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Paläoethnologie: Ein Subkontinent für sich

Indien ist etwas Besonderes - geologisch, biologisch und kulturell. Doch auch anthropologisch könnte Südasien etwas ganz Eigenes sein: Ackerbaulich versierte Zuwanderer wurden dort zwar kopiert, sie durften sich aber nicht in den Genpool einbringen.
Nach einer lange gängigen Theorie der Menschheitsgeschichte breitete sich die Landwirtschaft, nachdem sie insbesondere im Vorderen Orient entwickelt wurde, in der neolithischen Revolution als innovative und den Jäger- und Sammler-Kulturen gegenüber überlegene Lebensweise über die ganze Alte Welt aus. Im Gefolge dieses Siegeszugs mischten sich ihre Protagonisten mit den in Europa oder Asien heimischen Völkern, was sich in deren Erbgut bemerkbar machte. Oder die Zuwanderer drängten die steinzeitlichen Nimrode gar völlig in die Randgebiete ihrer einstigen Heimat, wo sie fortan nur noch in landwirtschaftlichen völlig untauglichen Wüsten- oder Waldgebieten lebten – ihre genetische Ausstattung blieb dann wiederum völlig unbeeinflusst.

Dieses Lehrgebäude musste aber in den vergangenen Jahren zumindest einige Erschütterungen hinnehmen. Nach einigen neueren Forschungen fanden einzig Ackerbau und Viehzucht nachhaltig Verbreitung. Die entsprechenden bäuerlichen Vorbilder durften sich dagegen kaum oder gar nicht mit den von ihnen unbeabsichtigt angeleiteten Stämmen vermischen. Ein derartiger Forscherstreit tobt etwa zurzeit in Europa: Archäologen und Genetiker diskutieren hier, ob wir nun rein von Jägern und Sammlern abstammen, die auf Landwirtschaft umsattelten, oder ob unsere Ahnen sich nicht auch noch gleichzeitig mit den Zuwanderern geschlechtlich einließen, sodass diese Spuren in unserem Erbgut hinterließen.

Doch mit dieser Herkunftsfrage schlagen sich nicht nur die Europäer herum, sondern auch die Inder. So sollen die Vorfahren der heutigen Inder – zumindest jener, die heute mehr oder weniger im Kastenwesen des Hinduismus organisiert sind – maßgeblich von Einwanderern aus Nord- und Westeurasien geprägt worden sein. Diese Zuzügler brachten dabei neben ihrem Erbgut auch gleich noch die indogermanische Sprachfamilie und die ackerbauliche Kultur auf den Subkontinent.

Allerdings steht nun diese Annahme durch neue Genuntersuchungen von Wissenschaftlern um Sanghamitra Sahoo vom Nationalen DNA-Analyse-Zentrum im indischen Kalkutta ebenfalls unter Beschuss. Für ihre Studie untersuchten sie die Unterschiede der Y-Chromosomen von 936 Indern aus 32 Stammesgesellschaften der Region sowie 45 hinduistischen Kastengruppen des Landes. Per männlichem Geschlechtschromosom wollten sie näheren Aufschluss über die Herkunft der väterlichen Gründerlinien der heutigen Inder gewinnen. Ihre Ergebnisse verglichen die Forscher dann mit den Daten von Y-Chromosomen aus allen Teilen Asiens, aus Europa und Äthiopien.
Verbreitung des Haplotyps H in SüdasienLaden...
Verbreitung des Haplotyps H in Südasien | Der Haplotyp H des Y-Chromosoms ist etwa 90 Prozent aller Inder eigen. Außerhalb des Subkontinents ist er dagegen kaum vertreten. Besonders häufig findet er sich im Südosten des Landes und dort vor allem unter Stammesangehörigen, die zur dravidischen Sprachfamilie gehörende Idiome sprechen. Diese übernahmen nur die Landwirtschaft von ihren Nachbarn, vermischten sich mit diesen jedoch nicht.


Insgesamt fand Sahoos Team 18 so genannter Haplotypen in den Y-Chromosomen seiner Landsleute – allein sieben davon charakterisieren bereits 90 Prozent aller entsprechenden Erbgutvariationen der einzelnen Bevölkerungsgruppen. Eine große Übereinstimmung fanden die Wissenschaftler dabei gerade zwischen der das indogermanische Hindi sprechenden Bevölkerungsmehrheit des Landes, die in Kasten organisiert ist, und den Stämmen Südindiens, die sich in dravidischen Idiomen wie Tamil oder Malayalam unterhalten, aber meist kein Kastenwesen unterhalten – sie sind dementsprechend eng miteinander verwandt.

Die vier in ihnen häufigen Haplotypen spielen allerdings außerhalb des Subkontinents so gut wie gar keine Rolle. Umgekehrt treten typische Genkombinationen des Y-Chromosoms aus dem Nahen Osten, Zentral- oder Südostasien nur in verschwindend geringen Prozentzahlen auch in Indien auf: Eine großflächige Einwanderung von zentralasiatischen Völkern mit nachfolgender Vermischung aus Nordwesten kann folglich ausgeschlossen werden: Die heutigen hinduistischen Inder entwickelten sich also zusammen mit ihrem Kastenwesen aus den ursprünglichen Stämmen ihrer Heimat. Dies widerspricht früheren Studien, die die Stämme eher isoliert von ihren Landsleuten sahen.

Umgekehrt kam es dagegen durchaus zu einer nordwärts gerichteten Wanderung von Indern aus dem Punjab nach Zentralasien, wo sie sich zu einem gewissen Grad mit der lokalen Bevölkerung einließen – zumindest sprechen dafür einige genetische Übereinstimmungen. Sie blieben dort jedoch ortstreu und brachten ihre neu erworbenen Erbgutbestandteile nicht wieder nach Indien zurück. Vor etwa 10 000 Jahren übernahmen dann vielmehr in dieser Kontaktzone weitere indische Stämme die neu aufkommende Landwirtschaft von ihren Nachbarn, ohne aber mit ihnen partnerschaftlich in Verbindung zu treten.

In der Folge verbreitete sich die Agrar-Technik dann über den Subkontinent – ohne ihre Vorreiter und deren Gene. Das würde auch erklären, warum nur die Sprachen des nordwestlichen Indiens zur indogermanischen Sprachfamilie zählen: Sie entwickelten sich dort unter dem Einfluss der ebenfalls indogermanischen Zentralasiaten. Im entfernten Süden überdauerte dagegen das ursprünglichere Dravidische ohne größere Veränderungen – es bildet dort noch heute eine eigene große Gruppe. Die Hindi-Sprecher drangen erst in jüngerer Zeit in diese Gebiete vor, ohne das Tamil und die anderen Idiome ernstlich gefährden zu können.

Laut Sahoo und den anderen Wissenschaftler gibt es damit nur eine einzige Region im ansonsten weit gehend homogenen Indien, wo es vor der Gegenwart zu einem deutlichen Genaustausch zwischen der lokalen Bevölkerung und zuwandernden Menschen kam: Im Nordosten des Landes vermischten sich tibeto-burmanische, also ostasiatische Ethnien mit den Einheimischen und brachten ihre Sprache wie Kultur mit. Nur was ihre landwirtschaftlichen Fähigkeiten betraf, konnten sich die Neusiedler nicht durchsetzen – die gemeinsamen Nachkommen vertrauten in diesem Fall lieber auf das Agrarwissen ihrer indischen Vorväter.
10.01.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 10.01.2006

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