Kuipergürtelobjekt: Hauchdünne Atmosphäre um einen Transneptun entdeckt

Im Bereich der Umlaufbahn des Zwergplaneten Pluto befindet sich eine Vielzahl weiterer Himmelskörper, welche die Sonne auf ähnlichen Orbits umrunden. Eines davon ist der etwa 550 Kilometer große Transneptun mit der sperrigen Katalogbezeichnung (612533) 2002 XV93 (kurz: 2002 XV93). Am 10. Januar 2024 zog dieser Himmelskörper von uns aus gesehen vor einem weit entfernten Stern im Hintergrund durch und bedeckte ihn dabei. Dabei verschwand das Sternlicht aber nicht wie üblich schlagartig; vielmehr schwächte sich das Sternlicht wenige Sekunden vor der Bedeckung ab. Der gleiche Vorgang wiederholte sich beim Wiedererscheinen: Der Stern wurde über mehrere Sekunden hinweg allmählich heller, bis er seine normale Helligkeit erreicht hatte. Diese Beobachtung deutet ein Forschungsteam um Ko Arimatsu vom National Astronomical Observatory of Japan als Beleg dafür, dass den Zwerglaneten eine äußerst dünne Atmosphäre umgibt, wie die Gruppe in der Fachzeitschrift »Nature Astronomy« im Mai 2026 berichtet.
Dies ist überraschend, denn eigentlich sollte 2002 XV93 zu klein und massearm sein, um überhaupt eine Atmosphäre halten zu können. Tatsächlich gibt es im Kuipergürtel wesentlich größere und massereichere Himmelskörper, die nicht die Spur einer Gashülle aufweisen. Allerdings wird der atmosphärische Druck auf 2002 XV93 nur auf etwa 100 bis 200 Nanobar geschätzt, das entspricht fünf bis zehn Millionstel des Luftdrucks auf der Erde. Der Luftdruck auf dem Zwergplaneten Pluto ist dagegen run 50- bis 100-mal so hoch. Vermutlich besteht die Atmosphäre von 2002 XV93 überwiegend aus Stickstoff mit Beimengungen von Methan und/oder Kohlenmonoxid, was der Gashülle von Pluto entspräche.
Die Gruppe um Arimatsu nimmt an, dass die Gashülle um das Kuipergürtelobjekt vielleicht nur vorübergehend existiert, weil es in der jüngeren Vergangenheit einen Einschlag eines kleineren Objekts gegeben haben könnte. Dabei wäre Material des Impaktors und der Oberfläche von 2002 XV93 herausgesprengt worden, darunter auch Stickstoff, der bei den dortigen Temperaturen um 40 bis 50 Kelvin (–230 bis –240 Grad Celsius) in gefrorener Form vorliegt. Ein spektakuläres Szenario wäre die Möglichkeit, dass es auf diesem Himmelskörper aktiven Eisvulkanismus gibt, der auch als Kryovulkanismus bezeichnet wird. Solche Aktivitäten wurden mit der Raumsonde Voyager 2 im August 1989 auf dem Neptunmond Triton im Vorbeiflug beobachtet. Allerdings ist Triton mit 2600 Kilometern Durchmesser gegenüber 2002 XV93 ein wahrer Riese.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.