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News: Eine Frage der Erwartung

Wirken Antidepressiva auf biochemischem Wege oder alleine durch die Erwartungshaltung der Patienten? Zwei Wissenschaftler vertreten die Ansicht, daß auftretende Nebenwirkungen der Medikamente dem Menschen verraten, daß er keine Attrappe einnimmt. Folglich erwartet er eine Wirkung auf seinen Gemütszustand, die dann auch eintritt, ohne daß es dafür einen biochemischen Grund gibt. Die Fachwelt reagiert gespalten auf diese These.
Irving Kirsch von der University of Connecticut und Guy Sapirstein vom Westwood Lodge Hospital in Needham analysierten 19 Studien an 2318 Patienten zu den Wirkungen ausgewählter Antidepressiva und Sedativa – einschließlich trizyklischer Substanzen und neueren Varianten von Prozac. In jeder dieser Untersuchungen wurden die psychischen Zustände der Patienten zu Beginn und nach der Behandlung mit einem Wirkstoff oder einem Placebo aufgezeichnet.

Die pharmazeutische Industrie gibt an, daß Antidepressiva um 40 Prozent effektiver als Placebos Depressionen bekämpfen. Nach der Auswertung von Kirsch und Sapirstein liegt dieser Wert jedoch nur bei 25 Prozent (Prevention & Treatment vom 26. Juni 1998, Volltext). Doch selbst dieses Viertel zweifeln sie an. Sie glauben, daß ein Großteil davon Folge eines zusätzlichen Placebo-Effektes sein könnte: Aufgrund der Nebenwirkungen, die viele Antidepressiva hervorrufen, wußten die Patienten, daß sie keine Attrappe einnahmen, sondern ein wirkliches Medikament. Dementsprechend erwarteten sie, daß es ihnen bald besser ginge. Die beiden Forscher nehmen an, daß die psychischen Erfolge dann fälschlich einer chemischen Wirkung zugeschrieben wurden. Außerdem sind sie zu dem Schluß gekommen, daß andere Medikamente wie Tranquilizer auch nicht weniger gegen Depressionen helfen. Antidepressiva würden also bei weitem nicht so selektiv wirken, wie die Hersteller behaupten.

Simon Wessely vom Kings's College London stimmt den Ergebnissen zu: "Es besteht eine enorme Unsicherheit darüber, wie [Antidepressiva] eigentlich arbeiten. Die Öffentlichkeit glaubt, die Ärzte wüßten es – doch dem ist nicht so. Jeder anständige Psychopharmakologe wird ihnen das bestätigen." Seiner Schätzung nach haben die Medikamente nur einen Vorteil von 15 bis 20 Prozent gegenüber Placebos.

Donald Klein von der Columbia University in New York – einer der Mitentwickler von Therapien gegen Depressionen – kritisiert die neue Auswertung dagegen heftig. Er hält die Auswahl der ausgewerteten Studien für zu klein und nicht repräsentativ (vollständiger Text).

Die Arbeit von Kirsch und Sapirstein zeigt nicht, daß Antidepressiva keine pharmakologischen Effekte hätten. Doch Kirsch mahnt an, die Verfahren der klinischen Tests zu modifizieren, um das wahre Ausmaß des Placebo-Effektes einschätzen zu können. Eine Möglichkeit bestünde darin, den Patienten "aktive Placebos" zu verabreichen, die zwar Nebenwirkungen hervorrufen, aber keinen medizinischen Effekt verursachen.

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