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News: Ein schlechtes Geschäft

Der permanente Verlust natürlicher Ökosysteme auf der Erde ist nicht nur ein ökologisches Problem. Auch ökonomisch rechnet sich der Raubbau nicht.
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Zehn Jahre nach dem Weltgipfel über nachhaltige Entwicklung in Rio de Janeiro ist es wieder so weit: Die Staats- und Regierungschefs der Erde treffen sich vom 26. August bis 4. September 2002 in Johannesburg, um die Erfolge und Misserfolge seit der Tagung von Rio zu beraten. Die Bilanz wird nüchtern ausfallen. Die Zerstörung natürlicher Biotope schreitet unvermindert fort, von einer nachhaltigen Entwicklung sind wir noch weit entfernt.

So führt die Vernichtung artenreicher Biotope wie tropischer Regenwälder oder Korallenriffe zu einem bisher in der Erdgeschichte einmaligen Artensterben. Doch dem Schutz dieser Biotope stehen handfeste wirtschaftliche Interessen entgegen. Schließlich will eine wachsende Erdbevölkerung nicht nur mit Nahrung versorgt werden, sondern auch am ökonomischen Wohlstand teilhaben. Ökologische Argumente haben dann einen schweren Stand.

Natürliche Habitate haben jedoch nicht nur einen ökologischen, sondern auch einen ökonomischen Nutzen. Denn schließlich regulieren sie das Klima, erhalten fruchtbaren Boden und sind ein Reservoir für Nahrung, Energie oder Arzneien – alles Werte, die sich in Euro und Cent ausdrücken lassen. Bereits 1997 versuchte Robert Constanza von der University of Maryland den Gewinn abzuschätzen, den alle natürlichen Ökosysteme der Erde jährlich "erwirtschaften". Er kam dabei auf die unvorstellbare Zahl von 38 Billionen Euro.

Aufbauend auf dieser Arbeit hat jetzt eine internationale Forschergruppe unter der Leitung von Andrew Balmford von der University of Cambridge versucht, die ökonomischen Folgen des Verlustes natürlicher Ökosysteme abzuschätzen. Dabei werteten sie Literaturdaten von über 300 Fallstudien über die verschiedensten Ökosysteme der Erde aus. Beispielhaft suchten sie hiervon fünf Lebensräume aus, die durch den Menschen stark verändert worden sind.

In keinem der Fälle hatte sich die Umwandlung der Ökosysteme wirtschaftlich gerechnet. So brachte die Abholzung eines tropischen Regenwaldes in Malaysia einen kurzfristigen Gewinn von 11 200 Euro pro Hektar – kostete aber durch Nachfolgeschäden etwa 13 000 Euro. Der Verlust betrug also 14 Prozent.

Ähnlich hoch beziffern die Wissenschaftler die Verlustquote, die durch die Abholzung eines Regenwaldes in Kamerun entstand. Hier steht einem Gewinn von 2110 Euro pro Hektar ein Verlust von 2570 Euro entgegen.

Die Umwandlung einer Süßwassermarsch in Kanada zu landwirtschaftlichen Nutzflächen kostete 8800 Euro pro Hektar, brachte aber mit 3700 Euro weniger als die Hälfte ein.

In Thailand wurde ein Mangrovenwald in einen Aquakulturbetrieb zur Züchtung von Krabben umgewandelt. Gewinn: 16 700 Euro pro Hektar – Verlust: 60 400 Euro pro Hektar.

Am ungünstigsten mit fast 75 Prozent Verlust fiel die Zerstörung philippinischer Korallenriffe durch Dynamitfischerei aus. Die Unkosten von 3300 Euro pro Hektar stehen einem geringen Gewinn von nur 870 Euro pro Hektar gegenüber.

Diese Verluste muss meist die Allgemeinheit tragen, während von den Gewinnen nur wenige profitieren. Die Forscher schlagen daher vor, diese externen Kosten beispielsweise durch Umweltsteuern und direkte Zahlungen stärker zu berücksichtigen.

Außerdem sollten die noch bestehenden Ökosysteme der Erde stärker geschützt werden. Aber auch das kostet Geld. Die Wissenschaftler veranschlagen hierfür etwa 45 Milliarden Euro pro Jahr. Dem steht ein jährlicher Gewinn von 4400 bis 5200 Millarden Euro entgegen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Naturschutzmaßnahmen beträgt demnach also mindestens 1:100. "Der Erhalt von Naturreservaten", schreiben die Autoren der Studie, "ist ein wirklich gutes Geschäft."

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