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Hirnforschung: Ein ergiebiges Eiland

Haben Sie sich auch in der Schule mühsam mit Fremdsprachen herumgeplagt? Vielleicht lag es daran, dass bei Ihnen eine bestimmte Hirnregion, die Insula, im Vergleich zu beneidenswerten Sprachgenies nicht effektiv genug arbeitet.
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Französische Vokabeln, englische Grammatik – so manch unangenehme Erinnerung an die Schulzeit werden dabei geweckt. Während für einige das Erlernen einer Fremdsprache zu einer regelrechten Tortur ausarten kann, erlernen andere jedes Idiom scheinbar kinderleicht. Was unterscheidet diese Sprachgenies von den Fremdsprachmuffeln?

Genau diese Frage sollten 30 junge Erwachsene aus dem Stadtstaat Singapur den Forschern um den Neurowissenschaftler Michael Chee vom Singapore General Hospital beantworten. Alle Versuchspersonen beherrschten perfekt ihre Muttersprache Englisch – konnten sich hier sogar ausgezeichneter Examensnoten rühmen – und waren spätestens seit ihrem fünften Lebensjahr mit ihrer Zweitsprache Chinesisch aufgewachsen. Während 15 von ihnen auch hier mit besten Noten glänzten, waren dagegen die Leistungen der anderen 15 im Fach Chinesisch eher mittelprächtig.

Alle unterzogen sich nun einem kleinen Vokabeltest – und zwar in einer Sprache, von der sie kein einziges Wort verstanden: Französisch. Ihre Aufgabe bestand unter anderem darin, aus einer Liste vorgelesener Vokabeln wiederholte Wörter herauszuhören.

Den Test bewältigten alle Versuchsteilnehmer leidlich gut. Auch diejenigen, die sich mit Chinesisch schwer taten, fielen in den Worterkennungsübungen nicht wesentlich gegenüber ihren sprachbegabteren Kollegen ab.

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Hirnaktivität | Zweisprachig aufgewachsene Versuchspersonen, die sowohl Englisch als auch Chinesisch perfekt beherrschen, zeigen bei Fremdsprachübungen eine verstärkte Aktivität in der Insula (links, Pfeil).
Diese Hirnregion ist bei Probanden, die sehr gut Englisch, aber weniger gut Chinesisch sprechen, zwar auch aktiv, jedoch im geringerem Maße (rechts).
Während des Sprachtests hatten die Forscher ihren Versuchspersonen per funktioneller Magnetresonanztomografie ins Hirn geschaut. Und dabei erwies sich bei allen Probanden eine Hirnregion als besonders rege: die Insula – auch Insellappen genannt – in der linken Hirnhälfte. Die Durchblutung dieses Areals war jedoch bei den Sprachbegabten deutlich stärker als bei denjenigen, die Schwierigkeiten mit dem Chinesischen hatten. Dafür setzen diese verstärkt Bereiche im Frontallappen bei den Vokabelübungen ein.

Während nun der Frontallappen bei bewussten Denkprozessen eingesetzt wird, ist die Insula ein wichtiger Bestandteil des so genannten phonologischen Arbeitsspeichers. Hier werden gehörte Wörter und Zahlen, wie beispielsweise Telefonnummern, kurzzeitig zwischengelagert, bevor sie in das Langzeitgedächtnis übergehen.

Und dieser Zwischenspeicher scheint bei den Sprachgenies hoch effektiv zu arbeiten, vermuten die Forscher. Die weniger Begnadeten können – aus welchen Gründen auch immer – den Arbeitsspeicher der Insula dagegen weniger gut nutzen und müssen daher die fremden Klänge mühsam erlernen. Offen bleibt dabei jedoch, so betonen die Wissenschaftler, ob die geringere Aktivität der Insula eine Ursache oder eine Folge mangelnder Sprachbegabung ist.
06.10.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 06.10.2004

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