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News: Ein sensibles Wesen

Selbst bei stockfinsterer Dunkelheit lassen sie ihrer Beute keine Chance: Alligatoren sind perfekte Nachtjäger. Dafür setzen sie nicht nur Augen und Ohren ein, sondern auch ein bisher unbekanntes Sinnesorgan. Stecknadelkopfgoße Grübchen an ihrer Schnauzenspitze nehmen kleinste Wasserbewegungen wahr.
Eigentlich interessierte sich Daphne Soares nur für harmlose Vögel. Bei ihren Studien zur Schallwahrnehmung musste sich die Biologin von der University of Maryland allerdings auch mit den näheren Verwandten ihrer gefiederten Freunde befassen: Krokodile. Und dabei fielen ihr die kleinen schwarzen Flecken auf, die auf der Schnauzenspitze der Tiere sitzen.

Ihre Recherchen ergaben, dass die kleinen Vertiefungen zwar als Unterscheidungsmerkmal zwischen den Familien Alligatoridae, Crocodylidae und Gavialidae verwendet werden, ihre genaue Funktion hat sich jedoch bisher der Wissenschaft verschlossen. Soares beschloss daraufhin, der Sache auf den Grund zu gehen.

Schnell war klar, dass es sich bei den rätselhaften Grübchen um ein Sinnesorgan der Tiere handeln musste, denn jedes einzelne der kuppelartigen Gebilde wird von einem Nervenstrang versorgt. Verhaltensstudien mit Jungtieren der Art Alligator mississippiensis sollten der Wissenschaftlerin weiteren Aufschluss geben.

Soares verschloss ihren Alligatoren, die als perfekte Nachtjäger gelten, die Ohren und setzte sie bei tiefster Dunkelheit in ein Wasserbecken. Obwohl sie jetzt weder sehen noch hören konnten, reagierten die Tiere selbst auf kleinste Tropfen, die auf die Wasseroberfläche fielen.

Im nächsten Schritt umwickelte die Forscherin die Schnauze ihrer Versuchstiere mit einem Plastikband, sodass die Grübchen vollständig zudeckt waren. Jetzt ließen sich die Alligatoren von tropfendem Wasser nicht mehr beeindrucken. Damit war klar: Die Flecken dienen als Druckrezeptoren, die Wasserbewegung wahrnehmen. Soares nennt die Strukturen daher "kuppelförmige Druckrezeptoren" (dome pressure receptors, DPR).

Doch diese Erkenntnis allein reichte der Forscherin noch nicht aus. Sie wollte auch wissen, seit wann es diese Mechanorezeptoren in der Evolution schon gibt. Dafür kam ihr zu pass, dass der abgehende Nerv der DPRs durch kleine Löcher im Kieferknochen geleitet wird. Und genau die gleichen Öffnungen fand Soares auch bei Krokodilfossilien – allerdings nur bei den Arten, die, wie alle heutigen Krokodile, amphibisch gelebt haben. Krokodilvorfahren, die ihre Beute ausschließlich an Land oder ausschließlich unter Wasser gejagt hatten, weisen die typischen Strukturen der DPRs im Kieferknochen nicht auf.

"Das zeigt, dass dieses Sinnesorgan vermutlich vor 200 Millionen Jahren zu Beginn des Jura entstanden ist", erklärt Soares. "Man muss sich nur vorstellen, wie damals riesige Krokodile nachts halb untergetaucht im Wasser lagen und auf Dinosaurier warteten, die zum Trinken kamen. Sobald der Dinosaurier die Wasseroberfläche mit seiner Schnauze berührte, erfuhr das Krokodil über die Wasserwellen, wo es sich seine nächste Mahlzeit holen konnte."

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