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Virologie: Ein Virus auf dem Vormarsch

Bisher gab sich das ausgesprochen aggressive Vogelgrippe-Virus H5N1 fast schon genügsam: Es befiel nur Geflügel in menschlicher Haltung. Zwar erlagen ihm Millionen von Tieren, doch immerhin ließ es Wildvögel zumeist in Ruhe. Das hat sich nun geändert.
Hat H5N1 erst einmal Fuß gefasst, gibt es ein Gemetzel. Bei den Vogelgrippe-Ausbrüchen in Asien im Winter 2003/2004 starben Millionen von Vögeln: Etliche erlagen der Krankheit, und die Bestände ganzer Farmen wurden getötet, um der Seuche Einhalt zu gebieten. Auch im letzten Jahr meldeten mehrere asiatische Länder Ausbrüche von Vogelgrippe, und dieses Frühjahr gab es bereits eine Epidemie in Nordkorea.

Das Prekäre daran: H5N1 ist ein ganz besonders aggressiver Vertreter der Vogelgrippeviren und kann auch den Menschen infizieren. Seit 2003 sind 108 erkrankte Personen, darunter 54 Todesfälle zu beklagen. Das Virus wird daher mit Argusaugen beobachtet. Denn sollte es sich derart verändern, dass es auch von Mensch zu Mensch übertragen wird, könnte eine Grippe-Pandemie über den Globus rasen. Derzeit betrachten die Fachleute trotz einzelner Verdachtsfälle eine Übertragung von Mensch zu Mensch noch nicht als erwiesen.

Beim Federvieh ist das Virus schon einen Schritt weiter: Bisher gab es nur vereinzelte Infektionen bei Wildtieren, die in der Nähe von Geflügelfarmen lebten – Ende April dieses Jahres kam es jedoch zu einer Epidemie unter den Wildvögeln des weit von Geflügelfarmen entfernten Qinghai-Sees in Westchina. Anfangs betraf die Seuche nur eine kleine Insel, auf der 3000 Streifengänse (Anser indicus), Braunkopfmöven (Larus brunnicephalus), Fischmöven (Larus ichthyaetus) und Kormorane (Phalacrocorax carbo) lebten.

In erster Linie erkrankten die Streifengänse und in geringem Ausmaß auch die Braunkopfmöven und die Fischmöven. Die Tiere litten unter Lähmungserscheinungen, Torkeln und Zittern und bogen vor ihrem Tod den Hals weit nach hinten und zur Seite – alles Symptome einer H5N1-Infektion. Am 20. Mai hatte sich die Seuche auf andere Inseln ausgebreitet, befiel tausende Vögel und forderte rund 1500 Todesopfer. Zwei Forschergruppen untersuchten nun die Krankheit unabhängig voneinander.

Yi Guan und seine Kollegen von der Universität Hongkong isolierten aus toten Tieren mehrere Virenstämme [1]. Alle waren untereinander fast identisch. Vergleiche mit anderen Virenstämmen zeigten, dass die Erreger eng verwandt sind mit denen, die in Thailand und Vietnam auch Menschen infiziert hatten. Auf Grund der genetischen Analyse gehen die Wissenschaftler davon aus, dass das Virus vermutlich aus Südchina stammt und nur ein einziges Mal an den Qinghai-See eingeschleppt wurde.

Jinhua Liu fand mit seiner Arbeitsgruppe aus Peking in einer am Qinghai-See verendeten Streifengans Antikörper gegen das Vogelgrippe-Virus H5N1 [2]. Die Wissenschaftler extrahierten Viren aus kranken und toten Tieren und sequenzierten von vier Stämmen das komplette Genom. Die Analyse enthüllte, dass die Stämme eng miteinander verwandt waren und mit keiner aus Gendatenbanken bekannten DNA-Sequenzen übereinstimmten. Alle trugen Gene, die für besonderes starke Virulenz sprechen.

Dies bestätigte sich beim Test am lebenden Tier: Die Viren töteten innerhalb von zwanzig Stunden sämtliche mit ihnen infizierte Hühner und sieben von acht Mäusen – damit erwiesen sie sich als aggressiver als Isolate aus chinesischen Enten. Die Wissenschaftler schließen aus ihren Daten, dass die Viren aus Vögeln stammen, die in Südostasien überwintern und sich später genetisch verändert haben.

Diese Entwicklung des Vogelgrippe-Erregers könnte weit reichende Folgen haben. Der Qinghai-See ist ein wichtiges Brutgebiet für Zugvögel aus Südostasien, Sibirien, Australien und Neuseeland. Da sich H5N1 nun auch in Wildvögeln verbreitet, steht zu befürchten, dass diese das hochpathogene Virus entlang der Flugrouten weit verschleppen und so dessen geografisches Verbreitungsgebiet enorm vergrößern.
07.07.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 07.07.2005

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