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Autismus: Ein ganzer Mann

Sie führen ein Leben in ständiger Isolation, scheuen jeglichen menschlichen Kontakt - fallen mitunter aber durch außergewöhnliche Begabungen auf. Autistische Kinder erscheinen mysteriös. Stellt ihr mangelndes Einfühlungsvermögen und ihr starker Drang zur Systematisierung Ausdruck eines übertrieben männlichen Charakters dar?
Die Mütter tragen keine Schuld. Längst gilt die Annahme, eine ablehnende Haltung seiner Eltern würde ein Kind in die Selbstisolation zwingen und damit sein autistisches Verhalten verursachen, als widerlegt. Doch seitdem der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler im Jahr 1911 den Begriff Autismus prägte, rätseln Wissenschaftler über die Ursache der Entwicklungsstörung.

Bereits im Säuglingsalter fallen die Kinder auf, die kaum Kontakt zu ihren Eltern und anderen Bezugspersonen aufnehmen, sondern sich vollkommen in ihr Inneres zurückziehen. Sie scheuen Blickkontakt und jegliche körperliche Berührungen, Gefühle anderer Menschen scheinen ihnen vollkommen fremd zu sein. Jede Veränderung ihrer vertrauten Umgebung wirkt auf sie bedrohlich; nur in gewohnten bis stereotypen Verhaltensweisen finden sie ein wenig Sicherheit. Dabei muss Autismus nicht mit geistiger Behinderung verknüpft sein – manche autistischen Kinder erweisen sich sogar als außergewöhnlich intelligent. Besonders auffallend sind kuriose Inselbegabungen, wenn etwa Fahrpläne oder Telefonbücher auswendig vorgebetet werden können.

Bereits dem österreichischen Kinderarzt Hans Asperger, der 1944 – neben dem amerikanischen Psychiater Leo Kanner – Autismus als eigene Krankheit beschrieb, fiel auf, dass seine kleinen Patienten meist männlich waren: Jungen sind vom Autismus drei- bis viermal so häufig betroffen wie Mädchen. Könnte es sein, so spekuliert er, dass autistische Kinder einen übertrieben "männlichen" Charakter haben?

Eine Idee, die durchaus nicht abwegig ist, meint Simon Baron-Cohen. Schließlich neigen Autisten zum Systematisieren: Sie analysieren technische Systeme und können sich für feste Regeln, wie Fahrpläne, begeistern – Eigenschaften, die als typisch männlich gelten. Andererseits haben Autisten extreme Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich und können sich nur schwer in andere Menschen hineinversetzen. Ein ausgeprägter Sinn für Empathie – der Autisten fehlt – wird wiederum Frauen zugesprochen.

Zusammen mit seinen Kollegen von der Universität Cambridge ging der Psychiater der Sache nach und wertete die entsprechende Literatur aus. Standardisierte Verhaltenstests zeigten demnach, dass sich die Menschheit grob in "Empathiker" und "Systematiker" einteilen lässt. Dabei fand sich knapp die Hälfte der Frauen auf der empathischen Seite, während 60 Prozent der Männer sich eher als Systematiker bezeichnen können. Bei den Autisten fiel die Sache dagegen ziemlich eindeutig aus: Kein einziger reagierte typisch empathisch, aber 87 Prozent verhielten sich systematisch, 47 Prozent sogar besonders extrem.

Woran liegt das? Die Forscher vermuten die Ursache in der embryonalen und frühkindlichen Hirnentwicklung. Bekannterweise besitzen Männer im Durchschnitt ein größeres Hirnvolumen, weisen aber vermutlich eine geringere Vernetzung der einzelnen Hirnbereiche als Frauen auf. Und auch Autisten fallen durch überdurchschnittliche Kopfgrößen auf, wobei die weiße Substanz der Hirnmasse gegenüber der grauen besonders ausgeprägt ist.

Vor allem spezielle Hirnareale wie die Amygdala, die eine wichtige Rolle bei emotionalen Reaktionen spielt, fallen hier aus dem Rahmen: Bei autistischen Kindern im Alter von 18 bis 35 Monaten sind sie überdurchschnittlich groß, während erwachsene Autisten besonders kleine Amygdalae besitzen. Ein verstärktes Amygdala-Wachstum während der frühen Kindheit kennen Hirnforscher ebenfalls von männlichen Gehirnen.

Als Auslöser für die Entwicklungsstörung sehen Baron-Cohen und seine Kollegen männliche Geschlechtshormone während der Schwangerschaft: Testosteron – das auch der weibliche Organismus produziert – prägt die Hirnentwicklung des Fötus. Ein Zuviel könnte daher zu einem "übertrieben männlichen" Gehirn führen – mit autistischen Zügen.

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