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Epidemiologie: Ein angriffslustiger Geselle

Seit 1997 fallen immer wieder auch Menschen dem tödlichen Erreger der Vogelgrippe zum Opfer. Was macht dieses Virus derart aggressiv?
Sein Name: H5N1, landläufig bekannt als Erreger der Vogelgrippe. Verwandtschaftliche Zuordnung: Influenzaviren. Sein Versteck: Wildlebende, offenbar gesunde Enten. Sein Vergehen: Massenhafter Befall unschuldiger Hühner, blitzartige Vermehrung in verschiedenen Organen des Geflügels mit schneller und verheerender Wirkung: Tod des Opfers innerhalb weniger Tage. Seit 1997 auch gelegentliche Angriffe auf den Menschen mit tödlicher Folge.

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Vogelgrippe | Millionen Hühner werden geschlachtet, um die Ausbreitung der Vogelgrippe einzudämmen.
Das Vogelgrippe-Virus hat in den letzten Jahrzehnten durch mehrere Epidemien immer wieder für Aufregung gesorgt. Nicht nur wegen einzelner Todesfälle von Menschen oder wegen der wirtschaftlichen Schäden großer Krankheitsausbrüche – bei der Millionen von Hühnern geschlachtet werden müssen – ist es ein ernst zu nehmender Gegner, sondern auch wegen der ständig drohenden Gefahr, dass der aggressive Winzling Eigenschaften von anderen, verwandten Viren übernimmt. Sollte er dabei die Fähigkeit erwerben, sich auch von Mensch zu Mensch zu übertragen, stünde zu befürchten, dass eine Grippe-Pandemie über den Globus rast.

Doch wie kommt es überhaupt, dass das Virus seinen eigentlichen Wirt, die Vögel, verlässt und mit seit Mitte der 1980er Jahre zunehmender Aggressivität auch gegen Säugetiere vorgeht? Den Entwicklungsgang des kleinen Aggressors von 1999 bis 2002 in freier Wildbahn untersuchten nun Hualan Chen vom Harbin Veterinary Research Institute und seine Kollegen. Die Wissenschaftler nahmen die Pathogenität und das Genom von 21 verschiedenen Typen von H5N1, die allesamt aus wildlebenden Enten isoliert worden waren, genauer unter die Lupe.

Bei Infektionsversuchen zeigten Enten keinerlei Krankheitssymptome, wenn sie mit den Viren in Kontakt gebracht wurden. Verheerend wirkten die Keime hingegen auf Hühner: Infizierten die Forscher das Geflügel mit den einzelnen Virustypen, starben die Tiere innerhalb weniger Tage.

Auffällig war, dass H5N1 von Jahr zu Jahr schneller tötete: 1999 und 2000 ließ sich der Krankheitserreger dazu noch drei bis acht Tage Zeit, 2001 und 2002 erledigte er es in der Regel in zwei bis vier Tagen. Lediglich ein einziger Virusstamm von 2002 war weniger aggressiv.

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Genotypen von H5N1 | Die Entwicklung der Genotypen von H5N1, isoliert aus wildlebenden Enten zwischen 1999 und 2002: Die Viren haben einzelne Gensegmente aus anderen, unbekannten Viren aufgenommen. Gene der gleichen Linie sind in derselben Farbe markiert, die Buchstaben stehen für die verschiedenen Genotypen.
Ähnliche Ergebnisse brachte ein Test über die Veränderung der Pathogenität von H5N1 gegen Säuger im Lauf der Zeit: Die Viren aus den Jahren 1999 und 2000 sowie ein einziger Typ von 2001 konnten infizierten Mäusen noch nichts anhaben. Ab Jahrgang 2001 vermehrten sich die einzelnen Virusvarianten auch in den Nagern und wurden diesen immer gefährlicher.

Aus der genetischen Analyse der einzelnen Virentypen schließen die Forscher, dass nicht ein bestimmter Genotyp, sondern individuelle Mutationen für das krankmachende Potenzial der Viren verantwortlich sind. Offenbar können mehrere verschiedene Varianten von H5N1 Säugern – und damit auch dem Menschen – gefährlich werden. Deswegen besteht nach Ansicht der Forscher dringender Handlungsbedarf, die Übertragung von Vogelviren auf Hühner und Säugetiere zu verhindern.
30.06.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 30.06.2004

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