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Megafauna: Eine Nase wie keine andere

In Ostafrika lebte noch vor wenigen tausend Jahren eine bizarre Antilope: Ihre Nase glich keinem anderen Säugetier - sondern erinnert an Entenschnabeldinosaurier.
Rusingoryx-Antilope aus OstafrikaLaden...

Die großen Tierherden Ostafrikas gelten heute zu Recht als Naturwunder – und doch verlor die Megafauna der Region zum Ende der letzten Eiszeit viele Arten, weil sie Klimaveränderungen und Überjagung durch die sich ausbreitenden modernen Menschen nicht verkraftete: Das gilt beispielsweise für Rusingoryx atopocranion, eine den Gnus ähnelnde Art, von der Paläontologen auf der kenianischen Rusinga Island im Victoriasee zahlreiche Knochen ausgruben. Die Tiere waren vor etwa 18 000 Jahren abgeschlachtet worden, denn neben den Skeletten entdeckten die Forscher auch Steinwerkzeuge und Spuren der Bearbeitung. Intakte Schädel der Tiere fehlten jedoch lange, so dass unklar blieb, wie sie letztlich aussahen. Erst Haley O'Brien von der Ohio University in Athens und ihren Kollegen gelang es in der Region, weitgehend vollständige Schädelknochen aufzuspüren, deren Anatomie das Team überraschte: Die Nasen von Rusingoryx waren völlig anders aufgebaut als die aller anderen heute noch lebenden Säugetiere. Stattdessen gleichen sie vielmehr den bizarren Nasenkämmen der vor 70 Millionen Jahren ausgestorbenen Hadrosaurier, die auch Entenschnabeldinosaurier genannt werden.

Wie bei den nicht näher verwandten Urzeittieren reichte bei der Antilope eine lange, schmale Erhebung von der Schnauze bis zur Stirn. "Ein derartiger Nasenkamm ist für uns bekannte Säugetiere eine völlig neue Erscheinung", so O'Brien – eine besondere Form der konvergenten Evolution, bei der unterschiedliche Arten auf Grund ähnlicher Umweltbedingungen unabhängig voneinander gleiche Verhaltensweisen oder anatomische Parallelen entwickeln. Um die Nasenstruktur weiter zu analysieren, schoben O'Brien und Co die Schädel in einen Computertomografen, wo sie die nächste Überraschung erlebten. Denn der Kamm war kein solider Knochen, sondern beherbergte mehrere große Luftkammern. Sie dienten jedoch nicht der Atmung oder zum Regulieren der Körpertemperatur, wie dies bei anderen Säugetieren der Fall ist. Und auch als eine Art Schutzschild oder Waffe bei Konkurrenzkämpfen schied die Struktur aus, weil sie dafür zu dünnwandig war.

Stattdessen half der Knochenkamm wohl bei der Kommunikation: Wenn die Tiere grunzten oder brummten, schwang wahrscheinlich die Luft in den Kammern mit und verstärkten dadurch den Schall, gleichzeitig wurde dadurch die Tonhöhe einiger Rufe stark abgesenkt – auf Frequenzen zwischen rund 250 und 750 Hertz, wie Computersimulationen zeigten. Ähnlich wie Elefanten heute hat Rusingoryx atopocranion also womöglich im Infraschallbereich kommuniziert und damit wohl das Risiko verringert, dass Raubtiere durch diese Lautäußerungen angelockt werden.

Warum Rusingoryx atopocranion letztlich ausstarb, ist noch unbekannt: Die Funde auf Rusinga Island belegen, dass sie stark gejagt wurden. Allerdings lebte die Art nicht nur auf dem Eiland, sondern auch am Ufer des Sees, denn die kompletten Schädel stammten aus einer dort befindlichen Ausgrabungsstätte namens Bovid Hill. Das Gebiss der Art deutet an, dass sie ein Nahrungsspezialist war, weswegen sie zusätzlich auch durch ökologische Veränderungen am Ende der letzten Eiszeit gefährdet war. Die besondere Form der Zähne sorgte auf der anderen Seite zudem dafür, dass sich Unterkiefer und Backenknochen während der Evolution weiterentwickelten. Diese Anpassungen ermöglichten letztlich wohl sogar den Nasenkamm, folgern die Forscher.

06/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 06/2016

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