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Hirnforschung: Eigensinnig

Schnüffeltests der verschiedensten Art haben gezeigt: Wir können uns der betörenden Botschaft potenzieller Pheromone nicht entziehen. Allerdings reagiert das Gehirn je nach sexueller Orientierung recht unterschiedlich - bei heterosexuellen Frauen und homosexuellen Männern allerdings ähnlich. Spiegeln homosexuelle Frauen das Muster heterosexueller Männer wider?
Hirnaktivität bei lesbischen FrauenLaden...
Die Nasenspitze, das Lächeln, ein graziöser Gang oder einfach nur ein Lachgrübchen auf der linken Wange – es gibt viele körperliche Signale, die uns einen anderen Menschen anziehend erscheinen lassen. Besonders interessant ist dabei natürlich, welche Merkmale in uns den Wunsch wecken, diesen als Partner auszuwählen. Und hier fehlte in der Liste zunächst ein Aspekt: die Pheromone.

Aus der Tierwelt ist der betörende Reiz dieser Duftstoffe längst bekannt und gut untersucht. Auch beim Menschen zeigten unter anderem Schnüffeltests mit T-Shirts, dass da wohl etwas wirkt – nur was und wie, das war die große Frage: Das vomeronasale Organ, das auf diese speziellen Substanzen anspringen sollte, scheint bei Homo sapiens gar nicht mit dem Gehirn verschaltet – sofern es überhaupt vorhanden ist, selbst das ist umstritten.

Trotzdem aber regen sich bei entsprechenden Duftproben Hirnareale, die mit Partnerwahl in Verbindung gebracht werden. So reizen Wissenschaftler die Nasen und Hirne von freiwilligen Testpersonen bevorzugt mit einem Progesteron-Abkömmling – einem Androstadien, das in Männerschweiß vorkommt – und einem Östrogen ähnlichen Steroid, das im Urin schwangerer Frauen auftritt. Positronen-Emissions-Tomografie (PET) verrät ihnen dabei, in welchen Hirnregionen die Lockmittel den Blutfluss fördern.

Wie so gern auch sonst betont: Frau und Mann reagieren dabei komplett entgegengesetzt. Frauen aktivieren Areale des Geruchssinn, wenn sie mit dem "Frauenduft" konfrontiert werden, aber Zentren des vorderen Hypothalamus, wenn sie Männerschweiß riechen. Die Schaltkreise dieser Region gelten als Mitspieler, wenn es um das Abgleichen von sensorischen und hormonellen Signalen geht – sprich: Wenn wir ein Gegenüber als potenziellen Paarungspartner taxieren. Männer machen es umgekehrt. Allerdings gelten diese Beobachtungen nur für Heterosexuelle.

Längst hat sich dieses Forschungsfeld nicht mehr nur mit der verbreiteten Variante von Mann sucht Frau und vice versa beschäftigt, sondern auch mit dem Modell Mann liebt Mann. Und siehe da: Das Hirn homosexueller Männer reagiert sehr ähnlich wie das heterosexueller Frauen.

Und homosexuelle Frauen? Sie waren bislang etwas unterrepräsentiert im Schnüffelforschungsfeld. Ivanka Savic vom Karolinska-Institut und ihre Kollegen füllen nun diese Lücke: Sie untersuchten bei zwölf Lesbierinnen und jeweils ebenso vielen heterosexuellen Männern und Frauen die Reaktion auf die vermuteten männlichen und weiblichen Pheromone, wiederum unter PET-Überwachung. Mit interessantem Ergebnis.

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Hirnaktivität bei lesbischen Frauen | Der PET-Blick auf die Aktivierung von Hirnarealen nach dem Schnüffeln von potenziellen Pheromonen zeigt, dass lesbische Frauen nicht wie heterosexuelle Geschlechtsgenossinnen reagieren. Das Muster entspricht aber auch nicht dem von heterosexuellen Männern, obwohl sie gleichermaßen Interesse für Frauen hegen.
Denn die homosexuellen Frauen reagierten zwar erwartungsgemäß nicht wie ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossinnen – aber auch nicht wie heterosexuelle Männer. Zusammengefasst aktivierten sie zwar wie Männer bei Männerduft Hirnareale des Geruchssinns – aber das taten sie auch bei dem Östrogen ähnlichen Steroid. Insofern deckten sich die Muster bei weitem nicht so stark wie bei homosexuellen Männern und heterosexuellen Frauen. Bessere Überschneidungen erreichten die Forscher erst, als sie ihren Qualitätsstandard der Messungen – das Signifikanzniveau – herabsetzten. Frei nach dem Motto: Unschärfer hingeschaut, verwischen sich schon mal klare Grenzen.

Dass das Männer-Steroid bei homosexuellen Frauen das "Achtung-potenzieller-Partner"-Areal des Hypothalamus kaum aktiviert, scheint wenig verblüffend. Savic und ihre Kollegen diskutieren sie trotzdem. Zu den angeführten Erklärungen gehört die Vermutung, die intensive Reaktion heterosexueller Frauen und homosexueller Männer auf das Androstadien folge aus der jahrelangen und immer wieder auftretenden "Exposition" des "Reizmittels" Mann. Dazu passt, dass umgekehrt die heterosexuellen Männer entsprechend heftig auf den Frauenduft reagieren. Nur: Lesbierinnen reagieren auf dieses Östrogen ähnliche Steroid gar nicht so überragend. Mangelnde Exposition? Bei den Teilnehmerinnen der Studie jedenfalls nicht: Sie alle berichteten eine vergleichbare Zahl von Sexualpartnern und auch festen Beziehungen wie ihre heterosexuellen Kollegen.

Vielleicht, ganz theoretisch, seien die beobachteten Effekt Folge der Substanzen an sich. Das männerspezifische Pheromon sei erheblich besser untersucht als der weibliche Gegenpart und scheint auch stärker zu wirken, geben die Wissenschaftler zu bedenken. Schon möglich, dass damit feinere Unterschiede in den jeweiligen Verarbeitungswegen übertüncht werden.

Vielleicht aber sei auch einfach die weibliche Homosexualität eine andere als die männliche. So zeigt sich bei den Männern immer wieder eine genetische Komponente, die bei Frauen bislang nicht nachgewiesen wurde. Auch ein Einfluss der Geburtenreihenfolge – homosexuelle Männer sind häufig Kinder mit mehreren älteren Geschwistern, vor allem Brüdern – scheint beim weiblichen Part zu fehlen. In Verhaltenstests ähneln homosexuelle Männer eher Frauen, während Lesbierinnen sich durchaus frauentypisch geben. Auch sehen sie die Grenze zwischen den Geschlechtspartnern häufig wohl nicht ganz so streng: Einige Studienteilnehmerinnen, obwohl nach eigenem Bekunden homosexuell, gaben durchaus gelegentliche Sexualkontakte mit Männern an. Nun berichten auch homosexuelle Männer so manches intimen Rendezvous mit Frauen. Insgesamt jedoch seien Frauen wohl "sexuell flexibler", erklären die Forscher.

Ungeklärt bleibt damit noch immer, wie die Pheromone ihre Wirkung im Hirn entfalten können. Die ausgeprägte Aktivierung von Geruchssinn-Arealen bei lesbischen Frauen untermauert die verbreitete Vermutung, dass die Signale nicht obskure Wege, sondern schlicht über die Riechschleimhaut an den Ort des Geschehens gelangen.

Jedenfalls erteilt die Studie einem Schubladendenken – heterosexuelle Frauen und homosexuelle Männer in eine Kiste, die entsprechenden Gegenstücke in die andere – eine klare Absage. Aber derartiges Sortieren ist sowieso mehr als fraglich. Es wäre ja auch zu einfach: Schon Nasenspitzen und Grübchen sind schließlich viel zu vielfältig, um danach zu kategorisieren. Und gibt es etwas Individuelleres als ein Lächeln?
10.05.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 10.05.2006

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