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Klimadiskussion: "Ein Erbe des Kalten Kriegs"

Die Geologin und Historikerin Naomi Oreskes ist Professorin für Wissenschaftsforschung an der University of California, San Diego. Sie gehört zu den profiliertesten Forschern, die vor den Folgen des Klimawandels warnen. 2010 veröffentlichte sie in den USA zusammen mit Erik M. Conway das vielbeachtete Buch "Merchants of Doubt: How a Handful of Scientists Obscured the Truth on Issues from Tobacco Smoke to Global Warming". Dargestellt wird, wie US-amerikanische Lobbygruppen seit 20 Jahren gezielt Zweifel am Klimawandel wecken und die Glaubwürdigkeit von Forschern untergraben, um ihre politischen und ökonomischen Ziele durchzusetzen. Spektrum.de sprach mit der Forscherin während ihrer Reise nach Deutschland in Berlin.

Spektrum.de: Frau Oreskes, in Ihrem Buch zeigen sie, wie der wissenschaftliche Nachweis des Klimawandels politisch zuerst angezweifelt und später schlicht ignoriert wurde. Ihre Arbeit hat in den USA überwältigend gute Kritiken bekommen. In Europa wurde sie dagegen bislang kaum zur Kenntnis genommen – auch nicht von der Forschergemeinde. Gibt es dafür Gründe?

Naomi Oreskes: Zum einen ist das Buch gerade erst auf Französisch erschienen, und in Deutschland bin ich noch auf der Suche nach einem Verleger. Zum anderen wurde in Europa noch bis vor einigen Jahren wenig über die Realität des Klimawandels diskutiert und diese angezweifelt. In dem Buch geht es deshalb auch hauptsächlich darum, wie sich Einstellungen und Argumentationen in den USA verändert haben.

Viele wichtige Forschungsarbeiten, die sich mit dem Klimawandel beschäftigen und ihn belegen, kommen aus den USA. Warum sind die USA dennoch die einzige Industrienation, die es bis heute ablehnt, das Kyoto-Protokoll zu ratifizieren, in dem die Reduzierung der Treibhausgasemission vereinbart wird?

Ja, das ist merkwürdig. In der Tat stammen viele Forschungsarbeiten zum Thema aus den USA. Aber an der politischen Haltung ändert das dennoch nichts. Unser Buch war in Teilen der Versuch, Antworten auf diesen Widerspruch zu finden. In den USA herrscht die Befürchtung vor, dass eine wachsende politische Gruppe, die Maßnahmen gegen den Klimawandel einfordert, den Kapitalismus des freien Marktes einschränken könnte. Diese Angst führte dazu, dass sich eine Allianz bildete aus industriellen Interessengruppen und ideologisch motivierten – oder wie wir sie nennen – "prinzipientreuen" Gruppen, die sich für den uneingeschränkten Schutz des freien Marktes und die Beschränkung des staatlichen Einflusses einsetzen.

Wenig prinzipientreu an dieser Bewegung war allerdings, dass sie wissenschaftliche Erkenntnisse mit allen möglichen Mitteln untergraben haben – darunter auch mit offenkundig unehrlichen Mitteln. Wir zeigen, dass die amerikanische Zigarettenindustrie der Wegbereiter für diese unehrlichen Taktiken war. Einige der Akteure, die den wissenschaftlichen Nachweis ablehnen, dass der Klimawandel ein von Menschen verursachtes Problem ist, sind übrigens die gleichen Menschen, die wissenschaftliche Erkenntnisse über die schädlichen Folgen des Rauchens bestreiten. Auch diese Zusammenhänge stellen wir dar.

Inwiefern spielt die Tabakindustrie eine Rolle in der Klimapolitik der USA?

Von der Tabakindustrie gingen die Strategien aus, die Forschungen zum Klimawandel zu unterminieren. Die Frage lautet deshalb, wie konnte eine so kleine Gruppe von Leuten so einen großen Einfluss bekommen? Sie haben das natürlich nicht alleine geschafft. Mit ihr verbündeten sich rechtskonservative Unterstützer und Sponsoren sowie Thinktanks, die die Idee des freien Markt propagierten. Die These war, dass Reglementierungen des freien Marktes gleichgesetzt wurden mit Reglementierungen des Tabakkonsums. Denn deren Hauptargument lautet, nicht der Staat sollte sagen, was gut ist oder schlecht, sondern jedes Individuum solle selbst entscheiden, ob es rauchen will oder nicht. Das ganze wurde zu einer Frage der persönlichen Freiheit. Die Debatte um den Klimawandel begann in den USA ja schon in den 1950ern bis in die 1970er Jahre hinein. Aber erst als die Debatte in den späten 1980ern und 1990ern wirklich zu einer großen, gesellschaftlichen Diskussion wurde, die dann ja auch zur Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) führte, bildete sich die Interessenkoalition aus der Tabakindustrie und anderen Lobbygruppen.

Die wissenschaftliche Gemeinschaft der USA ist ebenfalls nicht unbedeutend. Warum hatte sie so wenig Überzeugungskraft?

Kurz gesagt: Die Politik ist stärker als die Wissenschaft. Die Interessengruppen, die wir dokumentieren, sind sehr klug, sehr gut organisiert und sehr gut finanziell ausgestattet. Wissenschaftler sind auch klug, aber etwas weniger gut organisiert. Und obwohl sie oft finanziell gut ausgestattet sind, um ihre Forschungsarbeiten zu realisieren, haben sie doch wenig monetäre Mittel, um Wissenschaft zu erklären und zu kommunizieren. Zwischen Klimakritikern und Skeptikern herrscht also kein ausgeglichenes Spiel.

Unter den wissenschaftlichen Beratern der US-Regierung, die sich gegen Maßnahmen zum Klimaschutz aussprachen, befanden sich viele Physiker. Haben sie eine Erklärung, warum vor allem Physiker den Klimawandel bestreiten?

Das ist ein Erbe des Kalten Kriegs. Der politische Einfluss und die Macht, die Physiker während des Kalten Krieges erlangen konnten, war kombiniert mit einer extrem antikommunistischen politischen Ideologie. Als der kalte Krieg zu Ende war, sahen diese Physiker in der Umweltschutzbewegung ihr nächstes Kampfgebiet. Für sie waren Umweltaktivisten im Wesentlichen eine Form von verstecktem Kommunismus, weil Umweltschutz ihrer Argumentation zufolge zu stärkerer staatlichen Regulierung des Marktes beziehungsweise generell zu einer stärkeren staatlichen Kontrolle führen würde. Klimaschützer wurden Wassermelonen genannt, außen grün und innen rot.

Anderseits wird der Klimawandel mit am stärksten von Physiker erforscht: Ist das nicht ein merkwürdiger Widerspruch?

Ja, das stimmt. Die erste Generation der Klimaforscher waren fast alle Physiker. Das Problem liegt nicht bei Physikern oder der Physik per se. Aber eine bestimmte einflussreiche Generation von Physikern hatte ihre Weltanschauung in einem bestimmten historischen Moment entwickelt. Später konnten sie sich nicht mehr an die sich verändernde Welt um sie herum anpassen. Sie kämpften weiter in den Kategorien des Kalten Krieges, nachdem er längst vorüber war. Und sie tun es bis heute.

Sie sind vor Kurzem durch Europa gereist, um Ihr Buch bekannt zu machen. Wie haben Sie die Atmosphäre empfunden?

Hier in Deutschland ist die Debatte ganz anders als in den USA. Es gibt nur wenig Skeptiker. In Frankreich dagegen ist die Zahl der Skeptiker größer, aber überall werden die wissenschaftlichen Erkenntnisse akzeptiert. Die Frage ist nicht, ob es den Klimawandel gibt. Es geht vielmehr um die Frage, was zu tun ist. Und das ist richtigerweise ein Thema der politischen Debatte, denn es ist eine politische Frage. Aber auch hier in Europa fehlt es an der notwendigen Dringlichkeit. Die UNFCCC ist 1992 kreiert wurden. Das war vor 20 Jahren. Bis jetzt gibt es kaum Fortschritte, die Treibhausgasemissionen zu limitieren. Und viele Wissenschaftler denken, dass wir schon ziemlich nahe an dem Punkt sind, von dem es keine Umkehr mehr gibt – wenn wir ihn nicht sogar vielleicht schon überschritten haben.

Dass die US-Regierung die Ratifizierung des Kyoto-Protokoll ablehnt, welches ein Teil der UNFCCC ist, war eine große Niederlage für die Wissenschaft. Hat die wissenschaftliche Gemeinschaft daraus Lehren gezogen?

Durchaus: Die Kommunikation von Wissenschaft hat sich in den USA in den letzten Jahren verbessert. Forscher versuchen, ihre Erkenntnisse deutlicher an die Öffentlichkeit zu bringen. Aber ich befürchte, dass dies dennoch zu wenig ist und zu spät geschieht. Wie können wir den entstandenen Schaden wieder gut oder ungeschehen machen? Und was müssen wir tun, um die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 um 80 Prozent zu reduzieren? Das wird ziemlich schwierig, viel schwieriger als wenn wir schon vor 20 Jahren damit begonnen hätten. Mein Gefühl ist, dass die Geschichte ziemlich hart über uns urteilen wird.

Was konkret müssen Wissenschaftler tun, damit ihre Informationen und Kenntnisse in der Öffentlichkeit und in der Politik stärker Gehör finden?

Das ist schwierig zu beantworten, denn es hängt von sozialen, politischen, ökonomischen und kommunikativen Faktoren ab. Und die Frage, was sinnvoll und effizient wäre, ist in Deutschland anders als in den USA, Frankreich, Brasilien oder Australien. Wissenschaftler müssen den kulturellen Kontext beachten, in dem sie sich befinden.

Und sie sollten auch klar sagen, dass die Dinge komplex und oft auch unsicher sind. Forscher haben nicht alle Antworten. Aber wenn es darum geht, einen Ausweg zu finden, sollten sich Naturwissenschaftler in das Podium von Soziologen, Humanisten und Künstlern einbringen. Naturwissenschaftler sollten klar machen, was das Problem ist. Aber es ist unsere gemeinsame Aufgabe, zu debattieren, was die passende Lösung wäre.

Frau Oreskes, vielen Dank für das Interview.

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