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Zukunft der Stadt: Einfach meer Platz

Immer mehr wertvolles Land fällt schon heute dem Flächenhunger der Städte zum Opfer, mit schwer wiegenden Folgen für Bewohner und Umwelt. Angesichts des Bevölkerungswachstums und des anhaltenden Stroms von Menschen in die Metropolen sowie der Herausforderungen durch den Klimawandel suchen Architekten daher neue Baugebiete - auf dem Meer.
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Wohin mit den Menschen, wenn das Wasser kommt? Steigende Meeresspiegel stellen viele Küstennationen regelrecht vor die Existenzfrage, drohen doch ausgerechnet ihren besonders dicht besiedelten Regionen vermehrt katastrophale Überschwemmungen – die einstmals günstige Lage am Meer könnte ihnen in Zukunft zum Verhängnis werden.

Und wohin mit den Menschen, wenn einfach kein Land mehr da ist? Inselnationen wie Japan stehen selbst ohne das Problem steigender Meeresspiegel vor der Frage, in welche Lebensräume sie noch angesichts Flächenmangels für ihre Bewohner ausweichen könnten. Für Architekten eine spannende Herausforderung, bieten ihnen neue Technologien doch eine wahre Spielwiese zur Eroberung bislang ungenutzter Räume.

Kopf über Wasser

Den meisten Platz bietet ganz offensichtlich das Meer – bedeckt es doch über 70 Prozent der Erdoberfläche. Schon lange versucht der Mensch daher, ihm Fläche abzutrotzen, mit mehr oder weniger Erfolg. Statt auf den ständigen Kampf gegen die Elemente setzen die Planer inzwischen eher auf ein Miteinander: indem sie schlicht das Hausbootprinzip auf Metropolenmaßstäbe erweitern. Denn wer schwimmt, wird nicht überschwemmt.

Einige Erfahrung mit schwimmenden Siedlungen gibt es in den Niederlanden. Seit 2004 stehen an einem Seitenarm der Maas Amphibienhäuser, denen ein hohler Betonkeller genug Auftrieb verleiht, um bei Flut mit dem Pegel aufzusteigen. Verankert sind die Bauten an Stahlpfählen, die eine Auf- und Abbewegung von etwa fünf Metern zulassen. Für Koen Olthuis, einem führenden Architekten im feuchten Milieu, ist so etwas nur der Anfang: Er plant und verwirklicht bereits ganze Städte im Einklang mit dem Wasser, so zum Beispiel in dem Projekt "Het Nieuwe Water" (das neue Wasser), wo im Bereich eines ehemaligen gefluteten Polders eine ganze Siedlung mit 1200 Wohnhäusern und der nötigen Infrastruktur entsteht.

Doch Olthuis' Expertise bringt ihm auch Aufträge aus einer ganz anderen Region der Welt ein, die gern auf Wasser baut: Dubai. Die Zukunft der dortigen äußerst kostspieligen Prestigeprojekte – künstlicher Inseln in Palmenform oder auch mit Kontinentalumrissen – ist allerdings durch die weltweite Finanzkrise momentan weit gehend offen.

Während Dubai dank geringer Meerestiefe seine künstlichen Inseln aufschütten kann, setzen die Malediven offenbar ebenfalls auf Schwimmen – und wieder holländisches Knowhow rundum Koen Olthuis. Seine Entwürfe zeigen sternförmige Inselkörper, die auf gestuften Ebenen Raum für Wohnen und sonstige Infrastruktur bieten, während sich auf den grünen Dächern Parkanlagen oder Golfplätze finden. Erholung scheint überhaupt großgeschrieben zu werden: Auch Strände und Binnenseen fehlen nicht.

Wie eine Wasserlilie

Einen Schritt weiter geht die japanische Shimizu Corporation. Deren Designer träumen von einer "pflanzlichen" Stadt, die sich im Einklang mit der Natur befindet – Green Float. "Wie eine Wasserlilie" äquatornah im Pazifik schwimmend, soll diese neue Heimat kohlenstoffneutral, sogar Kohlenstoff speichernd sein, indem kurze Wege für wenig Verkehr sorgen, die geografische Lage Heizung überflüssig macht ebenso wie alternative Energiequellen den Verbrauch von fossilen Brennstoffen. Nebenbei wollen sie den im Meer treibenden Müll zur Energiegewinnung und sonstigen Weiterverwertungen nutzen sowie den eigenen Abfall konsequent recyceln.

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Green Float | Wie eine Seelilie soll "Green Float" auf dem Wasser schwimmen und Platz für 40 000 Menschen bieten.
Abgesehen von den "Küstenregionen", in denen etwa 10 000 Menschen ein Zuhause finden sollen, ist Leben und Arbeiten auf 700 bis 1000 Metern über dem Meeresspiegel geplant – mit Raum für weitere 30 000 Bewohner. Alle nötigen Einrichtungen seien innerhalb eines Radius von 500 Metern und damit zu Fuß erreichbar, so die Vorstellung. Wälder, Wiesen, Felder, Gewässer sollen auf den Inselkörpern ein ähnliches Umfeld wie an Land schaffen und Selbstversorgung ermöglichen, unterstützt durch das reiche Angebot des Meeres.

Basis der Konstruktion ist eine 50 Meter hohe Plattform aus überwiegend mit Wasser gefüllten, wabenförmigen Tonnen, das seitliche Kentern der Anlage mit drei Kilometer Durchmesser sollen Vibrationsdämpfer und ausgedehnte Membranstrukturen verhindern. Und um Massenbewegungen von Mensch und Material beim Bau des zentralen Turms zu verhindern, soll dieser unter Wasser entstehen, Stockwerk für Stockwerk, und erst zum Schluss nach oben gehievt werden.

Abgetaucht

Für den malaysischen Architekten und Designer Sarly Adre bin Sarkum liegt die Zukunft der Wolkenkratzer dagegen unter Wasser. Auch er will Wellen, Wind und Sonne nutzen, um Energie für seinen "Water Scraper" zu gewinnen, und den aufgetauchten Teil der Plattform für einen kleinen Wald sowie Landwirtschaft reservieren. Gelebt und gearbeitet wird hier jedoch in der Tiefe. Stabilisiert wird die Konstruktion durch Ballasttanks sowie durch tentakelartige Anhänge, die durch ihre Bewegungen ebenfalls Energie erzeugen. Sein Entwurf erhielt eine Auszeichnung im Wolkenkratzer-Wettbewerb der Architekturzeitschrift "eVolo". Zu den psychischen Folgen eines Lebens unter dem Meer schweigt der Urheber allerdings.

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Water Scraper | Ein Wolkenkratzer unter Wasser – so sieht der malaysische Architekt die Zukunft städtischen Wohnens.
Abtauchen möchte auch Arup Biomimetics. Für die im Sommer stattfindende internationale Architektur-Biennale in Venedig entwarfen die australischen Designer mit "Syph" eine Unterwasserstadt, die im australischen Pavillon als eine mögliche Zukunftsvision für einen übervölkerten oder aus anderen Gründen nicht mehr bewohnbaren fünften Kontinent präsentiert wird. Anders als die bislang genannten Konzepte besteht Syph nicht aus einer zusammenhängenden Struktur, sondern aus lauter Einzelelementen, die jeweils Spezialaufgaben wie Energiegewinnung, Nahrungsproduktion oder Wohnflächen erfüllen. Erst im Zusammenspiel dieser einzelnen "Organismen" entsteht die Stadt.

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Unterwasserstadt "Syph" | Kein zusammenhängendes Gebilde, sondern ein Miteinander von spezialisierten Einzeleinheiten: So sehen die Designer von Arup Biomimetics die Zukunft australischer urbaner Zentren.
Soziale Utopien inklusive

Weniger die bauliche Umsetzung als vielmehr das soziale Miteinander beschäftigt das Seasteading Institute. Diese Nichtregierungsorganisation, deren wichtigster Geldgeber PayPal-Mitbegründer Peter Thiel ist, sieht die Gesellschaft der Zukunft eher wie eine Art Web 2.0 : zusammengesetzt aus "vielen kleinen Regierungen, die viele Nischenmärkte bedienen, ein dynamisches System, in dem kleine Gruppen experimentieren und jeder nachmacht, was funktioniert, verwirft, was sich nicht bewährt, sowie die verbleibenden Ideen neu mischt und wieder ausprobiert".

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Seasteading | Wo lassen sich noch soziale Utopien verwirklichen? Auf dem Meer. Die baulichen Ideen sind aber vielleicht noch überarbeitungswürdig.
Und warum ein solches Utopia auf dem Ozean? Weil die Welt eine neue Grenze zum Überschreiten brauche, neue Gebiete, in denen Raum zum Experimentieren sei. Das Land sei ja bereits vollständig verteilt und biete daher keine Gelegenheit mehr, alternative Ideen in politischen und sozialen Systemen umzusetzen.

2008 gegründet, betreibt das Institut eine intensive Medien- und Öffentlichkeitsarbeit und ist ganz im Sinn der eigenen Vorstellungen gut via LinkedIn, Facebook oder Twitter vernetzt. Wann der Umzug der Sozialpioniere aufs Meer stattfinden soll und wie die neue Heimat dort gestaltet sein wird, ist allerdings noch völlig offen – das räumen selbst die Verantwortlichen ein. Ein von ihnen als höchst spekulativ bezeichneter Zeitplan spricht von mindestens 100 000 permanenten Seasteadern in 25 Jahren sowie mindestens einer Stadt von 20 000 Einwohnern auf dem Ozean, in 100 Jahren sollen es dann 500 Millionen sein.

Hinsichtlich ihrer baulichen Vorstellungen dürfte sich dann allerdings doch der Kontakt in die reale Architektenwelt lohnen – deren Entwürfe könnten den innovativen Charakter des neuen Miteinanders sicherlich noch besser unterstützen. Denn Leben auf und unter dem Meer, bei Jules Verne noch pure Sciencefiction, liegt heute näher als wohl von manchen gedacht.
22. KW. 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 22. KW. 2010

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