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Tropenkrankheiten: Ein übler Geselle kurz vor dem Aus

Die Uhr für den Guineawurm tickt: Bald soll der üble Parasit ausgerottet sein - als zweite Krankheit nach den Pocken. Doch die letzten Meter werden schwierig.
Trinkender Junge im Sudan

Die Ausrottung des Guineawurms steht unmittelbar bevor. Über Jahrtausende hat dieser Parasit, der auch Drachen-, Pharao- oder Medinawurm genannt wird, Menschen in Afrika, Asien und im Nahen Osten geplagt. Obwohl es kein Medikament und keinen Impfstoff gibt, gelang es, die Infektionsfälle in den letzten 25 Jahren allein durch Aufklärung, Verhaltensänderungen und Kontrolle massiv zurückzudrängen – von 3,5 Millionen infizierten Menschen im Jahr 1986 auf 1060 Fälle im Jahr 2011 laut der WHO. Zurzeit kommt der parasitische Fadenwurm, mit dem sich der Mensch über das Trinkwasser infiziert, nur noch im Süden des Sudan, in Mali und in Äthiopien vor. Will man den Parasiten jedoch gänzlich von der Erde vertreiben, muss das jetzt geschehen. Sonst, so fürchten manche Experten, könnte sich die Krankheit bei sinkender finanzieller und politischer Unterstützung erneut verbreiten.

Im Gegensatz zur Ausrottungskampagne der Kinderlähmung (Poliomyelitis), die Ende der 1970er Jahre begann und von einem breitem öffentlichen Interesse begleitet wird, hat vom Kampf gegen den Guineawurm, einem Parasiten, der nur den Ärmsten der Armen zu schaffen macht, hier zu Lande kaum jemand etwas gehört. Larven des Wurmes (Dracunculus medinensis, von lateinisch: dracunculus = kleiner Drache, Schlange) gelangen über infizierte Ruderfußkrebse ("Wasserflöhe") in den menschlichen Magen – etwa wenn Trinkwasser aus einem Teich geschöpft wird. Während der Krebs den Verdauungsprozess nicht überlebt, zeigt sich die Larve widerstandsfähig. "Sie durchdringt aktiv die Magen- oder Darmwand, und der weibliche Wurm wächst im menschlichen Gewebe zu einer stattlichen Größe von bis zu einem Meter heran", sagt Tropenmediziner Christian Meyer vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg.

Behandlung des Guineawurms
Behandlung des Guineawurms | Der Parasit kann nur durch manuelle Therapie aus dem Körper geholt werden. Wichtig ist es daher, seinen Fortpflanzungszyklus zu unterbrechen.

Der männliche Wurm bleibt klein und stirbt ab, wenn er nach etwa 100 Tagen das weibliche Tier befruchtet hat. Dieses dagegen wandert im menschlichen Körper meist zielsicher in Richtung Beine, um hier nach insgesamt etwa einem Jahr über eine schmerzhafte Blase wieder ans Tageslicht zu treten. Und während der Erkrankte die Schmerzen im kühlen Wasser zu lindern versucht, setzt der Wurm seinen Nachwuchs frei: Tausende Larven gelangen ins Wasser, der Zyklus beginnt von Neuem.

Von der Belletristik gewürdigt

"Der Guinea- oder Medinawurm ist so dick wie eine Violinsaite und kann bis zu zwei Meter lang werden. Er scheint nur mit dem Trinkwasser in den Menschen zu kommen, wandert durch den Körper desselben und verursacht an den Ausbruchstellen dicke Eiterbeulen. Durch einen einzigen Schluck unreinen Wassers können mehrere dieser berüchtigten Tiere in das Innere des Menschen gelangen und dann ist die Wirkung eine grauenhafte. Arme, Beine, Brust und Rücken bilden dann eine einzig geschwollene und mit Geschwüren bedeckte Masse, welche dem Betreffenden entsetzliche Schmerzen verursacht …" (Karl May, "Die Sklavenkarawane". Er beschreibt einen an der "Dracunculiasis" erkrankten Mann, übertreibt allerdings ein wenig, was die Wurmlänge und das Ausmaß der Geschwüre anbetrifft.)

Viele Monate lang merkt der Infizierte zunächst nichts vom ungewöhnlichen Mitbewohner. Plötzlich jedoch treten starke Schmerzen auf, und der Wurm bahnt sich einen Weg nach draußen. Kein Wunder, dass der Krankheit – ohne das heutige Wissen – lange Zeit etwas Übernatürliches anhaftete. Zeitweise wurde vermutet, es handle sich bei dem weißlichen Wurm um austretende Nerven oder abgestorbenes Körpergewebe. Der schwedische Naturforscher Carl von Linnè (1707-1778) erkannte in den langen Ungetümen als Erster Würmer. In der gleichen Zeit wurde der Parasit wegen seines Vorkommens am Golf von Guinea als "Guineawurm" bezeichnet.

Im Jahr 1870 kam der russische Forscher Alexei Pavlovich Fedchenko schließlich hinter die Rolle der Ruderfußkrebse als Zwischenwirt, Anfang des 20. Jahrhunderts war der Lebenszyklus des Parasiten vollkommen aufgeklärt. "Mit der Erforschung des Wurms an sich beschäftigt sich heute keiner mehr", stellt Tropenmediziner Meyer fest, "auch an der Therapie hat sich seit Jahrtausenden fast nichts geändert."

Archaische Behandlung

"(…) Das beste Mittel sie zu entfernen, ist nämlich, sie nach und nach auf ein Hölzchen aufzuwickeln, eine Prozedur, welche mehrere Tage erfordert …" (K. May, "Die Sklavenkarawane")

Es sind nicht nur Tage, meist dauert es Wochen, bis der Wurm Zentimeter für Zentimeter aus der Wunde gezogen werden kann. Beim Aufwickeln auf das Hölzchen muss ein Abreißen vermieden werden. Wurmbruchstücke im Körper könnten Entzündungen auslösen. Bei der Behandlung wird heutzutage meist ein Antibiotikum gegeben und gegen Tetanus geimpft, um eine Infektion durch Bakterien zu verhindern. Auch wenn der Wurm meist keine schweren Komplikationen auslöst, ist er dennoch sehr belastend. "Der Wurm sitzt häufig in Gelenknähe. Wegen der starken Schmerzen können sich die Betroffenen dann kaum bewegen", erklärt Tropenmediziner Meyer.

Wenn die Mehrheit einer Dorfgemeinschaft während der Erntezeit über mehrere Wochen daniederliegt, hat das unausweichlich ökonomische Folgen. In Mali wird die Dracunculiasis daher auch "Krankheit der leeren Kornkammer" genannt. In Nigeria war der Wurm vor seiner erfolgreichen Ausrottung für Verluste von rund zwölf Prozent der Reisernte verantwortlich. Zahlen, die schließlich auch die politisch Verantwortlichen motivierten, Mittel und Maßnahmen für den Kampf gegen den Wurm bereitzustellen.

Aufklärung
Aufklärung | Betroffene sollen nicht ins Wasser, um ihre Gliedmaßen zu kühlen. Denn dabei setzt der Wurm seine Eier ab – und der Zyklus beginnt erneut.

Im Jahr 1979 entstand die Idee, den Guineawurm weltweit auszurotten. Die Fachwelt befand sich in dieser Zeit in einer Art Hochstimmung, weil es mit den Pocken zuvor gelungen war, zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit eine Infektionskrankheit endgültig zu besiegen. Rasch wurde nach dem nächsten Kandidaten für eine Ausrottungskampagne gesucht. Der Guineawurm schien geeignet, weil der Mensch der einzige Wirt ist, es also kein nennenswertes Tierreservoir gibt. In gewissen Regionen Asiens und Afrikas war der Parasit außerdem, etwa nach langer Dürre, bereits ohne äußeres Zutun von der Bildfläche verschwunden.

Doch so einfach, wie zuerst angenommen, sollte es mit dem Guineawurm nicht werden. Das vor gut 25 Jahren von verschiedenen Organisationen wie der WHO, dem Carter Center oder der UNICEF und den nationalen Gesundheitsorganisationen gestartete Ausrottungsprogramm musste mehrmals das angestrebte Zieldatum nach hinten verschieben – ursprünglich war dieser Termin für 1995 vorgesehen.

Schwierigkeiten kurz vor Torschluss

Um die Krankheit einzudämmen, setzt das Programm im Wesentlichen auf drei Strategien. Zum einen müssen Menschen in den betroffenen Gebieten über den Ansteckungsweg aufgeklärt und das Wasser vor dem Trinken mit ausgegebenen Wasserfiltern gereinigt werden. Als zweite Maßnahme werden in einigen Regionen Teiche mit einem für Menschen ungefährlichen Insektizid behandelt, das die übertragenden Ruderfußkrebse abtötet. Um die Übertragungskette zu durchbrechen, wurden außerdem tausende Dorfkontrolleure, meist ältere Bewohner, ernannt. Diese passen auf, dass kein infizierter Mensch die Gewässer betritt, aus denen die Dorfbewohner ihr Trinkwasser beziehen. Stattdessen sollen die Wurmträger rasch zu einer medizinischen Versorgungsstation gebracht werden, wo der Wurm entfernt wird.

Die eingeleiteten Maßnahmen waren vielerorts erfolgreich. Eine internationale Kommission hat mittlerweile 187 Länder für dracunculiasisfrei erklärt. Doch kritische Stimmen bemängeln, dass die Kampagne schon längst hätte beendet sein können. Nach Ansicht von Sandy Cairncross von der London School of Hygiene and Tropical Medicine wäre der Drachenwurm bereits seit zehn Jahren ausgerottet, wenn überall ausreichende Mittel für das angestrebte Ziel zur Verfügung gestanden hätten. Als Beispiel führt der Tropemediziner Ghana an, wo die Krankheit über 13 Jahre bis 2008 bei mehreren tausend Fällen im Jahr stagnierte, weil über die Jahre menschliche, technische und finanzielle Ressourcen knapp wurden.

Ausrottungskampagnen brauchen jedoch einen langen Atem. Wenn die Mittel zu früh zurückgezogen werden und andere Vorhaben die oberste Priorität in der nationalen Gesundheitspolitik erlangen, können alle Anstrengungen umsonst gewesen sein. Die Ausrottung müsse in einer konzentrierten Aktion schnell vonstattengehen, sagt Cairncross. Sobald es länger als zehn Jahre dauere, bestehe die Gefahr, dass der politische Wille und die Motivation sänken. In Ghana wurde das Problem rechtzeitig erkannt, es wurden wieder mehr Kontrolleure eingesetzt, und schon im Jahr 2010 gab es nur noch acht Erkrankte.

Jetzt müsse der finale Stoß gegen den Parasiten erfolgen, fordert Caincross. Sonst bestünde die Gefahr, dass sich frustrierte Gesundheitsbeamte in den betroffenen Ländern fragten, warum im Angesicht vieler gefährlicher Bedrohungen – Cholera, Lepra, HIV – so viel Geld in die Bekämpfung einer Krankheit gesteckt würde, die kaum noch vorkomme. Ähnlich sieht es Benjamin Jelle Visser von der niederländischen Universität in Amsterdam: Die Ausrottung des Guineawurms müsse nun abgeschlossen werden, bevor es in naher Zukunft unliebsame Überraschungen gibt – und die Seuche wieder aufflackert.
30. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 30. KW 2012

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