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Pathologisches Horten: Eine Tierliebe, die Tiere leiden lässt

Ein Zimmer mit verwahrlosten, kranken Tieren: Dieser Anblick bietet sich den Behörden, wenn sie auf einen Fall von »pathologischem Tierhorten« stoßen. Obwohl sich die Halter als tierliebend bezeichnen würden, erkennen sie nicht, dass sie ihren Schützlingen Leid zufügen. Wie kann das sein?
Hunde in einem Hof, im Vordergrund liegt ein trauriger Hund mit HalstuchLaden...

113 Pudel aus Reihenhaus befreit, 2000 Wellensittiche in Mietwohnung gehalten – immer wieder dringen Fälle an die Öffentlichkeit, in denen falsch verstandene Tierliebe in Quälerei endete. Im Mai 2018 ereignete sich in Baden-Württemberg einer der landesweit größten Fälle dieser Art. Mit einem Durchsuchungsbeschluss und unter Polizeibegleitung betraten die Mitarbeiter des Veterinäramts in Rottweil ein Wohnhaus und beschlagnahmten Schafe, Ziegen und mehr als 100 Katzen, die dort unter katastrophalen hygienischen Bedingungen hausten. Ein paar Tiere starben anschließend im Tierheim.

Pathologisches Horten von Tieren (englisch: animal hoarding) heißt es in der Fachsprache, wenn Menschen eine Menge Tiere in desolaten Verhältnissen halten, sprich: auf viel zu engem Raum, mit zu wenig Futter, unter unhygienischen Bedingungen und ohne ärztliche Betreuung. Zum Krankheitsbild gehört, dass die Tierhalter keinerlei Einsicht zeigen, nicht einmal dann, wenn sie mit den Folgen ihres Handelns konfrontiert werden. Bei der Beschlagnahmung der Tiere treffen Tierärzte und Polizisten deshalb oft auf verwahrloste, kranke, manchmal sogar tote Tiere.

Rund jedes zweite Veterinäramt gibt an, schon einmal mit auffälliger Tierhaltung konfrontiert gewesen zu sein, berichtet die Veterinärmedizinerin Tina Sperlin mit Kollegen 2012 im »Deutschen Tierärzteblatt«. Für ihre Doktorarbeit hatte sie Fragebogen an alle deutschen Veterinärämter verschickt; zwei Drittel antworteten. Alarmiert werden die Ämter laut ihrer Umfrage in fast 40 Prozent der Fälle von Nachbarn, die sich von Lärm und Gestank belästigt fühlen. In 15 Prozent der Fälle gehen die Hinweise anonym ein.  

Die Kommunen kosten die amtlichen Maßnahmen jedes Jahr hohe Summen, deren genaue Höhe laut Sperlin schwierig zu beziffern ist: für den Einsatz von Polizei, Feuerwehr, Schlüsseldienst, Tierarzt, Unterbringung und Verwaltung. Die Kosten beliefen sich in der Summe über 284 Fälle auf insgesamt 2,5 Millionen Euro, pro Fall also im Schnitt knapp 9000 Euro.

Eine eigene Diagnosekategorie gibt es nicht

Warum Menschen mehr Tiere halten, als für diese gut ist, und was die Not für alle Beteiligten lindert: Zu diesen Fragen steht die Forschung noch am Anfang. Die Schwierigkeiten beginnen bereits bei der Diagnose. Viele Forscher sehen Parallelen zwischen dem exzessiven Horten von Tieren und dem Horten von Gegenständen, auch Messie-Syndrom genannt. Lange wurden beide Störungen im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) – einem gebräuchlichen Forschungsmanual für psychische Störungen – als Zwangsstörungen betrachtet und nicht gesondert beschrieben.

Doch es bestanden Zweifel, ob sie in diese Kategorie passen, denn Horter vernachlässigen ihre Besitztümer, während Menschen mit Zwangsstörungen sie eher mit übertriebener Sorge pflegen. Zudem wirken Medikamente, die sich bei Zwängen als wirksam erwiesen, bei exzessiven Hortern offenbar kaum. Deshalb klassifizierten die Forscher das pathologische Horten im Jahr 2013 als eigene Störung, mit dem Horten von Tieren als Subtyp. Forschende unter anderem aus Brasilien sprechen sich jedoch dafür aus, das zwanghafte Horten von Tieren als eigene Kategorie zu betrachten, da sich die Motive und möglichen Behandlungsansätze stark von denen der Objekthorter unterscheiden. In einer Überblicksstudie aus dem Jahr 2019 schätzt ein britisch-schwedisches Forscherteam, dass rund 2,5 Prozent der Bevölkerung von einer der beiden Störungen betroffen sind.

Die »Crazy Cat Lady«: Mehr als nur ein Klischee?

Worin genau sie sich unterscheiden, erkundeten die brasilianischen Psychologinnen Elisa Arrienti Ferreira und Tatiana Quarti Irigaray von der katholischen Privatuniversität in Porto Alegre in persönlichen Gesprächen mit 33 Tierhortern, die insgesamt 1357 Tiere hielten, davon ein Großteil Hunde und Katzen. Wie die Forscherinnen im Fachmagazin »Psychiatry Research« 2017 berichten, verfügten drei Viertel der Betroffenen nur über ein geringes Einkommen; knapp 90 Prozent waren nicht verheiratet. Die Befunde deckten sich weitgehend mit denen von Studien über Objekthorter, allerdings waren unter diesen etwa gleich viele Männer und Frauen, unter den Tierhortern hingegen knapp drei Viertel weiblich. Die »Crazy Cat Lady« wäre demnach mehr als nur ein Klischee.

In Interviews fand Ferreira außerdem heraus, dass das Tierhorten seinen Ursprung oft in einer Lebenskrise hatte, zum Beispiel nach dem Tod eines Kindes oder dem Verlust des Arbeitsplatzes. Auch darin unterschieden sich die typischen Biografien. Ferreira geht deshalb davon aus, dass die Tier- und Objekthorter von verschiedenen Motiven angetrieben sind.

»Tiere missbrauchen einen nicht, und sie nutzen einen auch nicht aus. Das macht sie gerade für Menschen, die emotional traumatisiert sind, zu sicheren und vertrauenswürdigen Beziehungspartnern«
(Kirsten von Sydow, Bindungsforscherin und psychologische Psychotherapeutin)

Der US-Epidemiologe Gary Patronek sieht das ähnlich. Er befasst sich mit dem Phänomen seit den späten 1980er Jahren, gründete dazu an der Tufts University eine interdisziplinäre Forschungsgruppe. Patronek beobachtete, dass dem pathologischen Horten häufig der Verlust einer stabilisierenden Beziehung und schwere gesundheitliche Probleme vorausgingen. Er glaubt, dass das Halten der Tiere für die Betroffenen identitätsstiftend ist und ihnen Selbstbewusstsein und ein Gefühl von Kontrolle vermittelt. Andere Menschen hätten sie als wenig vertrauenswürdig erlebt. Tiere hingegen bieten ihnen Nähe, Akzeptanz und Sicherheit; im Gegensatz zu Menschen kritisieren sie niemanden, äußern sich nicht abwertend und erteilen keine unliebsamen Ratschläge.

Für Kirsten von Sydow klingt das plausibel. Die Hamburger Psychotherapeutin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Bindungsstörungen in Beziehungen und weiß um das heilsame Potenzial von Tieren. »Tiere missbrauchen einen nicht, und sie nutzen einen auch nicht aus. Das macht sie gerade für Menschen, die emotional traumatisiert sind, zu sicheren und vertrauenswürdigen Beziehungspartnern«, sagt sie.

Gleichzeitig blenden Tierhorter den elenden Zustand ihrer Schützlinge aus. Sie ignorieren, verharmlosen oder verleugnen die desolaten Verhältnisse selbst dann noch, wenn die Tiere hungern, erkranken oder sogar sterben. Laut Patronek könnte die fehlende Einsicht in traumatischen Erfahrungen gründen: Wenn Kinder von ihren Bezugspersonen missbraucht oder misshandelt werden, ist das für sie so unerträglich, dass viele von ihnen dieses Erleben aus dem Bewusstsein verdrängen - sie »dissoziieren«. Mit den Dissoziationen verlieren sie womöglich auch die Fähigkeit, die Qual der Tiere zu erkennen, so die Theorie. Patronek hält es für plausibel, dass die Betroffenen die schreckliche Realität nicht in ihrem ganzen Ausmaß wahrnehmen und deshalb keine Einsicht zeigen.

Tina Sperlin empfiehlt deshalb, Verständnis für Animal Hoarder aufzubringen und keinen Druck auf sie auszuüben. Den Erfahrungen der Amtsärzte zufolge falle es den Betroffenen leichter, die Auflagen umzusetzen, wenn ihnen geholfen werde, eine realistische Selbsteinschätzung zu erlangen. Als wirksam habe sich dabei das Prinzip der »zugewandten Konsequenz« erwiesen. Es zeigt Betroffenen die Konsequenzen ihres Verhaltens auf, etwa drohende Bußgelder. Aber für den Fall einer Verhaltensveränderung stellt es auch etwas Gutes in Aussicht: die Lieblingstiere behalten zu dürfen.

Wenn Tierhorter vor Gericht landen, wird ihnen mitunter die weitere Tierhaltung verboten. Bislang erweisen sich solche Verbote jedoch als wenig nachhaltig, weil sie zum einen zeitlich befristet sind und zum anderen die Gefahr besteht, dass sich das Horten auf eine andere Tierart verlagert. Helfen würden nur regelmäßige Kontrollen, berichten die Rottweiler Amtsveterinäre. Dafür fehle es zwar an Zeit, Personal und auch an Erfahrung. Dennoch führe kein Weg daran vorbei. Mit vernetzten Behörden und raschen Entscheidungen bei Gericht wäre viel gewonnen – und das Leid der Tiere hätte ein schnelleres Ende.

6/2019 (November/Dezember)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 6/2019 (November/Dezember)

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