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Gewaltprävention: Ein offenes Buch

Frauen sind angeblich von der Venus, Männer vom Mars: Allzu oft bewahrheitet Er diesen Spruch durch asoziales Aggressionsverhalten, und Sie muss dann darunter leiden - gut, wenn sich der nahenden Tobsuchtsanfall schon frühzeitig im Gesicht abzeichnet. Aber wird er auch rechtzeitig wahrgenommen?
Mit solchen Typen ist nicht gut Kirschen essen: Aus irgendwelchen Gründen sind sie mächtig sauer – sei es, weil ihr verehrter Fußballverein verloren hat oder weil jemand mit der "falschen" Hautfarbe oder Gesinnung am falschen Ort zur falschen Zeit vorbeikommt. Schnell wird aus Zorn dann Gewalt: Im besten Falle gehen jetzt nur Stühle oder Glasscheiben zu Bruch, doch nur zu häufig gibt es auch Verletzte oder sogar Tote.

Es ist also zweifelsfrei besser, diese Aggressionen frühzeitig zu erkennen und ihnen sogleich auszuweichen. Glücklicherweise hat die Evolution dem Menschen die Fähigkeit mit auf den Weg gegeben, die Gefühlsregungen in Gesichtern zu lesen und vor allem zu verstehen: Freude, Trauer, Wut – bei den meisten Menschen zeichnet sich dies nicht nur deutlich im Mienenspiel ab, sondern ruft auch entsprechende Reaktionen beim Gegenüber hervor.

Gibt es aber auch hier geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein wie etwa bei der räumlichen Wahrnehmung, dem Sprachgefühl oder feinmotorischen Bewegungsabläufen? Eine Frage, die bislang tatsächlich noch einer Beantwortung harrte und derer sich nun Mark Williams und Jason Mattingley vom Massachusetts Institute of Technology annahmen.

Folglich legten sie jeweils 78 Männern wie Frauen Bilder von wütenden oder ängstlichen Geschlechtsgenossinnen und -genossen vor, die sich zwischen mehreren neutral blickenden Gesichtern tummelten und maßen die Zeit, bis die jeweils gewünschten Gesichtsausdrücke von den Testpersonen gefunden wurden. Schnell erkannten beide Gruppen jene Aufnahmen, in denen sich männlicher Zorn widerspiegelte: Keine andere Emotion wurde von Männern und Frauen eher entdeckt.

Selbst wenn die Menge der um die wütenden Fratzen drapierten neutralen Mienen deutlich zunahm, gab es keine Verzögerung, bis die ärgerlichen Gesichter herausgefiltert wurden – sofern es sich bei ihnen um die Bilder von Männern handelten. Die anwesenden Herren gelangten allerdings noch einen Tick schneller zu dieser Erkenntnis als ihre Kolleginnen, während beide Gruppen gleichsam etwas langsamer im Entdecken von mimisch zu Furien mutierten Weibsbildern waren.

Für die beiden Forscher sind diese Reaktionen nur zu logisch, schließlich waren im Laufe der Menschheitsgeschichte all jene evolutionär klar im Vorteil, die möglicherweise Verlust oder gar Tod bringende Händel vermieden. Und da zumeist eher die Testosteron gesteuerten Herren der Schöpfung diese Aggressionen ausübten, sollten männliche Zornesadern und Augenblitze auch schneller und genauer aufgenommen werden – zumal von Männern, die ja von potenziellen Konkurrenten, Widersachern oder Feinden auch schneller körperliche Gewalt fürchten mussten als ihre Frauen.

Weniger zügig reagierten die Männer, wie auch die Frauen, im Übrigen auf Ansichten von ängstlichen Menschen, obwohl deren Emotion eventuell eine indirekte Gefahr abbildet – schließlich sollte irgendetwas in der Umgebung lauern, dass ihnen diese Furcht einflößte. Möglicherweise wird dieses Risiko aber von ihnen weniger direkt auf sich selbst bezogen und daher niedriger eingestuft als das Angesicht eines wütenden Antlitzes.

Männer sind insgesamt also deutlich misstrauischer, und das augenscheinlich nicht grundlos. Eine gute Nachricht für die Frauen gibt es aber ebenfalls: Gefühlsregungen wie Freude, Überraschung oder Trauer stoßen bei ihn deutlich schneller auf offene Herzen als bei den Herren. Und für das friedliche Zusammenleben in einer Gemeinschaft sind das schließlich nicht die schlechtesten Voraussetzungen.
07.06.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 07.06.2006

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