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News: Einmal quer über den Atlantik

Heute gibt es nur noch ganz vereinzelt Störe im Ostseeraum. Im Mittelalter war das anders: Da bekam die verbreitete einheimische Art offenbar sogar Besuch von ihren nordamerikanischen Verwandten, die sich hartnäckig einnisteten.
Er wird im Durchschnitt zwei bis drei Meter lang, bis zu hundert Kilogramm schwer und einige Jahrzehnte alt: unser größter einheimischer Süßwasserfisch, der Gemeine oder Atlantische Stör (Acipenser sturio). Sein Leben verbringt er überwiegend im Meer oder Brackwasser, doch zum Laichen steigt er in die Flüsse auf, in denen der Nachwuchs dann auch seine ersten Jahre verlebt.

Sie bieten einen stattlichen Anblick, jene Fische, den allerdings heute kaum noch jemand genießen darf. Denn seit Anfang des letzten Jahrhunderts gilt die Art, die einst alle großen Flüsse und die angrenzenden Küstengebiete Europas besiedelte, als verschollen beziehungsweise sogar ausgestorben – Überfischung, Gewässerverschmutzung und Flussverbau haben ihren Tribut gefordert. Nur in der südfranzösichen Gironde leben noch einige kleine und stark gefährdete Lebensgemeinschaften, und gelegentlich werden Einzelfänge aus anderen Gebieten gemeldet.

Jenseits des Atlantik, vom Golf von Mexiko bis hinauf nach Quebec, lebt der nordamerikanische Bruder unseres Störs: Acipenser oxyrhynchus. Die Wege der beiden haben sich wahrscheinlich vor 15 bis 20 Millionen Jahren getrennt, als sich im Tertiär das Weltmeer der Tethys schloss und dadurch die jetzt herrschenden Strömungsverhältnisse im Atlantik bildeten. Seitdem dürften sich die beiden Arten wohl nicht mehr begegnet sein, so die allgemeine Ansicht.

Allerdings sind Arne Ludwig vom Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin und seine Kollegen nun auf einen Verwandtenbesuch gestoßen, der dieses Bild umstoßen könnte. Die Forscher untersuchten das Erbgut von heutigen Vertretern der beiden Arten aus verschiedenen Populationen sowie von Jahrhunderte alten Museumsexemplaren. Anhand von zwei DNA-Sequenzen – eine aus dem Zellkern, die andere aus den Mitochondrien – verglichen die Forscher die genetische Ausstattung der Störspezies.

Und siehe da, zur großen Überraschung zeigten zehn der früheren Zeitgenossen eindeutig Hinweise auf eine amerikanische Abstammung – obwohl sie damals in Europa lebten. Als die Wissenschaftler daraufhin die Fische noch einmal genauer unter die Lupe nahmen, stellten sie tatsächlich auch eine größere morphologische Ähnlichkeit mit A. oxyrhynchus fest. So sprachen die Knochenplatten der Tiere eindeutig für Ahnen jenseits des Atlantik.

Mithilfe einer molekularen Uhr schätzten Ludwig und seine Kollegen, dass ein einziger Verwandtenbesuch innerhalb der letzten 1910 Jahre stattgefunden haben müsste. Die Überreste von Knochenplatten verschiedener archäologischer Fundstätten ermöglichten jedoch, den Ablauf noch etwas genauer zu datieren. So wanderte der Gemeine Stör (A. sturio) erst im Holozän, vor etwa 3000 Jahren und damit lang nach Ende der letzten Eiszeit, in die Ostsee ein. A. oxyrhynchus folgte erst 1800 Jahre später. Und die lange Reise sollte sich lohnen, denn obwohl es bei diesem einen Besuch blieb, erwiesen sich die Gäste als ausgesprochen hartnäckig: Innerhalb der nächsten 400 Jahre drängten die amerikanischen Verwandten die angestammten Einheimischen immer weiter zurück – berichten Knochenplatten aus Ralswiek auf Rügen.

Die kleine Eiszeit mit ihren niedrigeren Temperaturen könnte die fremden Gäste gefördert haben, vermuten die Wissenschaftler. Denn während A. oxyrhynchus bei Temperaturen zwischen 13,3 und 17,8 Grad Celsius laicht, bevorzugt sein Bruder deutlich wärmere Verhältnisse von über 20 Grad Celsius. Und die waren damals eher selten zu finden.

Heute ist von der damaligen Konkurrenz nichts mehr zu sehen – denn auch der amerikanische Verwandte ist in Europa inzwischen ausgestorben. Inzwischen versuchen Wissenschaftler, den Gemeinen Stör im Ostseeraum wieder einzubürgern. Ein schwieriges Unterfangen angesichts der geringen Zahl von Tieren, die für eine Nachzucht zur Verfügung stehen, und der immer noch bestehenden Barrieren in Flussläufen. Aber zumindest die Laichtemperaturen dürften den Neubesiedlern wieder mehr zusagen.

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