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Artensterben: »Wir brauchen ein Ziel wie die Zwei-Grad-Marke im Klimaschutz«

Wenn nur 20 Arten pro Jahr verschwänden, wäre viel gewonnen, sagt der Biodiversitätsforscher Mark Rounsevell im Interview. Die neue Messzahl will er nun zum globalen Ziel erklären.
Ein Schwärmer wird präpariert

Vor zehn Jahren hat sich die Weltgemeinschaft bei der internationalen UN-Artenschutzkonferenz von Nagoya insgesamt 20 Ziele gesteckt, um dem ungebremsten Artensterben auf der Welt Einhalt zu gebieten. Diese »Aichi-Ziele« enthielten den Plan zur Rettung der Biodiversität. Im August 2020 kam der »Global Biodiversity Outlook 5« zu einem ernüchternden Ergebnis: Kein einziges der 20 Aichi-Ziele hat die Weltgemeinschaft zufrieden stellend erreicht. Weltweit verschwinden fast unvermindert Tier- und Pflanzenarten. Weil ihr Lebensraum für die wirtschaftliche Entwicklung zerstört wird, weil sie an Umweltverschmutzung zu Grunde gehen oder weil der Mensch ihre Bestände übermäßig ausbeutet.

Eine Forschergruppe um den Umweltwissenschaftler Mark Rounsevell vom Karlsruher Institut für Technologie schlägt nun ein griffiges, leicht vermittelbares Ziel vor, um den Artenschutz voranzutreiben. Im Interview erklärt er, wie das den Verlust der Artenvielfalt zumindest bremsen soll.

Um den Artenschutz in Schwung zu bringen, haben Sie ein neues Ziel vorgeschlagen: Maximal 20 Arten sollen in den nächsten 100 Jahren pro Jahr aussterben dürfen, über alle Pilze, Pflanzen, Wirbellose und Wirbeltiere hinweg. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Wir wurden von der EU-Kommission aufgefordert, eine Lösung vorzuschlagen. Politische Entscheidungsträger brauchen auch im Artenschutz ein klares und messbares Ziel, mit dem sich Strategien entwickeln lassen. Ähnlich der 2-Grad-Marke in der Klimapolitik. Tatsächlich fehlt uns eine solche Messgröße in der Biodiversitätskrise bisher. Wir haben uns dann für eine Aussterbemaßzahl entschieden. Stirbt eine Tier- oder Pflanzenart aus, ist der Verlust irreversibel, die Art kehrt nicht zurück. Das verstehen Menschen, das berührt sie. Es gibt hunderte komplexe Indikatoren, die den Verlust der biologischen Vielfalt beschreiben, aber wir müssen das Geschehen auf verständliche Weise kommunizieren.

Mark Rounsevell | ist Professor für Landnutzungsänderung am Institut für Geographie und Geoökologie des Karlsruher Instituts für Technologie.

Und wie kamen Sie auf 20 Arten?

Die aktuellen Aussterberaten liegen deutlich über den als natürlich angesehenen Aussterberaten, und die geschätzten zukünftigen Aussterberaten sind noch viel höher. Mit den maximal 20 Ausrottungen pro Jahr haben wir ein Ziel gewählt, das die Aussterberate verlangsamt und stabil hält, so dass wir die biologische Vielfalt ins nächste Jahrhundert retten. Die 20 Arten sind jedoch nur die halbe Wahrheit. Das langfristige Ziel sollte sein, die Aussterberate wieder auf das so genannte Hintergrundniveau zu drücken, also die natürliche Aussterberate. Aber da wir in einer vom Menschen dominierten Welt leben, wird es die nächsten 100 Jahre wahrscheinlich nicht möglich sein, dieses Hintergrundniveau zu erreichen.

»Sicher ist nur: Es verschwinden Arten, und das in einem sehr hohen Tempo«
(Mark Rounsevell)

Die 20 Arten liegen also über der natürlichen Aussterberate?

Ja, schätzungsweise zehnmal höher. Über den genauen Wert kann man sich streiten, denn es gibt viele Unsicherheiten, wir wissen ja auch nicht, wie viele Arten überhaupt existieren.

Gibt es denn einigermaßen verlässliche Schätzungen?

Ja, die beste Schätzung geht von neun bis zehn Millionen Arten aus. Die von uns vorgeschlagenen 20 Arten, die pro Jahr maximal aussterben dürfen, beziehen sich allerdings auf die knapp zwei Millionen wissenschaftlich beschriebenen und bekannten Arten. Vielen mag der Wert ziemlich hoch erscheinen, in Wahrheit verlieren wir aber sehr viel mehr Arten.

Häufig ist zu lesen, dass täglich 150 Arten aussterben. Ist das realistisch?

Es ist unmöglich, eine exakte Zahl zu nennen. Oft wissen wir auch nicht genau, ob eine Art wirklich ausgestorben ist oder nicht. Manchmal wird eine Art erst nach Jahren wieder gesichtet. Es ist einfach unmöglich, fast zwei Millionen beschriebene Arten konstant zu beobachten. Sicher ist nur: Es verschwinden Arten, und das in einem sehr hohen Tempo.

Warum ist es denn so wichtig, die Artenvielfalt zu schützen? Was ist so schlimm daran, wenn zum Beispiel die Wenigblütige Gänsekresse ausstirbt?

Die biologische Vielfalt erhält uns am Leben. Pflanzen produzieren die Luft, die wir atmen, Ökosysteme reinigen das Wasser, das wir trinken, und sie regulieren das Klima. Ohne diese Vielfalt, ohne die Ressourcen, die sie liefert, haben wir keine Lebensgrundlage auf diesem Planeten. Der Verlust der Wenigblütigen Gänsekresse mag tolerierbar erscheinen – es ist aber eine Art, die sich über Millionen Jahre geformt und entwickelt hat und damit einzigartig ist. In ihrem Ökosystem spielt sie eine Rolle, auch wenn diese Rolle in unseren Augen noch so klein erscheint. Verliert ein Ökosystem zu viele Arten, funktioniert es irgendwann womöglich nicht mehr richtig.

Was muss konkret getan werden, um das Artensterben zu stoppen?

Auf politischer Ebene brauchen wir verbindlichere Ziele und Maßnahmen. Schaut man sich den Green Deal der EU an, fällt auf, dass er nicht so grün ist. Zum Beispiel hat sich die EU verpflichtet, nur Soja zu importieren, das keine Entwaldung verursacht. Allerdings ist lediglich bei 20 Prozent der Sojaimporte die Herkunft bekannt. Woher die übrigen 80 Prozent stammen, ist unbekannt, ergo könnte dort auch Wald für die Sojaproduktion gerodet worden sein. Wir müssen den Handel weltweit strenger regulieren und brauchen eine Verschärfung des Rechtsrahmens.

»Schaut man sich den Green Deal der EU an, fällt auf, dass er nicht so grün ist«
(Mark Rounsevell)

Außerdem müssen Industrieländer erkennen, dass sie mitverantwortlich sind für den Schutz der Biodiversität in den Entwicklungsländern. Die Industrieländer haben ihre Biodiversität bereits weitgehend vernichtet, nun sollten sie für den Erhalt der auch heute noch sehr reichen Vielfalt in den Entwicklungsländern mitbezahlen. Und zu guter Letzt dürfen wir uns nicht ausschließlich auf die Politik verlassen, um das Problem zu lösen.

Was können einzelne Personen denn für die Artenvielfalt tun? Weniger Fleisch essen?

Weniger Fleisch zu essen, ist deswegen eine gute Idee, weil es den Druck auf die Landnutzung verringert und das den größten Einfluss auf die biologische Vielfalt hat. Es gibt allerdings auch Flächen, auf denen Weidetiere Vorteile für die biologische Vielfalt haben. Wir sollten unsere Konsumgewohnheiten grundsätzlich überprüfen. Wie viele T-Shirts braucht eine Person? Was essen wir, welche Holzprodukte nutzen wir, aus welchen Materialien besteht unsere Kleidung? Woher stammen diese Produkte? Die Politik kann dabei helfen, indem die Kennzeichnung verbessert wird.

Wagen Sie einen Blick in die Zukunft: Werden wir es schaffen, das Artensterben zu stoppen oder wenigstens zu begrenzen?

Ich bin von Natur aus optimistisch. Auch wenn es momentan zugegebenermaßen ein wenig schwerfällt. Ich stelle aber schon fest, dass sich die Einstellung der Entscheidungsträger ändert und es ernsthafte Bemühungen gibt, den Artenschwund zu stoppen. Letztlich müssen wir als Menschheit verstehen, dass wir von der Biodiversität abhängig sind und wir Arten nicht nur aus moralischen Gründen und um ihrer selbst willen schützen müssen, sondern auch für unser Wohlergehen und unsere wirtschaftliche Entwicklung. Wenn diese Botschaft ankommt, haben wir die Chance, den Klimawandel und den Verlust der biologischen Vielfalt umzukehren.

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