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News: Eier-Handel

Vor fünfzig Jahren stellte der Ornithologe David Lack die These auf, daß bei den meisten Vogelspezies die Anzahl der Eier, die ein Weibchen in sein Nest legt durch die Menge an Nahrung begrenzt ist, die die Eltern ihrem Nachwuchs bieten können. Innerhalb dieses Rahmens legt der Vogel so viele Eier wie möglich und erfüllt so das Gebot der Evolution, möglichst viele eigene Gene an die nächste Generation weiterzugeben. Dies alles schien vollkommen vernünftig und in Übereinstimmung mit allgemein akzeptierten Grundsätzen über die Entwicklung von Verhaltensmustern. Und doch ist manchmal nicht alles so einfach wie es auf den ersten Blick aussieht...
Als Feldornithologen begannen nachzurechnen und versuchten herauszufinden, wieviele Eier in einem Nest zu erwarten sind, entdeckten sie, daß die Gelegegrößen oft kleiner waren als die "Lack-Gelegegröße". In der Ausgabe vom 26. März 1998 von Nature bietet Bruce Lyon von der University of California in Santa Cruz eine neue Erklärung für dieses ornithologische Rätsel.

Seine Erklärung basiert auf sich häufenden Hinweisen darauf, daß Brutparasitismus weitverbreitet und unter Vögeln alltäglich ist. Dieses Verhalten kann man wie folgt umschreiben: "Warum etwas selber machen, wenn man jemanden finden kann, der es umsonst für einen macht?"

Der bekannteste Brutparasit ist der Kuckuck, der sein Ei in das Nest einer anderen Spezies legt. Der junge Kuckuck ist viel größer als seine Nestgenossen und übernimmt daher die Herrschaft im fremden Nest. Dies ist jedoch ein extremes Beispiel. Bei vielen anderen Vogelarten legen Weibchen, die ein eigenes Nest besitzen, oftmals einige Eier in die Nester anderer Weibchen derselben Art. Diese Weibchen ziehen dann den fremden Nachwuchs zusammen mit ihrem eigenen auf.

Lyon beobachtete amerikanische Bläßhühner (Fulica americana) in British Columbia in Kanada. Ein Großteil der Bläßhuhn-Weibchen sind Brutparasiten. Sie legen zunächst einige Eier in das Nest eines anderen Weibchens, bevor sie ihr eigenes Nest bauen. Lyon konnte mehrere Effekte dieses Verhalten entdecken, die zu kleineren Gelegegrößen beitragen könnten:
Gibt es keinen Brutparasitismus, dann schwindet die Wahrscheinlichkeit, daß die Jungen aus den letzten Eiern überleben, die ein Weibchen legt und selber aufzieht. Lyon hat errechnet, daß es für den Vogel von Vorteil wäre, einige Eier sozusagen bei einem anderen Weibchen abzuladen, um somit den eigenen Erfolg bei der Fortpflanzung zu maximieren. Außerdem sieht es so aus, als wenn die Legekapazität insgesamt eine feststehende Größe ist. Deshalb wird ein parasitäres Weibchen dazu neigen, weniger Eier im eigenen Nest zu legen, als man erwarten könnte. Insgesamt wird es allerdings mehr Eier legen als das nicht-parasitäre Weibchen und dadurch einen Vorteil bezüglich seines Beitrags zur nächsten Generation erzielen.

Amerikanische Bläßhühner scheinen sich genau so zu verhalten. Es sind sogar noch subtilere Mechanismen am Werk. Brutparasitismus ist bei Bläßhühnern eine alltägliche Erscheinung, ungefähr 41 Prozent der Nester werden parasitär genutzt. Daher ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, daß jeder Vogel – egal ob er sich selbst parasitär verhält oder nicht – zusätzliche Eier in sein Nest bekommt, die er bebrütet und anschließend die Küken aufziehen muß. Das Ergebnis ist, daß im allgemeinen weniger Eier ins eigene Nest gelegt werden.

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