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Infektionen

Eine Grippe hinterlässt Spuren im Gehirn

Noch Wochen nach einer Grippe haben die Nervenzellen im Gehirn mit den Folgen der Krankheit zu kämpfen. Versuche an Mäusen zeigen, dass Lernen und Gedächtnis für geraume Zeit gestört sind.
Eine schöne Illustration einer 3-D-Nervenzelle umgeben von fancy 3-D-Viren, bei der leider der nicht unwesentliche Größenunterschied zwischen den beiden unter den Tisch fällt.

Eine Infektion mit Grippeviren lässt sich noch mehr als einen Monat nach der Krankheit im Gehirn nachweisen. Das berichtet eine Arbeitsgruppe um Martin Korte von der TU Braunschweig und Klaus Schughart vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung im »Journal of Neuroscience«. Das Team untersuchte die langfristigen Effekte dreier Influenza-Subtypen an insgesamt 193 infizierten Mäuseweibchen. Dabei achteten die Forscher auf die Morphologie und Aktivität der Zellen im Gehirn, analysierten die Genaktivität und führten Gedächtnistests durch. Sowohl der an Mäuse angepasste menschliche Erreger H3N2 wie auch der aus Seehunden gewonnene Subtyp H7N7 beeinträchtigten demnach langfristig Neurone im Hippocampus sowie das räumliche Erinnerungsvermögen. Nur ein an Mäuse angepasster H1N1-Erreger zeigte keinen solchen Effekt. Verantwortlich für die anhaltenden Störungen sind laut der Veröffentlichung vermutlich lang andauernde Entzündungsprozesse im Gehirn.

Eine Grippeinfektion betrifft nicht nur die Atemwege, sondern auch das Zentralnervensystem. Zum Beispiel kann der Vogelgrippeerreger H5N1 Nervenzellen infizieren und eine Immunreaktion auslösen, in deren Folge Neurone im Gehirn absterben. Klassische Grippeviren wie der gängige H1N1-Erreger können speziell bei Kindern ebenfalls zu neuropsychiatrischen Komplikationen führen. Unklar ist allerdings, ob solche Schäden über die akute Erkrankung hinaus bestehen bleiben. Die Befunde von Korte und Schughart sind ein Indiz dafür.

Die Arbeitsgruppe untersuchte den Hippocampus, der eine wichtige Rolle beim Lernen und für das räumliche Gedächtnis spielt und zudem besonders anfällig für Entzündungsprozesse ist. Tatsächlich ließen sich durch zwei der drei Viren noch 30 Tage nach der Infektion Veränderungen im Hippocampus nachweisen. So war die Zahl der dendritischen Dornen an den Nervenzellen deutlich reduziert – und damit die Zahl jener Zellen, von denen sie Signale empfangen. Auch sind in der betroffenen Hirnregion noch nach 30 Tagen wesentlich mehr Mikroglia aktiv, die an Entzündungsprozessen beteiligt sind. Entsprechend ist die Langzeitpotenzierung, also die zelluläre Basis von Erinnerungen, in solchen Fällen gestört.

Bemerkenswerterweise ist es für diesen Effekt anscheinend nicht wichtig, ob ein Grippevirus Nervenzellen infiziert oder nicht: Nur einer der zwei ins Gehirn vorgedrungenen Subtypen verursachte die beobachteten Langzeitfolgen. Wie die Genanalyse zeigt, aktivierte die Infektion vor allem Gene, die im Zusammenhang mit Entzündungen und dem Immunsystem stehen. Das spricht dafür, dass die Wechselwirkung zwischen Viren und Immunsystem für die langfristigen Störungen im Gehirn bedeutender ist als direkte Angriffe der Viren auf Nervenzellen.

2/2018 (Juni/Juli)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 2/2018 (Juni/Juli)

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