Direkt zum Inhalt

Umwelt: "Ein radikaler Wandel für die Wirtschaft"

Der Biochemiker Craig Venter erlangte Weltruhm, als er sich mit dem Humangenomprojekt ein Wettrennen in der Entzifferung des menschlichen Genoms lieferte - bis sie letztendlich gemeinsam im Jahr 2001 ihre Ergebnisse präsentierten. Zuletzt machte der Wissenschaftler mit der synthetischen Herstellung eines Bakteriengenoms von sich reden. Im Interview spricht er über die zukünftige Rolle der Genforschung und neue Technologien.
Craig VenterLaden...
Handelsblatt: Mr. Venter, Sie sprechen von einer "DNA-driven world", einer Welt, die von der Erbsubstanz bestimmt wird. Sie möchten die Energieversorgung auf die Nutzung von künstlich erzeugten Mikroorganismen umstellen. Was bedeutet das für die Wirtschaft?

Craig Venter: Wenn wir erfolgreich sind, bedeutet das einen radikalen Wandel für die Wirtschaft. Derzeit ist die Wirtschaft überwiegend von Kohle und Öl abhängig. Das wollen wir ändern. Das heißt: An die Stelle reicher Ölstaaten könnten Agrarländer oder Länder treten, die in der Wissenschaft führend sind. Und das müssen nicht die Länder sein, die heute auf Grund ihrer Ölvorkommen reich sind. Es kann hier also zu Verschiebungen kommen.

Handelsblatt: Und wenn Sie nicht erfolgreich sind?

Venter: Wenn wir abhängig von fossilen Energieträgern bleiben, kann es zu gewaltigen Katastrophen kommen. Beispielsweise wird durch den Klimawandel die Verfügbarkeit von Wasser für die Landwirtschaft drastisch abnehmen. Wenn wir es nicht schaffen, unsere Energieversorgung umzustellen, werden wir in ganz vielen verschiedenen Bereichen der Wirtschaft Probleme bekommen, und dann wird es keine Lösung geben, die all diese Probleme gleichzeitig beseitigen kann.

Handelsblatt: Welche Unternehmen werden profitieren?

Venter: Es ist noch zu früh, das zu sagen. Jedenfalls die Firmen, die es schaffen, Lösungen für eine alternative Energieform zu finden.

Handelsblatt: Wie Ihr Unternehmen Synthetic Genomics?

Craig VenterLaden...
Craig Venter | Craig Venter, Leiter des gleichnamigen Institutes, machte unter anderem Schlagzeilen bei der Entzifferung des menschlichen Genoms. Zuletzt eroberte er die Medien mit der Nachricht, das komplette Erbgut eines Bakteriums nachgebaut zu haben. Er sieht darin eine Möglichkeit, neue Methoden der Energiegewinnung auf der Basis künstlich geschaffener Mikroorganismen zu entwickeln.
Venter: Ja, wir arbeiten dort an verschiedenen Lösungen auch in Kooperation mit anderen. So forschen wir gemeinsam mit BP an der Herstellung umweltfreundlicher Kohlenwasserstoffe durch so genannte Biokonversion. Unser langfristiges Ziel aber ist das Design eines künstlichen Genoms zur Programmierung einer neuen Art von Zellen, deren Eigenschaften sich für die Energieproduktion oder für den Einsatz bei chemischen Verfahren eignen.

Handelsblatt: Welche Rolle spielen Patente auf diese Lebewesen?

Venter: Das ist noch unklar, vermutlich werden sie nur eine geringe Rolle spielen, denn für die Energiebranche sind Patente in der Regel nicht besonders wichtig. Diese Unternehmen vertrauen eher auf ihre Größe und Marktmacht.

Handelsblatt: Mit dem Design von künstlichen Erbinformationen werden Sie zum Schöpfer von Leben und bestimmen dessen Eigenschaften. Welche Begründung können Sie zur Rechtfertigung dieses drastischen Eingriffs in das Leben auf der Erde geben?

Venter: Welche Wahl haben wir denn? Wenn wir uns nicht dieser umwälzenden Technologien bedienen, werden wir auf unserer Erde zerstörerische Veränderung unserer Umwelt ganz anderen Ausmaßes erleben. Unser derzeitiger Lebensstil, ja unsere Fähigkeit, auf diesem Planeten überhaupt zu überleben, wäre dann gefährdet. Schauen Sie sich Länder wie Bangladesch an. Wenn der Meeresspiegel nur um einen halben Meter steigt, wird eine gesamte Bevölkerung heimatlos. Für mich übersteigen die Risiken der Tatenlosigkeit die Gefahren durch den Einsatz neuer Technologien in jeder Hinsicht.

Handelsblatt: Doch was ist, wenn Ihre Technologie in falsche Hände gerät?

Venter: Jede Technologie birgt Gefahren in sich. Einen Hammer kann man auch zum Hausbau einsetzen, oder man kann damit einen Menschen erschlagen. Gewehre werden zur Jagd eingesetzt oder im Krieg. Keine Technologie ist immun gegen Missbrauch.

Handelsblatt: Besteht da nicht ein Unterschied? Schließlich kann sich ein Hammer nicht selbst reproduzieren.

Venter: Das stimmt, aber darin besteht ja gerade die Chance, durch den Einsatz dieser Lebewesen die petrochemische Industrie eines Tages zu ersetzen. Menschen, die anderen Böses wollen, werden dazu immer einen Weg finden. Unsere Geschichte ist in diesem Punkt nicht gerade ruhmreich verlaufen. Dazu muss man ja gar nicht weit in die Vergangenheit zurückblicken. Ich gebe dem Menschen in puncto Menschlichkeit keine guten Noten. Doch auf der anderen Seite sind unsere Kenntnisse nicht für jeden Bürger verfügbar. Dagegen lassen sich Krankheitserreger heute schon einfach beschaffen. Dazu muss man keine teuren Labore bauen, in denen Spitzenwissenschaftler arbeiten, so wie wir.

Handelsblatt: Brauchen wir also keine neuen Regelungen?

Venter: Wir beraten uns dazu mit der US-Regierung, werden von dort kontrolliert und haben dazu gemeinsam mit dem Massachusetts Institute of Technology eine Studie veröffentlicht. Und wir ermöglichen unabhängigen Instituten die Einsichtnahme. Natürlich müssen wir uns mit dem Thema Missbrauch beschäftigen, aber der Nutzen übersteigt die Gefahren bei Weitem.

Handelsblatt: Besteht nicht noch eine weitere Gefahr, wenn, wie Sie es beschreiben, Informationstechnologie und Biotechnologie zu einer neuen Informationstechnologie zusammenwachsen? Nämlich die Gefahr einer neuen digitalen Spaltung, bei der unterentwickelte Länder auf der Strecke bleiben?

Venter: Genau das Gegenteil wird der Fall sein. Es ist wahrscheinlicher, dass gerade die sich entwickelnden Länder viel eher neue Quellen zur Energiegewinnung erschließen werden als die Industrieländer, besonders wenn diese im Umfeld der Biologie oder der Landwirtschaft entstehen. In den USA gibt es beispielsweise eine starke Agrarlobby, die sich gegen Veränderung sträubt. Und die Mehrheit jener, die in unser Unternehmen investieren, kommt von außerhalb der USA, nahezu alle kommen aus Schwellenländern. Diese Länder haben die Chance erkannt, die Energiequellen für ihre gesamte Wirtschaft auf eine andere Basis zu stellen.

Handelsblatt: Wird das Verfahren zur Erzeugung von Biokraftstoffen wirtschaftlich zu betreiben sein?

Venter: Wenn es keine wirtschaftliche Lösung gibt, gibt es gar keine Lösung. Niemand wird in diese Verfahren investieren, wenn sich nicht auch Geld damit verdienen lässt.

Handelsblatt: Ist unser kapitalistisches System überhaupt in der Lage, unsere Probleme zu lösen? Schließlich wurde erst vor kurzem in Indien ein Auto für die breite Bevölkerung vorgestellt, das sich sicher gut verkaufen wird.

Venter: Vielleicht brauchen wir nur ein wenig Hilfe vom Staat. Denn wir müssen unser Verhalten ändern, und wir haben nur wenige Alternativen. Es kann nicht sein, dass beispielsweise Solaranlagen von lokalen Gruppen in den USA verhindert werden. Europa ist in diesem Bewusstsein schon weiter als die USA. Sobald wir neue Möglichkeiten zur Energieversorgung haben, sollten die Regierungen eine CO2-Steuer beschließen. Andernfalls würde ein sinkender Ölpreis alle Bemühungen wieder zunichte machen. Das haben wir bereits einmal erlebt, und wenn die Regierungen das erneut geschehen lassen, wird es auf Kosten aller gehen.

Handelsblatt: Eine letzte Frage. Werden wir als Menschheit unsere Probleme in den Griff bekommen oder nicht?

Venter: Das ist in der Tat eine offene Frage. Es sieht eher düster aus, wenn Forscher, die neue Lösungen vorschlagen, aus Angst oder Ignoranz blockiert werden und gleichzeitig unsere Problem wachsen. Einige Forscher glauben, dass es egal ist, was wir unternehmen, da wir bereits so viel CO2 produziert haben und der Abbau zu lange dauert, um eine positive Änderung herbeizuführen. Ich hoffe, sie liegen falsch, aber wir müssen begreifen, dass wir schon sehr lange in die falsche Richtung unterwegs sind.

Was mich irritiert, ist, wie lange es schon dauert, damit wir das begreifen und etwas dagegen tun. Die wissenschaftlichen Daten sind bekannt. Das Problem ist, dass das schädliche Verhalten eines einzelnen Menschen kaum ins Gewicht fällt. Wenn man das aber mit der Zahl von derzeit 6,5 Milliarden Menschen auf der Erde multipliziert, sieht die Sache schon anders aus. Bald werden es neun Milliarden sein. Ich wurde 1946 geboren, heute leben 2,4 Menschen für jeden von uns, der damals geboren wurde. Bald werden es vier sein. Das ist für die meisten Menschen schwierig zu verstehen, selbst für mich als Wissenschaftler. Da laufen gewaltige Veränderungen innerhalb einer Generation ab.
01.02.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 01.02.2008

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnervideos