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Eingeschleppte Arten: Eine Insel voller blutdurstiger Mäuse

Das Midway-Atoll im Pazifik könnte ein Paradies für Seevögel sein - wenn es dort keine Mäuseplage gäbe. Die Tiere haben sich eine neue Nahrungsquelle erschlossen: Blut.
Laysan-Albatros mit Blut am Kopf

Seit mindestens 75 Jahren leben Hausmäuse auf dem Midway-Atoll im Pazifik – zusammen mit einer der größten Albatroskolonien der Erde. Und lange wurden sie von Ökologen kaum beachtet, denn die Nager waren hier zwar eingeschleppt worden, doch richteten sie weit weniger Schaden an als die ebenfalls unerwünscht angesiedelten Hausratten. Diese gelten weltweit als eine der schlimmsten invasiven Arten, die schon zahlreiche andere Spezies auf Inseln ausgerottet haben. Deshalb wurden die Ratten bis 1996 auf Midway auch erfolgreich bekämpft und ausgelöscht. Die Mäuse hatte dagegen weiterhin kaum ein Biologe auf dem Schirm.

Das begann sich ab 2015 zu ändern. Denn seit dem Aussterben ihrer Verwandten konnten sich die Mäuse konkurrenzlos vermehren und ausbreiten: Als Allesfresser lebten sie gut von Samen, Aas und gelegentlichen Insekten oder anderer Nahrung. In besagtem Jahr beobachteten Wissenschaftler auf Midway, das zu den Hawaii-Inseln gehört, erstmals blutverschmierte Albatrosse – erwachsene Tiere ebenso wie Küken. Wiederum dachte niemand an Mäuse, stattdessen hatten die Forscher Eulen oder Greifvögel im Verdacht, die das Atoll während des Vogelzugs aufsuchten und dort jagten. Doch dazu passten die beobachteten Wunden nicht, wie Beth Flint vom US Fish and Wildlife Service (USFWS) in einem Video der Behörde erklärt. Deshalb bauten die Mitarbeiter in dem Naturschutzgebiet der US-Regierung Wärmebildkameras auf, die letztlich die richtigen Angreifer aufzeichneten.

Die Bilder zeigten für die Biologen erschreckende Szenen: Mäuse kletterten nachts auf die Rücken der großen Seevögel, wo diese sie nicht mehr mit dem Schnabel erreichen können, und bissen sie an, bis Blut zu fließen begann. Die Tiere wurden bei lebendigem Leib angefressen. Seitdem hat sich dieses Verhalten invasionsartig über das Atoll ausgebreitet, so der USFWS in einer Mitteilung. Mindestens 1000 Albatrosse sollen dadurch bereits verendet sein, zahlreiche weitere wurden verletzt oder haben ihre Nester aufgegeben. Da sich Albatrosse nur langsam fortpflanzen und alle zwei Jahre nur ein einziges Küken großziehen, können schon kleinere Verluste langfristig den Bestand schwer schädigen.

© U.S. Fish and Wildlife Service
Blutdurstige Mäuse

Warum die Mäuse nach langen Jahren der mehr oder weniger friedlichen Koexistenz plötzlich blutdurstig wurden, wissen die Fachleute noch nicht. Laut der »Washington Post« vermuten sie, dass dies mit einer schweren Dürre zusammenhängt, die 2015 die Insel heimsuchte. Auf Midway gibt es kaum Süßwasser, so dass die Mäuse nach trinkbaren Alternativen suchten und dabei auf den Geschmack von Blut kamen. Anschließend könnte sich dieses Verhalten durch Lerneffekte rasend schnell ausgebreitet haben.

Es ist nicht das erste Mal, dass dies bei Mäusen beobachtet wurde. Auf der britischen Insel Gough im Atlantik ernähren sich Nager während Notzeiten schon sehr lange vom Blut großer Seevögel, die teilweise lebendig aufgefressen werden. Die Tiere dort unterscheiden sich bereits deutlich von ihren Verwandten auf dem Festland und wurden im Laufe der Zeit größer und schwerer. Ihr Hunger gilt bei einigen seltenen Arten bereits als bestandsbedrohend, weshalb die Mäuse bald auf Gough ausgerottet werden sollen.

Auch auf Midway droht den Nagern nun dieses Schicksal. Das Atoll beherbergt 40 Prozent aller Schwarzfuß- und 70 Prozent der brütenden Laysan-Albatrosse weltweit. Zudem beginnen sich die vom Aussterben bedrohten Kurzschwanz-Albatrosse auf Midway neu anzusiedeln – das Reservat hat also globale Bedeutung. Dazu sollen Giftköder am Ende der Trockenzeit auf Midway ausgebracht werden, wenn die Mäuse am hungrigsten und gleichzeitig am wenigsten Vögel auf der Insel sind, die potenziell diese Köder fressen könnten.

14/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 14/2018

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