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News: Ein frühzeitiges Federvieh

Ein kleines, gleitendes Reptil ist offenbar das älteste bisher bekannte Tier, das Federn besaß. Das wiederentdeckte Fossil, das mit Sicherheit nicht zu den Dinosauriern gehörte, könnte der Vorfahre der heutigen Vögel sein. Dieser Fund stellt daher die kaum noch angezweifelte evolutionäre Verbindung zwischen den Urechsen und unseren Vögeln in Frage.
Die Mehrheit der Paläontologen zweifelt nicht mehr an dem Ursprung der Vögel. Zahllose Ähnlichkeiten des Skeletts belegen ihrer Ansicht nach, dass die Tiere von einer bestimmten Gruppe der Dinosaurier abstammen – den Theropoden. Trotzdem warfen eine Reihe von Ornithologen und Paläontologen seit längerem ein, dass auch Unstimmigkeiten in dieser Theorie bestünden. Allerdings konnten sie keine Alternative anbieten.

Aber kürzlich fanden Wissenschaftler von der Oregon State University in Corvallis ein Fossil, das erheblich an dem Stammbaum der heutigen Vögel rütteln könnte: Ein kleines Reptil mit Federn. Longisquama insignis, wie das Tier heißt, lebte vermutlich in Asien vor 220 Millionen Jahren – zur Zeit der ersten Dinosaurier und 75 Millionen Jahre vor dem ersten bekannten Vogel (Science vom 23. Juni 2000).

Die Fossilien selbst entdeckte ein Paläontologe bereits 1996 in einem Flussbett in Kirgisien. Seither befanden sie sich in einem Moskauer Museum. John Ruben und Terry Jones von der Oregon State University stießen rein zufällig auf einer Wanderausstellung über die bedeutsamen Funde. "Man bat mich,in einem Einkaufszentrum, in dem die Ausstellung stattfand, eine Rede über die Biologie der Dinosaurier zu halten," erzählt Ruben. "Terry Jones und ich sahen die Fossilien und dachten sofort, dass dies die ältesten Tiere mit Federn sind. Wir blieben die ganze Nacht wach und untersuchten sie in einem leer stehenden Laden."

Die Forscher können nicht mit absoluter Sicherheit sagen, dass es sich bei den Anhängen am Rücken der Reptilien tatsächlich um Federn handelt. Vom Entdecker der Fossilien waren sie ursprünglich als Schuppen interpretiert worden, weshalb sie als solche auch in die Fachliteratur eingingen. Aber Ruben ist sich ziemlich sicher, dass sie die ersten Federn gefunden haben. "Wie können einige Strukturen identifizieren, die nur bei heutigen Federn und nirgendswo sonst vorkommen."

Zum einen spricht ein Schaft – eine feine Röhre – in der Mitte der Fortsätze gegen ihre Interpretation als überdimensional lange Schuppen. Von diesem Schaft aus ziehen an beiden Seiten schmale Rippen nach außen, was auch charakteristisch für Federn ist. Außerdem endet die zentrale Röhre mit einer kleinen Verdickung in einem Follikel in der Haut. Den stärksten Hinweis ist allerdings eine noch in der Entstehung befindliche Struktur: Sie ist von einer Scheide umgeben, wie sie auch für die Entwicklung von Federn typisch ist.

Das bisher älteste befiederte Tier ist der Archäopteryx, der nach dem heutigen Stand der Forschung allerdings erst 75 Millionen Jahre nach Longisquama auftrat. Seit jeher war es ein Rätsel, woraus sich die Federn des Urvogels entwickelt hatten. Viele Wissenschaftler brachten sie mit den Dinosauriern in Verbindung. Da es sich bei Federn aber um äußerst komplexe Strukturen handelt, hält Ruben die Chance, dass sie sich bei Longisquama und Millionen Jahre später bei den Dinosauriern unabhängig davon entwickelten, für "astronomisch gering". Daher stuft er das eidechsengroße Reptil als den "idealen Vogel-Vorfahren" ein. Selbst konnte das Tier allerdings nicht fliegen, da ihm die nötige Muskulatur hierfür fehlte. Aber es war vermutlich zu kleinen Gleitflügen von Baum zu Baum fähig.

Aber nicht alle Forscher sind von dieser Interpretation der Funde gleichermaßen angetan. Rick Prum vom Natural History Museum der University of Kansas wirft ein, dass Federn dazu neigen, an den Rändern ein wenig auseinander zu gehen – zu "zerfleddern". Die Fortsätze dagegen sind vollkommen geschlossen. Für ihn sehen die Strukturen viel eher wie gerippte Membranen aus.

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