Direkt zum Inhalt

Niedrigwasser in deutschen Flüssen: »Die Schiffe fahren zwar noch, aber die Situation ist außergewöhnlich«

Der Pegel des Rheins liegt auf einem historischen Tiefstand. Was das für die Schifffahrt bedeutet und ab wann ein Fahrverbot droht, erklärt der Geograf und Hydrologe Enno Nilson.
Blick auf eine Stadtlandschaft mit einem Fluss im Vordergrund und einer markanten gotischen Kathedrale im Hintergrund. Der Himmel ist bewölkt, und das Ufer ist steinig und trocken. Eine Brücke und mehrere historische Gebäude sind ebenfalls sichtbar. Ein Boot fährt auf dem Fluss.
Blick vom Deutzer Rheinufer auf den Kölner Dom: Bei einem Pegelstand von 69 Zentimetern am Pegelmesspunkt Köln liegt das Flussbett großflächig trocken. Der Schiffsverkehr ist stark eingeschränkt.

Herr Nilson, Ihr Büro ist nicht weit vom Ufer des Rheins entfernt. Was sagen Sie zum Zustand des Flusses? 

Ich kann den Rhein vom Dachfenster aus zwar nicht sehen, aber ich war gestern noch mal unten. Ich sehe freiliegenden Schotter, isolierte Fahrrinnen sowie Schiffe, die weit aus dem Wasser ragen. Die Schiffe fahren zwar noch, aber die Situation ist außergewöhnlich. Hier in Bonn liegt der Pegel des Rheins nur wenige Zentimeter über dem historischen Tiefstwasserstand von 81 Zentimetern. Der Flussfreund in mir leidet.

Insbesondere der Pegel Kaub bei Koblenz steht im Fokus der Öffentlichkeit. Wie ist dort der aktuelle Stand?

Bei Kaub befindet sich das Nadelöhr des Rheins, daher ist der Pegel für die Schifffahrt von großem Interesse. Hier ist die flachste Stelle, was die verfügbare Wassertiefe in der Fahrrinne angeht. Aktuell steht der Pegel bei 23 Zentimetern, das sind schon zwei Zentimeter weniger als das bisherige historische Minimum von 2018. Damals wurde der Tiefstwert allerdings erst im September gemessen, wenn der Rhein üblicherweise den niedrigsten Pegelstand erreicht.

Enno Nilson |

Der Geograph ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bundesanstalt für Gewässerkunde.

Das bedeutet aber nicht, dass der Rhein nur noch 23 Zentimeter tief ist, oder?

Nein, aber die Fahrrinne in Kaub ist derzeit nur noch 1,36 Meter tief. Ein wichtiger Grenzwert, der statistisch an nicht mehr als 20 Tagen pro Jahr unterschritten werden sollte, liegt allerdings bei 1,90 Meter. Oder umgerechnet auf den Pegel Kaub: 77 Zentimeter. Im Jahr 2018 wurde dieser Wert an 108 Tagen unterschritten.

Was macht das Jahr 2026 so außergewöhnlich? 

Das Besondere an diesem Jahr ist, dass wir schon seit Wochen lokale Tiefststände haben. Wasserstand und Durchfluss waren an vielen Stellen noch nie so früh im Jahr so gering. Die beiden Werte stehen miteinander in Zusammenhang. Je geringer der Pegelstand, desto weniger Wasser fließt durch den Rhein. In Kaub ist der Schwellenwert von 77 Zentimetern nun schon an 25 Tagen unterschritten worden.

Auf eine Hitzewelle folgt die nächste

Deutschland glüht: Auch in der zweiten Augustwoche des Jahres 2026 könnte die 40-Grad-Marke erneut überschritten werden. Regen ist derzeit nicht in Sicht. Dadurch verschärft sich die Dürre weiter – und allmählich wird der Sommer 2026 unheimlich. Doch warum ändert sich das Wetter nicht? Der Grund für die eingefahrene Wetterlage seien blockierende Hochdruckgebiete, sagt Meteorologe Martin Jonas vom Deutschen Wetterdienst. Sie schirmen West- und Mitteleuropa vom Einfluss des Atlantiks ab und verhindern, dass feuchte Meeresluft auf den Kontinent strömt. Im Hoch sinkt die Luft ab, erwärmt sich – und bringt jene Hitze und Trockenheit, die vor allem dem Süden und der Mitte seit Juni zu schaffen macht. Störungen, die es auf den Kontinent schaffen, ziehen oft trocken durch oder bringen nur wenig Regen, sagt Jonas. Einzig der Norden ist in diesem Sommer kühler und auch regenreicher.

Im Rest des Landes hingegen scheint das Wetter in einer Endlosschleife gefangen: Immer wieder baut sich auf dem Atlantik ein Hochdruckgebiet auf, das auf den Kontinent zieht – und Deutschland einheizt. Es ist das typische Sommermuster für das Jahr 2026, das kein Ende nimmt. Die Folge: Der Regen macht einen großen Bogen um Mitteleuropa, Tiefdruckgebiete werden über Nordeuropa umgeleitet. »Eine beständige Westwetterlage mit feuchter Luft gab es in diesem Jahr noch gar nicht«, sagt Jonas. Ein Wetterwechsel zeichnet sich bis Mitte August nicht ab.

Die Pegel sind also bereits Anfang August historisch niedrig. Was befürchten Sie mit Blick auf die kommenden Wochen? Regen ist nicht in Sicht. 

Ich bin kein Orakel, aber ich kann in die verschiedenen Vorhersagen des Bundesamts für Gewässerkunde hineinschauen, die eine Abdeckung von wenigen Tagen bis maximal sechs Wochen haben. In den nächsten Tagen wird der Pegel am Rhein weiter sinken, sodass in Kaub auch die 20-Zentimeter-Marke unterschritten wird. Bei der 14-Tages-Vorhersage sehen wir ebenfalls keine Entspannung; allenfalls bei der Sechs-Wochen-Vorhersage deutet sich in Richtung September eine schwache Erholung an. Die Situation bleibt aber weiterhin sehr angespannt, da wir weiterhin extremes Niedrigwasser haben werden und keine Normalisierung zu erwarten ist. Ich bin tief besorgt, wie es weitergeht.

Das heißt: Es wird schlimmer?

Je länger die Dürre anhält, desto schwieriger wird es. Der Transportsektor kann gewisse Niedrigwasserphasen kompensieren, aber irgendwann kommt er an Grenzen. Zudem haben die niedrigen Wasserstände und Durchflüsse auch negative Auswirkungen auf die Ökologie in Rhein, Elbe, Donau und allen anderen Fließgewässern mit Niedrigwasser. Fische leiden zum Beispiel unter einem verkleinerten Lebensraum und hohen Wassertemperaturen, die von niedrigen Sauerstoffkonzentrationen begleitet werden.

Ab welchem Pegel wird die Schifffahrt eingestellt? 

Offiziell gibt es keinen solchen Schwellenwert. Es hängt immer vom Schiffstyp, vom Gewicht und von der Art der geladenen Güter sowie von anderen Faktoren ab, ob ein Transport stattfindet. Je niedriger der Wasserstand, desto weniger können die Schiffe laden. Der Beladungsfaktor ist durch den Niedrigstand sehr limitiert, teilweise beträgt er derzeit nur 20 bis 30 Prozent. Kleinere Schiffe können prozentual mehr laden als große, weil sie weniger Tiefgang haben und deshalb weniger betroffen sind.

Warum fließt denn derzeit so wenig Wasser durch den Rhein? Ist es bloß der ausbleibende Regen?

Auf den Abfluss von Fließgewässern wirken mehrere Faktoren: Niederschlag, Verdunstung, Landnutzung, Schmelzwasser von Schnee und Gletschern und der Mensch, der Wasser entnimmt.

Die Lufttemperatur hat also auch einen Einfluss auf den niedrigen Wasserstand von Flüssen und Seen? 

Genau. Dass während einer Hitzewelle Wasser aus Oberflächengewässern und der Vegetation verdunstet, ist ein großflächiges, wenig überraschendes Phänomen. Die Verdunstung wird getrieben von Lufttemperaturänderungen, Sonneneinstrahlung, Wind und der relativen Feuchte in der Atmosphäre. Hinzu kommt, dass wir in diesem Winter nur wenig Schneerücklagen hatten. Auch das trägt zur aktuellen Situation bei.

»Die Schiffe haben heute mehr Tiefgang und sind daher daher anfälliger gegenüber Niedrigwasser als früher«

Welcher Faktor ist der Haupttreiber? Verdunstung oder fehlender Regen?

Tatsächlich ist es von Niedrigwasserereignis zu Niedrigwasserereignis unterschiedlich, was der Haupttreiber ist. Aber das Einzige, was zu einer nachhaltigen Erholung beitragen kann, sind lang anhaltende, flächendeckende Niederschläge.

Ein Problem sind Hitze und Dürre, das andere sind die Schiffe. Sie sind schwerer und größer geworden. Wie hat sich die Binnenschiffsflotte verändert? 

Die durchschnittliche Größe der Schiffe hat sich seit den 1960-Jahren annähernd verdoppelt. Die Tankschifffahrt etwa transportiert mit der Hälfte der Schiffe rund 30 Prozent mehr Ladung als noch im Jahr 1970. Die Schiffe haben heute mehr Tiefgang und sind daher anfälliger gegenüber Niedrigwasser als früher. Neben den wirtschaftlichen Vorteilen spielte vermutlich auch eine Rolle, dass der Rhein über lange Zeit gute Bedingungen für die Schifffahrt bot.

Wie reagiert die Branche darauf?

Als Reaktion auf das Niedrigwasser 2018 wurden und werden vermehrt niedrigwasseroptimierte Schiffe gebaut. Ihr Anteil ist aber noch gering. Diese Schiffe können mit ihrer speziellen Bauweise selbst bei Niedrigwasser noch substanziell Ladung an Bord haben. Diese Schiffe sind beispielsweise leichter gebaut, haben optimierte hydraulische Eigenschaften und auch eine angepasste Antriebstechnik wie Mehrpropelleranlagen.

Jetzt wird wieder laut gefordert, dass die Fahrrinne des Rheins tiefer gelegt werden soll. Der Fluss würde die tiefere Rinne aber mit der Zeit einfach wieder zuschütten, oder?

Ja, so einfach, wie oft behauptet wird – wir buddeln den Fluss aus und dann haben wir mehr Tiefe – ist es nicht. Dadurch sänke zugleich der Wasserspiegel, sodass der Tiefengewinn gering bliebe. Tatsächlich zielen die Maßnahmen darauf ab, den Wasserstand in bestimmten Abschnitten zu stabilisieren und die Abladebedingungen entlang des Rheins anzugleichen. Im Kern geht es darum, einen Engpass im System zu entschärfen.

Diskussion um Rheinvertiefung

Der Rhein ist Europas wichtigste Binnenschifffahrtsstraße. Über die 878 Kilometer lange Wasserstraße fahren jedes Jahr Zehntausende Schiffe, die 280 Millionen Tonnen Güter transportieren, etwa Chemikalien, Kohle, Mineralien und Öl. Zwischen der Staustufe Iffezheim am Oberrhein und der Mündung in der Nordsee fließt der Rhein frei und wird nicht gestaut, daher spiegeln sich Dürren schnell wider.

Am Mittelrhein müssen die Schiffe gleich mehrere Engstellen überwinden. Von Budenheim bei Mainz bis St. Goar wird der Rhein bei Niedrigwasserphasen zum Nadelöhr. Wasserbauingenieure sollen sechs Engstellen auf dem fünfzig Flusskilometer langen Abschnitt beseitigen. Ziel ist eine durchgehende Fahrrinne von 2,10 Metern zu erreichen, stark vereinfacht als Rheinvertiefung bezeichnet. Die Engstellen bieten unterschiedliche Herausforderungen. Am Lorcher und Bacharacher Werth müssen Felsen beseitigt werden, die in die Fahrrinne ragen; an einer Kiesbank namens Jungferngrund müssen die Wasserbauer eine Lösung finden, wie die Sedimente künftig nicht mehr in die Fahrrinne gelangen. Dafür könnten Buhnen gebaut werden. Das sind rechtwinklig zur Fahrrinne errichtete Dämme. Verschiedene Maßnahmen werden erforscht. Ein Wehr, um den Rhein aufzustauen, wird es aber nicht geben.

Ist 2026 nur ein Vorgeschmack auf die Zukunft? 

Die Klimaprojektionen zeigen, dass Niedrigwasserereignisse in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts häufiger und ausgeprägter werden dürften. Das Wasserangebot wird in diesen Phasen nachhaltig heruntergehen. Derzeit ist allerdings schwer zu sagen, ob wir es aktuell schon mit einem dauerhaften Wandel zu tun haben – oder nur mit einer Episode. Schließlich wechselten sich aus Sicht der Schifffahrt auch in der Vergangenheit günstige und ungünstige Phasen ab. So waren die 1990er- und 2000er-Jahre vergleichsweise wasserreich, ebenso die Jahre 2021 und 2024. Seit den 2010er-Jahren gibt es jedoch eine Häufung von Niedrigwasserjahren. Ob sich darin bereits der Klimawandel zeigt oder es sich lediglich um eine vorübergehende Phase handelt, lässt sich derzeit noch nicht sicher sagen.

»Insgesamt deutet vieles darauf hin, dass die Wasserstände langfristig sinken werden«

Warum ist die Unsicherheit in den hydrologischen Modellen so groß? 

Die Klimamodelle liefern für die Temperatur modellübergreifend ein sehr robustes Signal: Es wird kontinuierlich wärmer. Die Unsicherheit in der Hydrologie kommt von den unsicheren Niederschlagsprognosen. Für die Sommermonate sagen einige Modelle künftig mehr Niederschlag vorher, andere hingegen weniger.

Nehmen die Extreme in beide Richtungen zu? 

Klimamodellen zufolge ist sowohl beim Niedrig- als auch beim Hochwasser mit Veränderungen zu rechnen. Wir stellen fest, dass in den Sommermonaten weniger Wasser vorhanden ist – auch aufgrund der hohen Verdunstungsverluste durch die höheren Temperaturen. Im Winter werden die Abflüsse dagegen zunehmen, weil mehr Niederschlag als Regen fällt und direkt in die Flüsse gelangt, statt zunächst als Schnee gespeichert zu werden. Gleichzeitig gehen die natürlichen Wasserspeicher zurück: Schneedecken und Gletscher schrumpfen und können deshalb im Sommerhalbjahr weniger Wasser bereitstellen. Und nicht zuletzt begünstigt eine aufgeheizte Atmosphäre das Auftreten von Starkregenereignissen, die zu kurzzeitigen, lokal heftigen Abflüssen führen können, aber den großen Flüssen wenig helfen. Insgesamt deutet vieles darauf hin, dass die Wasserstände langfristig eher sinken werden.

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.