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News: Ein Kindertagebuch aus der Frühzeit des Lebens

Paläontologen haben erstmals den kompletten Lebenszyklus eines Lebewesens entschlüsselt, das vor mehr als einer halben Milliarde Jahre ausgestorben ist. In China gefundene Fossilien haben die gesamte Lebensgeschichte - vom Ei bis zum ausgewachsenen Stadium - eines quallenähnlichen Tieres bewahrt. Das Fehlen eines freischwimmenden Larvenstadiums wirft nach Ansicht der Forscher Zweifel, ob die bisherigen Modelle zur frühen Entwicklung vielzelligen Lebens zutreffend sind.
Normalerweise wird weiches Gewebe nicht in Fossilien konserviert. Aber innerhalb des letzten Jahrzehnts haben Wissenschaftler eine mineralische Form von Phosphat entdeckt, die Form und Struktur von Eiern und embryonischen Zellansammlungen wiederzugeben vermag. In den vergangenen Jahren haben Yue Zhao vom Institute of Geology in Peking und Stefan Bengtson vom Natur Historiska Riksmuseet in Stockholm phosphatreiche Gesteine nach mikroskopischen kleinen fossilen Eiern und Embryos durchsucht. Bei den meisten Funden war es bislang unmöglich, eine Verbindung zu bekannten Fossilien ausgewachsener Organismen herzustellen. Aber während aktueller Forschungen in der chinesischen Provinz Shaanxi gelang den beiden Wissenschaftlern der entscheidende Durchbruch.

Wie die Forscher in der aktuellen Ausgabe von Lethaia berichten, brachte das Auflösen des frühkambrischen Gesteins einige tausend mikroskopisch kleine Eier zum Vorschein, alle weniger als einen Millimeter groß. Obwohl die Spezialisten nur zehn ausgewachsene Exemplare entdeckten, bot dies die entscheidende Verbindung zu einem Fossil namens Olivooides, einem auf dem Meeresgrund lebenden Verwandten der Qualle. Sieben Entwicklungsstadien, die unterschiedliche Eigenschaften wie sternenförmigen Strukturen, konzentrischen und radialen Falten aufweisen – können in einer kontinuierlichen Folge von noch nicht ausgeschlüpften bis zu drei Millimeter großen erwachsenen Exemplaren angeordnet werden.

Zhao und Bengtson geben an, daß keine dieser Stufen Zeichen eines freischwimmenden Larvenstadiums aufweist. Dies würde Zweifel auf die allgemein akzeptierte Ansicht werfen, nach der vielzellige Organismen während ihrer Entwicklung die Stufen ihrer Evolution durchlaufen. "Es ist erstaunlich, daß wir eine solch vollständige Entwicklungssequenz aus fossilen Funden haben", sagt Nick Butterfield von der Cambridge University, Großbritannien. Aber weil unbekannt ist, ob vielzellige Tiere vor 600 Millionen oder doch schon vor 1,2 Milliarden Jahren aufgetaucht sind – weit vor der Entstehung der Olivooiden –, "könnte dies etwas über die Natur der Entwicklung bei den frühestens vielzelligen Tieren erzählen – oder auch nicht", sagt Butterfield.

Siehe auch

  • Spektrum Ticker vom 19.11.1998
    "Gefüllte Eier"
    (nur für Ticker-Abonnenten zugänglich)

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