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Drift-Expedition: "Ein wichtiger Mosaikstein, den wir da gesammelt haben"

Sieben Monate verbrachte Jürgen Graeser vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung zusammen mit russischen Kollegen auf einer Eisscholle, die durch die Arktis driftete. Das Ziel: umfassende Daten der winterlichen arktischen Atmosphäre zu sammeln, ein bislang weißer Fleck in der Klimaforschung. Im Gespräch mit spektrumdirekt erzählt der Forscher vom Leben auf der Drift.
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spektrumdirekt: Herr Graeser, sind Sie zufrieden mit dem Verlauf der Expedition?

Jürgen Graeser: Ja, auf jeden Fall. Wir konnten nicht nur die geplanten wissenschaftlichen Daten gewinnen, sondern sogar noch zwei zusätzliche Projekte durchführen, weil unter anderem die Wetterbedingungen deutlich besser waren als erwartet.

spektrumdirekt: Gab es größere technische Schwierigkeiten?

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Jürgen Graeser | Sieben Monate driftete Jürgen Graeser vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung mit russischen Kollegen auf einer Eisscholle durch die Arktis, um Daten der winterlichen Atmosphäre zu sammeln.
Graeser: Technische Schwierigkeiten gibt es immer, irgendwo klemmt's, es geht etwas kaputt, das ist normal. Ein großes Problem war die Kälte, denn das meiste Material ist für diese Temperaturen nicht ausgelegt, inklusive meiner Finger. Uns ist auch mal das Zelt zusammengebrochen, aber es ist Gott sei Dank nichts passiert, das ich nicht hätte händeln können.

spektrumdirekt: Sie haben sich auf Atmosphärenmessungen konzentriert, was war das Besondere daran?

Graeser: Bisher sind in dieser Region weder Fesselballon- noch Ozonsondierungen gemacht worden, und auch die aerologischen Messungen mit frei fliegenden Ballonen haben weit über 20 Jahre lang nicht stattgefunden.

spektrumdirekt: Sind unter den vorläufigen Erkenntnissen bereits welche dabei, die Sie überrascht haben?

Graeser: Durchaus. Zum Beispiel nimmt ja die Lufttemperatur normalerweise mit der Höhe ab – man kennt das aus den Bergen. Auf dem Eis jedoch war das nicht der Fall, dort wurde es erst einmal wärmer, deutlich wärmer sogar, bis zu fast 20 Grad, bevor die Temperaturen wieder sanken.

spektrumdirekt: Haben Sie eine Idee, woran das liegt?

Graeser: Wir denken darüber nach.

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Luftige Messgeräte | Jürgen Graeser mit Forschungsballon und "Miss Piggy", dem zeppelinförmigen Fesselballon
spektrumdirekt: Werden Ihre Daten bisherige Modelle zur Zirkulation über der Arktis eher stützen oder eher umwerfen?

Graeser: Eher umwerfen. Die Testrechnungen, die wir bisher gemacht haben, zeigen, dass die bisherigen Modelle nicht ganz den Punkt treffen, zumindest was die oberflächennahen Untersuchungen betrifft. Sie müssen also noch überarbeitet werden.

spektrumdirekt: Werden die Ergebnisse Auswirkungen auf Klimamodellierungen haben?

Graeser: Ich denke schon. Bisher gibt es meiner Ansicht nach auch kaum Modelle, die sehr genaue Vorhersagen treffen können. Es zeigt sich doch immer wieder – und hat sich auch hier gezeigt – dass die Modellrechnungen noch etwas von der Realität abweichen. Und man darf eines nicht vergessen: Selbst wenn man sechs Monate misst – in der Klimaforschung ist das nur ein Spot. Aber es war auf jeden Fall ein wichtiger Mosaikstein, den wir da gesammelt haben, der erste große Schritt, der uns gelungen ist.

spektrumdirekt: Sie waren als erster Ausländer auf dieser Driftexpedition dabei, die von russischen Forschern seit Jahrzehnten durchgeführt wird. Wie hat die Zusammenarbeit mit den russischen Kollegen geklappt?

Graeser: Ganz hervorragend. Wirklich einwandfrei, alles hat auf Zuruf funktioniert. Es war ein sehr herzliches Miteinander, das großen Spaß gemacht hat.

spektrumdirekt: Die Kollegen bleiben ja noch bis September auf der Scholle, hätten auch Sie die Tour gern weiter fortgesetzt? Allein schon, um die Messreihe über den Sommer zu vervollständigen?

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Gemeinsam auf der Drift | Das Team der NP-35
Graeser: Es wäre natürlich fair und anständig gewesen, die Expedition bis zum Ende mitzumachen. Die Überwinterung ist zwar der härteste Teil – auch wenn es mir nicht besonders schwer gefallen ist. Eine Verlängerung war leider aus organisatorischen, technischen und finanziellen Gründen nicht möglich. Aber die Russen führen unser Projekt im kleinen Maßstab fort, so dass noch ein Teil der Daten erhoben werden kann, wenn auch nicht das komplette Programm.

spektrumdirekt: Werden denn nun zukünftig häufiger ausländische Kollegen diese Driftexpedition begleiten?

Graeser: Ja, das ist für nächstes Jahr bereits fest geplant. Ich werde auch wieder dabei sein, aber nur für sechs bis acht Wochen.

spektrumdirekt: Wie war das Leben auf der Scholle? Woran erinnern Sie sich besonders gern? Oder überwiegen eher die schwierigen Eindrücke?

Graeser: Sicher bleiben schwierige Situationen eher in der Erinnerung hängen. Aber insgesamt hatte ich weder besondere Highlights noch besondere Tiefpunkte. Man hatte einen regelmäßigen Tagesablauf, es war alles sehr ausgeglichen. Was ich, wie schon gesagt, sehr geschätzt habe, war das sehr freundliche, sehr herzliche Zusammensein mit meinen russischen Kollegen. Und sehr positiv war natürlich auch, dass keine größeren Katastrophen oder Pannen passiert sind, die zum Beispiel mein Messprogramm in Frage gestellt hätten. Vor so etwas ist man ja nie gefeit.

spektrumdirekt: Gab es besonders gefährliche Momente – Eisbärenbesuch, Risse in der Scholle?

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Kein seltener Gast | Besuch von Eisbären gab es im Schnitt zweimal die Woche.
Graeser: Natürlich, das ist Alltag (lacht) – Schollenrisse passieren fast jeden Tag, manchmal direkt an der Station, manchmal ein Stück weiter weg, dann bekommt man es gar nicht mit. Eisbären hatten wir jede Woche im Schnitt zwei, das wird zur Routine. Ich habe mich in der Beziehung auch von meinen russischen Kollegen anstecken lassen, die einfach gesagt haben "das ist normal", muss man nicht so dramatisch sehen. Eigentlich war es kaum anders als irgendwo auf dem Festland, wenn man sich nicht ständig vergegenwärtigt hat, dass man gerade auf einer Eisscholle driftet. Damit hatte ich aber von Beginn an keine Probleme.

spektrumdirekt: Was haben Sie auf der Scholle am meisten vermisst?

Graeser: (lacht) Das werde ich immer wieder gefragt. Und ich kann es, sogar für mich selbst, nicht wirklich zufrieden stellend beantworten. Man hatte alles, eine warme Unterkunft, regelmäßige Mahlzeiten, reichlich Arbeit, Kommunikation mit Zuhause, ich wüsste nichts, das ich wirklich schmerzlich vermisst hätte. Gut, die sanitären Bedingungen waren ein bisschen einfach, alle zehn Tage nur waschen und duschen. Aber das waren Kleinigkeiten, nichts wirklich Existenzielles.

spektrumdirekt: Und umgekehrt – was werden Sie von der Scholle vermissen, nun zurück in Potsdam?

Graeser: Die Leute! Und dass einem viele Dinge einfach von der Pelle geblieben sind, Fernsehen, Radio, alles was das Leben so ein bisschen stört.

spektrumdirekt: Herzlichen Dank für das Gespräch.

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