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Entscheidungspsychologie: Eine Formel für Aufschieberitis

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Nicht Perfektionismus, sondern vielmehr ein Mangel an Selbstvertrauen ist die Wurzel eines uns allzu vertrauten Übels: die schlechte Angewohnheit, wichtige und besser sofort zu erledigende Dinge aufzuschieben und Ablenkungen zu suchen – auch "Aufschieberitis" oder in Fachkreisen "Prokrastination" genannt. Dies berichtet der kanadische Forscher Piers Steel von der Universität Calgary nach einer umfassenden Analyse von immerhin 691 Untersuchungen zu diesem Phänomen.

Entscheidend sei die Selbstkontrolle: Je mehr man daran glaubt, sich einer Ablenkung widersetzen zu können, desto größer sind auch die Chancen, tatsächlich zu widerstehen. Als Indikatoren für Prokrastination fanden sich – wenig überraschend – der Hang zur Aufgabenverzögerung, der Widerwille, Arbeiten zu erledigen, sowie die Impulsivität, Zerstreutheit und Motivationsfähigkeit einer Person. Aus dem Maß an Aufsässigkeit, Sensationsgier oder Neurotizismus, der sich als emotionale Labilität, Nervosität und Stressanfälligkeit äußert, lässt sich dagegen wenig über das Aufschiebeverhalten aussagen – ein Widerspruch zur bisherigen Lehrmeinung.

Den theoretischen Unterbau von Steels "Temporal Motivational Theory" bildet eine mathematische Gleichung. Anhand verschiedener Faktoren, wie der Erwartungshaltung und Ablenkungsanfälligkeit des Prokrastinators, sowie der Dringlichkeit und dem Nutzen der Aufgabe, kann damit die momentane Attraktivität und schließlich die Dauer des Aufschiebens berechnet werden.

Bisher ungeklärt ist, wieso der eine oder andere stärker von diesem Problem betroffen ist – möglicherweise haben sogar die gern zitierten Gene ihre Finger im Spiel. Offenbar macht die auch "Studentensyndrom" genannte Problematik selbst vor den Prokrastinationsforschern keineswegs halt. So appelliert Steel, die Erforschung des Phänomens wegen der offenbaren Verbreitung in keinem Falle länger aufzuschieben. (vs)
12.01.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 12.01.2007

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