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Probiotika: »Ein Jogurt heilt keine Depression«

Probiotika gelten als viel versprechendes Mittel gegen psychische Erkrankungen. Doch bis sie bei Therapien helfen können, dauert es noch, erklärt der Psychologe Paul Enck im Interview.
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Wenn Menschen und Tiere im Lauf ihres Lebens mit Bakterien, Viren oder Pilzen in Berührung kommen, bilden sie mit deren Hilfe ein Sammelsurium aus Mikroorganismen im Darm, das viele verschiedene Prozesse im Körper beeinflusst. Seit Jahren diskutieren Forscher darüber, wie dieses Mikrobiom mit psychischen Erkrankungen in Zusammenhang steht. Was wir derzeit über diese Verbindung wissen und wie wir das Mikrobiom mit bakterienhaltigen Mitteln, den Probiotika, beeinflussen können, erklärt der Psychologe Paul Enck im Interview.

»Spektrum.de«: Herr Enck, vieles deutet darauf hin, dass die Darmflora die psychische Gesundheit beeinflusst. Wie ist die Beweislage – was sagen Studien dazu?

Paul Enck: Vor allem, dass es einen Zusammenhang gibt. Erstmals aufgefallen ist das zufällig in Tierexperimenten. Nager werden seit Jahrzehnten zu Versuchszwecken keimfrei aufgezogen. Immer wieder beobachteten Forscher, dass sich diese Tiere sehr untypisch verhielten, beispielsweise bei Licht keine Angst hatten – was sie normalerweise fürchten. Und sie verhielten sich weniger sozial. In anschließenden Studien zeigte sich, dass dieses Verhalten mit dem Mikrobiom in Verbindung stehen könnte. Auch beim Menschen untersucht man den Zusammenhang inzwischen intensiv. Viele psychische Erkrankungen sind gerade auf dem Prüfstand.

Zum Beispiel?

In Studien wurde etwa festgestellt, dass sich die Mikroben im Darm von Menschen mit einer Depression, mit Autismus oder einer Essstörung von denen gesunder Personen unterscheiden. Doch das sind noch keine handfesten Belege dafür, dass die Entstehung dieser Krankheiten etwas mit dem Mikrobiom zu tun hat – nur Hinweise, die näher untersucht werden müssen.

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Paul Enck | Paul Enck ist Psychologe und Forschungsleiter der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen.

Mit Hilfe von Probiotika könnte man an Beweise kommen. Sie gelten als viel versprechendes Mittel, um die Zusammensetzung des Mikrobioms und damit vielleicht auch die Entstehung von psychischen Krankheiten zu beeinflussen. Was genau sind Probiotika?

Probiotika sind per Definition lebende Bakterien, die, wenn sie in ausreichender Menge eingenommen werden, einen gesundheitlichen Vorteil bringen können. Man nimmt sie entweder als Medikament oder als Nahrungsergänzungsmittel zu sich.

Und wie wirken sie im Körper?

Wahrscheinlich auf drei Wegen: Erstens verstoffwechseln sie Teile der Nahrung und erzeugen dabei Substanzen – zum Beispiel Vitamine –, die in die Blutbahn gelangen und von dort aus im zentralen Nervensystem wirken können. Zweitens können sie Botenstoffe aussenden, die wiederum Nerven in der Darmwand stimulieren und damit ein Signal direkt zum Gehirn senden können. Der dritte Weg geht über das Immunsystem: Jedes Bakterium, das neu in den Körper kommt, wird zunächst vom Immunsystem als körperfremd identifiziert. Während der Körper sie als gutartig oder schlecht einstuft, produziert das Immunsystem seine eigenen Botenstoffe, die Signale an das Nervensystem senden. Es gibt also gleich mehrere Arten, auf die man mit bestimmten Bakterien im Darm die Psyche beeinflussen könnte.

Wie gut ist das am Menschen untersucht?

Meiner Meinung nach stehen wir hier noch ganz am Anfang. Ich kenne kein Probiotikum, für das eine klinisch relevante Wirkung überzeugend nachgewiesen wurde. Wie Studien an Gesunden gezeigt haben, können Probiotika sich auf die Funktion des Gehirns auswirken und subjektiv die Stimmung verbessern. Sonst gibt es nur erste Hinweise darauf, dass sie eventuell Kranken helfen – so senken sie möglicherweise das Risiko für ADHS oder das Asperger-Syndrom. Und man erhofft sich, Probiotika bald als Unterstützung bei einer Therapie gegen Depression einsetzen zu können. Weil im Moment noch so viel unklar ist, liegt der Fokus eher darauf, herauszufinden, welche Bakterien überhaupt geeignet sind, Menschen zu helfen.

In den meisten Studien wird die Wirkung von Probiotika untersucht, die als Medikamente verabreicht werden. Was ist mit probiotischen Lebensmitteln, zum Beispiel Jogurt, Sauerkraut oder Kimchi?

Das sind streng genommen keine Probiotika, denn ein Großteil der Bakterien darin wird bereits im Magen von Säure zersetzt. In Jogurts können sie sogar schon vorher verloren gehen, wenn diese nicht durchgehend gekühlt wurden. Die Bakterien in Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln sind verkapselt, um sicherzugehen, dass sie im Darm ankommen. Zwar können Bakterien aus probiotischen Lebensmitteln immer durchrutschen, doch aus wissenschaftlicher Sicht sind sie unbrauchbar, weil es zu viele Unsicherheiten gibt. Ein Jogurt wird meiner Ansicht nach keine Depression heilen, trotzdem bewirkt er vielleicht für die eine oder andere Person etwas Positives. Das muss jeder für sich selbst ausprobieren. Der Vorteil von Nahrungsmitteln ist ja, dass sie nur wenig Nebenwirkungen haben.

Empfehlen Sie das auch für Probiotika?

Ich denke, wir sollten Probiotika genauso mit Bedacht einsetzen wie Medikamente und nicht als Lifestyleprodukt betrachten, das gesund macht. Probiotika umfassen viele spezielle Bakterien, die alle unterschiedlich wirken. Wer sie nehmen will, sollte sich bei jedem Probiotikum anschauen, welche Auswirkungen es womöglich hat.

Können Probiotika denn auch schädlich sein?

Es gibt eine Probiotika-Studie, bei der Patienten während der Behandlung starben. Das war ein sehr spezieller Fall, weil die Patienten an einer schweren Entzündung der Bauchspeicheldrüse erkrankt waren. Außerdem wurden ihnen Probiotika mit einer Magensonde direkt in den Dünndarm verabreicht. Das ist bei der Einnahme von probiotischen Nahrungsergänzungsmitteln nicht zu befürchten. Im Moment könnte ich trotzdem keine Menschengruppe benennen, die die Finger von Probiotika lassen sollte. Wer aber merkt, dass sie ihm nicht bekommen, sollte sie absetzen. Schließlich wirken die probiotischen Bakterien nur, solange sie eingenommen werden.

Ärztinnen und Ärzte raten zum Teil, zu jedem verschriebenen Antibiotikum ein Probiotikum zu nehmen, um die Darmflora zu schützen. Denn Antibiotika greifen nicht nur schädliche Bakterien an, sondern stören ebenso die mikrobielle Vielfalt im Darm. Würden Sie das unterstützen?

Die Idee ist sicher nicht falsch. Hier stellt sich allerdings die Frage, welches Probiotikum passt, um eine Antibiotika-Therapie sozusagen zu konterkarieren. Das ist größtenteils noch unbekannt. Eine pauschale Empfehlung kann ich deshalb nicht geben. Doch ich denke auch: Es schadet wahrscheinlich nicht, wenn der behandelnde Arzt das empfiehlt. Ob es wirkt, weiß ich aber nicht.

»Wer morgens ein Müsli isst, beeinflusst auch schon sein Mikrobiom«

Viele Menschen wollen mit Probiotika wahrscheinlich weniger Krankheiten heilen als vielmehr ihr allgemeines Wohlbefinden und ihre Stimmung verbessern. Könnte das funktionieren?

Das kann auf viele Arten gehen. Vielleicht mit Probiotika oder Kimchi, vielleicht mit ganz anderen Lebensmitteln. Wer morgens ein Müsli isst, beeinflusst sein Mikrobiom auch schon.

Sie spielen auf die Präbiotika an. Können Sie genauer erklären, warum ausgerechnet ein Müsli helfen soll?

Präbiotika sind Bestandteile von Lebensmitteln, die wir zwar selbst nicht verdauen können, die den Bakterien in unserem Darm jedoch als Nahrung dienen. Und damit beeinflussen sie permanent die Darmflora. Das Mikrobiom ist ein dynamisches System, das sich laufend an die Essenszufuhr anpasst. Bakterien vermehren sich, wenn sie Nahrung haben, und sterben ab, wenn diese fehlt. Viele Präbiotika sind Ballaststoffe, deshalb das Müsli. Wir können nur spekulieren, was wirksamer ist: morgens ein Müsli zu essen oder einen Jogurt. Meine Vermutung ist, dass das Müsli oder das Vollkornbrot eine nachhaltigere Wirkung auf das Mikrobiom hat als ein Jogurt.

3/2020 (Mai/Juni)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 3/2020 (Mai/Juni)

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