Massenpsychologie: Eine einfache Regel beeinflusst die Bewegung von Menschenmengen

Das Gewusel der Menschen an einem Bahnhof wirkt auf den ersten Blick chaotisch. Oder folgt es doch unsichtbaren Regeln? Um das herauszufinden, observierten Forschende einen Hauptbahnhof in den Niederlanden. Und stellten fest: Menschen neigen nach dem Ausstieg aus einem Zug dazu, einer unbekannten Person vor ihnen zu folgen – auch wenn diese nicht den günstigsten Weg einschlägt. Das führe zu einer schubartigen kollektiven Bewegung, schreiben die Physikerin Ziqi Wang von der Technologischen Universität in Eindhoven und ihre Kollegen im Fachmagazin »Proceedings of the National Academy of Sciences«.
Die Gruppe hatte Bahnsteige am Hauptbahnhof von Eindhoven per Video millimetergenau überwacht und so 30 Millionen einzelne Laufwege aufgezeichnet. Rund 100 000 flossen in die Analyse ein – nämlich die, bei denen die Passagiere an einer Stelle aus dem Zug ausstiegen, an der ein Kiosk in der Bahnsteigmitte den Menschenstrom in eine kürzere und eine längere Route teilte.
Wang und ihre Kollegen versuchten zunächst, die beobachteten Laufwege mit einem allgemeinen »Herdentrieb« zu erklären, also der Tendenz, sich einer größeren Gruppe anzuschließen. Doch die Daten passen nicht zu dieser Hypothese. Vielmehr folgten die Menschen offenbar nur der Person direkt vor ihnen – selbst wenn diese den längeren Weg wählte. Die Tendenz war überdies auch dann zu beobachten, wenn sich die beiden Personen nicht zu kennen schienen.
Womöglich ist das Verhalten schlicht der Bequemlichkeit geschuldet: Wer dem Vorgänger folgt, muss sich nicht selbstständig orientieren und sich zudem nicht selbst den Weg bahnen. In der Gesamtschau ist es jedoch unvorteilhaft: In der Regel wären Staus besser zu vermeiden, wenn sich die Menschen je zur Hälfte auf den einen und den anderen Weg aufteilen.
Denn wie weitere Analysen zeigten, kann dieses Verhalten eine Art Lawine in Gang setzen. »Lokales Nachahmungsverhalten ist der dominierende Faktor bei kollektiven Routenentscheidungen«, so das Fazit der Gruppe. Das sei bedeutsam für das Verständnis von Verhalten im öffentlichen Raum und somit für Sicherheitsmaßnahmen im Umgang mit großen Menschenmengen.
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