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News: Ein neues Gesicht

Das Bild des tumben Vetters wandelt sich. Immer mehr verdichten sich die Hinweise, dass die Neandertaler sich nicht nur als hervorragende Werkzeugbauer bewährten, sondern sich auch als begabte Künstler auszeichneten. Eine jetzt gefundene steinerne Maske bestätigt ihr Talent.
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Zunächst hielt man den Fund für die sterblichen Überreste eines krummbeinigen Kosaken, übrig geblieben aus den Napoleonischen Kriegen. Doch dann wurde deutlich: Die Skelettteile, die Arbeiter 1856 zufällig in einer Höhle im Neandertal bei Düsseldorf entdeckt hatten, stammen von einem menschlichen Wesen aus Urzeiten. Benannt nach dem Fundort erhielt es den Namen Neandertaler oder Homo neanderthalensis.

Das Bild, das sich nach und nach vom Neandertaler zeichnete, war wenig schmeichelhaft. Als dumpfes, tumbes Wesen kroch es grunzend und keulenschwingend durch die menschliche Vorgeschichte – der Inbegriff urzeitlicher Primitivität. Doch dann mehrten sich die Funde, die sein handwerkliches Können offenbarten: Messer, Schaber, Bohrer und Speerspitzen, mühsam herausgeschlagen aus Feuerstein, zeugen von hoch entwickeltem Werkzeuggebrauch. Nach dem Fundort Le Moustier in der französischen Dordogne erhielt die Kulturstufe des Neandertalers aus der Zeit der mittleren Altsteinzeit den Namen Moustérien.

Doch H. neanderthalensis – inzwischen gewähren die meisten Anthropologen ihm wieder den Artstatus, nachdem er lange als Unterart Homo sapiens neanderthalensis firmierte – blieb ein Primitivling. Mag er ein gewisses handwerkliches Geschick gehabt haben – ohne das er sicherlich schnell ausgestorben wäre –, geistig Höheres, wie die Höhlenmalereien seines zur gleichen Zeit lebenden Vetters Homo (sapiens) sapiens, blieb ihm versagt.

Tauchten dann doch Neandertaler-Funde auf, die eine gewisse künstlerische Ader offenbarten – wie verzierte Knochenanhänger –, dann wurde das als eher zufällig abgetan. Dabei kann die menschliche Kunst auf eine lange Tradition zurückblicken: Als älteste, in der Wissenschaft anerkannte Kunstwerke gelten die 77 000 Jahre alten Steingravuren aus der südafrikanischen Höhle Blombos Cave. Allerdings stammen sie nicht von Neandertalern. Bleibt die wahre Kunst und damit abstraktes Denken dem modernen Menschen vorbehalten?

Nein, sagen Jean-Claude Marquet und Michel Lorblanchet. Der Konservator des Prähistorischen Museums von Grand-Pressigny und der Anthropologe vom französischen Centre National de la Recherche Scientifique beschreiben jetzt einen Fund, der dem vermeintlich primitiven Urmenschen ein neues Gesicht gibt: In dem Schutt vor der Höhle von La Roche-Cotard, die 1912 an der Loire in der Nähe des Ortes Langeais entdeckt worden ist, tauchte ein bemerkenswertes Objekt auf.

Es handelt sich um einen bearbeiteten Feuerstein, der auf Anhieb an ein Gesicht erinnert. Eine natürliche Öffnung in dem zehn Zentimeter breiten, dreieckigen Stein hat ein unbekannter Künstler genutzt, um einen siebeneinhalb Zentimeter langen Knochensplitter hineinzutreiben und so die Illusion von friedlich geschlossenen Augen zu erzeugen. Nase und Wangen wurden aus dem Stein herausgearbeitet, nur der Mund fehlt. Das Ganze wirkt "wie eine Karnevalsmaske", beschreiben die Wissenschaftler ihren Fund. Allerdings sind sie sich unschlüssig, ob das Antlitz wirklich menschlich ist oder vielleicht eine Katze darstellen soll. Die bisherigen Funde von La Roche-Cotard werden dem Moustérien zugeordnet – sind also mindestens 35 000 Jahre alt und stammen von H. neanderthalensis. Damit wäre auch die steinerne Maske ein Kunstwerk aus der Hand eines Neandertalers.

"Das beerdigt endlich die Lüge, Neandertaler hätten keine Kunst", ist sich der Archäologe Paul Bahn sicher. Doch warum hat man bisher so wenig Meisterwerke von ihnen gefunden? "Das große Problem der Neandertaler-Kunst ist ihre Einmaligkeit", erklärt der Anthropologe Clive Gamble von der Universität Southampton. "Dagegen wiederholte sich die Kunst des modernen Menschen nach ihrem ersten Auftreten vor 35 000 Jahren: Tierskulpturen und Malereien wurden immer und immer wieder in einem wiedererkennbaren Stil angefertigt. Bei den Neandertalern mag es gelegentlich Genies wie da Vinci gegeben haben, doch ihre Talente starben mit ihnen."

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