis. Und so erwarteten sie, einen äußerst erfolgreichen Schmarotzer vorzufinden, als sie in sieben Feuchtgebieten Argentiniens ihre umfangreiche Studie an Schwarzkopfenten über vier Jahre begannen. Wie sie feststellten, trat Brutparasitismus hier häufig auf: 29,3 Prozent der 1927 potenziellen Wirtsnester von elf Vogelarten waren betroffen.

Bevorzugt wählten die Enten als Kinderstube die Gelege des Gelbschnabel-Blesshuhns (Fulica armillata) und des Rotstirn-Blesshuhns (Fulica rufifrons) aus, die 80 Prozent der 974 Parasiteneier beherbergten. Schätzungsweise 83 Prozent aller Entenküken schlüpften aus den Nestern dieser beiden Hauptwirte. Doch häufig vergraben die Pflegeeltern die fremden Eier im Nistmaterial oder werfen sie über Bord. Warum verweigern sie bloß, die fremden Zöglinge anzunehmen?

Fulica rufifrons | Als Kinderstube wählen die brutparasitierenden Schwarzkopfenten (Heteronetta atricapilla) auch gerne die Gelege des Rotstirn-Blesshuhns (Fulica rufifrons) aus.
Schließlich machten die Wissenschaftler die entscheidende Entdeckung: Jeder der beiden Wirte mogelt seinerseits den Artgenossen regelmäßig eigene Eier unter. Offenbar werden die Schwarzkopfenten durch Verteidigungsmaßnahmen ausgebremst, die infolge des Brutparasitismus zwischen den Blesshühnern entstanden sind.

An natürlich und experimentell parasitierten Nestern schätzten die Forscher die entstehenden Kosten für die Wirte ab – inklusive der kleineren Gelegegröße, der längeren Brutzeit, dem höheren Eiverlust sowie dem größeren Risiko, infolge nicht getarnter Enteneier Räubern zum Opfer zu fallen. Doch sie ermittelten nur wenige Kosten, die durch die Ablehnung des Schmarotzernachwuchses vermieden werden können. Im Gegensatz dazu ist der intraspezifische Brutparasitismus sehr kostenintensiv, denn die Wirte ziehen die Küken anderer groß – zu Lasten der eigenen Jungen.

parasitiertes Nest | Während andere Brutparasiten Eier legen, die jenen ihres Opfers ähneln, sticht das große, weiße Ei der Schwarzkopfente im Nest mit braunen, gesprenkelten Blesshuhneiern deutlich hervor.
Zudem gelang es den Forschern, ein weiteres Rätsel zu lösen: Während andere Schmarotzer Eier legen, die jenen ihres Opfers ähneln, stechen die großen, weißen Enteneier im Nest mit braunen, gesprenkelten Blesshuhneiern deutlich hervor. Vermutlich waren die Schwarzkopfenten unfähig, schrittweise Eiermimikry zu entwickeln, weil ihre Wirte sich bereits darauf eingestellt hatten, fremde Eier von Artgenossen aufzuspüren, betont Lyon. Sicherlich wäre eine Nachahmung nützlich, denn die untergeschobenen Blesshuhneier werden seltener zurückgewiesen als Enteneier. Da sich die Eier der Vogelarten jedoch grundlegend unterscheiden, hätte eine Änderung der Größe oder Färbung vermutlich keinen Vorteil für die Enten gebracht und wäre von der natürlichen Selektion nicht begünstigt worden.

Um diese These zu überprüfen, bemalten die Wissenschaftler Haushuhn- und Wirtseier und legten sie in die Nester der Blesshühner. Und tatsächlich: Der Grad an Mimikry wirkte sich bei beiden Opfern nicht auf die Ablehnungsraten der fremden Eier aus. Vermutlich handelt es sich bei der Zurückweisung von Enteneiern um ein zufälliges Nebenprodukt in dem heftigen Fortpflanzungskampf, der sich innerhalb der Wirtsarten abspielt, spekulieren die Forscher. Doch warum entledigen sich die Blesshühner nicht aller so offensichtlich untergeschobenen Enteneier?

Entenküken | Die Küken der Schwarzkopfente (Heteronetta atricapilla) sind "frühreif": Bereits einen Tag nach dem Schlüpfen verlassen sie das Gelege des Wirtes und paddeln alleine ins Schilf.
Während Überflutungen oder hoher Wellen in den Feuchtgebieten stieg die Ablehnungsrate der Eier bis zu 100 Prozent an. Folglich scheinen beide Wirtsvögel in der Lage zu sein, die Enteneier zu erkennen, wenn es nötig ist. Doch nicht immer weisen sie den fremden Nachwuchs komplett zurück. "Die kognitiven und ökologischen Faktoren, welche die teilweise Akzeptanz der Enteneier durch die Blesshühner beeinflussen, bleiben unklar", heben Lyon und Eadie hervor.

Auch über die Gründe, weshalb bei den Schwarzkopfenten Brutparasitismus auftritt, lässt sich nur spekulieren. Möglicherweise bieten die kampflustigen Blesshühner einen guten Schutz vor Räubern, sodass die Enten trotz der häufig von den Pflegeeltern verstoßenen Eier einen größeren Fortpflanzungserfolg mit dieser Strategie erzielen. Allerdings befinden sich die Schmarotzer vielleicht in einer prekären Lage, mutmaßt Lyon: Falls es infolge von Umweltveränderungen wie der globalen Erwärmung zu häufigeren Überschwemmungen der Feuchtgebiete kommt, könnten die Enten in Schwierigkeiten geraten.

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