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Indianische Hochkulturen: Ein letztes Glas im Stehen

Ein unwirtlicher Ort ist der Tafelberg Cerro Baúl im südlichen Peru. Doch die Huari, die vor tausend Jahren hier siedelten, schienen sich recht wohl gefühlt haben - bis sie fluchtartig das Gelände verließen.
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Am 24. September 1572 verlor Túpac Amaru seinen Kopf. Mit der Hinrichtung des letzten Herrschers der Inka endete auch die letzte und wohl berühmteste der indianischen Hochkulturen auf dem Boden des heutigen Perus.

Doch die Inka, deren Staat um 1200 entstand, waren nicht die einzigen, die vor Ankunft der spanischen Konquistadoren die südamerikanische Andenregion beherrscht hatten. Lange vor ihnen kamen und gingen andere – wie auch die nach ihrer Hauptstadt Huari (oder Wari) genannte Kultur, die um 600 n. Chr. plötzlich auftauchte. Dabei muss es sich um ein recht kriegerisches Völkchen gehandelt haben, denn sehr schnell war ein großes Reich erobert. Dicke Verteidigungsmauern schützten ihre schachbrettartig angelegten Städte, die zu den ältesten urbanen Siedlungen Perus gehören.

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Cerro Baúl | Der Tafelberg Cerro Baúl im Süden von Peru erstreckt sich 600 Meter über eine Hochebene, die auf mehr als 2500 Meter über dem Meeresspiegel liegt.
Eine von ihnen liegt auf dem Tafelberg Cerro Baúl im südlichen Peru. Und diese in den 1970er Jahren entdeckte Siedlung gibt den Archäologen nach wie vor Rätsel auf. Denn der 600 Kilometer von der Hauptstadt entfernt liegende Ort war ein "äußerst unpraktischer Ort zum Leben", wie Michael Moseley von der Universität von Florida betont. Hier gab es weder Wasser noch Nahrung, alles musste mühsam auf den 600 Meter hohen Hügel geschleppt werden. Dennoch lebten hier zeitweise mehr als tausend Menschen. Warum?

Des Rätsels Lösung ist nach Ansicht von Moseley, der zusammen mit seinen Kollegen die Ruinen untersuchte, weiter südlich zu finden: Denn hier herrschten bereits seit etwa 1500 v. Chr. mächtige Nachbarn, die nach ihrer Hauptstadt am Titikakasee, im heutigen Bolivien, Tiahuanaco (oder Tiwanaku) genannt werden. Ab dem 6. Jahrhundert, als die Huari begannen, ihr Reich zu erobern, erreichten auch die Tiahuanaco ihren kulturellen Höhepunkt. Obwohl sie vermutlich längst nicht so kriegerisch gesonnen waren wie ihr nördlichen Nachbarn, betrachteten die Huari sie vermutlich mit gehörigem Respekt.

Die Kontakte zwischen den beiden Reichen hielten sich allerdings in Grenzen, denn eine hundert Kilometer breite Pufferzone trennte die Herrschaftsgebiete – mit einer Ausnahme: Cerro Baúl. Hier, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Tiahuanaco, errichteten die Huari ihren südlichsten Außenposten.

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Chicha-Kessel | In prunkvollen Kesseln wurde einst Chicha gebraut.
Und dabei wurden offensichtlich weder Kosten noch Mühen gescheut, um bei den Nachbarn gehörig zu prahlen. Besonders beeindruckend muss die riesige Brauerei gewesen sein, deren Überreste die Archäologen ausgruben. Die Produktion von 1800 Litern Chicha – einem aus Mais und den Samen des Peruanischen Pfefferbaums hergestellten bierartigen Getränks – sollte nicht nur durstige Kehlen zufrieden stellen, sondern spielte vermutlich eine wichtige Rolle im Kulturleben der Bewohner.

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Schmucknadel | Mit eleganten Metallnadeln befestigten vornehme Brauerinnen ihre Gewänder.
Dass die Huari das Bierbrauen nicht irgendjemanden überließen, zeigen die eleganten Metallnadeln, von denen die Archäologen ein knappes Dutzend bergen konnten. Offensichtlich war das Brauereigewerbe fest in Damenhand. "Die Brauerinnen waren nicht nur Frauen, sie gehörten auch zur Elite", erklärt die an den Grabungen beteiligte Anthropologin Donna Nash von der Universität von Illinois in Chicago.

Auch sonst scheinen die Bewohner von Cerro Baúl nicht schlecht gelebt zu haben. Kunstvolle Tongefäße zeugen von üppigen Festmahlen, bei denen Hirsch, Lama oder Meeresfrüchte gereicht wurden.

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Trommel | Auf den Überresten einer Trommel sind drei Tänzer zu erkennen.
Vier Jahrhunderte lang blühte der Außenposten. Doch um das Jahr 1000 war alles vorbei. Die Bewohner schlichen sich allerdings nicht heimlich davon, sondern schienen noch einmal ein letztes Gelage zu veranstalten. Die Spuren deuten daraufhin, dass sie danach alles zerstörten, die Brauerei und die Paläste in Brand setzten, um dann Cerro Baúl für immer zu verlassen.

Warum dieser theatralische Aufbruch? Die Forscher wissen es nicht. Etwa zur gleichen Zeit zerfiel sowohl das Imperium der Huari als auch das der Tiahuanaco. Vielleicht wurde jetzt der Außenposten überflüssig, da niemand mehr da war, den es zu beeindrucken galt. Vielleicht lag Cerro Baúl aber auch zu abgelegen, um von einem schwächelnden Staat noch länger gehalten zu werden.
16.11.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16.11.2005

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