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Kooperatives Verhalten: Einmal Schwein, immer Schwein?

Alles nur ein Spiel? Es sieht danach aus, wenn Freiwillige an Computern in eigens entwickelten Modellen und zufällig zusammengewürfelter Runde eigene Interessen gegen das Allgemeinwohl abwägen. Und doch lehren sie uns damit viel über das wirkliche Leben und die Psychologie von Homo sapiens.
Siebzig Taler liegen im Gemeinschaftstopf. Die nächste Spielerin überlegt hart: Soll sie zwanzig weitere spenden und die verbleibenden dreißig für sich behalten? Oder alle fünfzig hergeben? Die Kollegin neben ihr hat gerade 35 herausgerückt – also wählt sie vierzig für die Allgemeinheit und behält einen Notgroschen. Für den nächsten in der Runde ist dagegen schon lange klar: Er gibt nichts zum Wohle der anderen. Wozu auch – so behält er die eigenen Ersparnisse und bekommt zusätzlich noch seinen Anteil aus dem Sammellager dazu – Höchstgewinn.

Klingt kompliziert? Ist es nicht: Jeder Spieler hat ein Startkapital, von dem alle einen Teil – oder alles – in einem gemeinsamen Fond sammeln. Dann erfährt der erste Spieler dessen Gesamtstand und kann nun entscheiden, ob er seine Aufteilung verändern möchte, bevor der nächste an der Reihe ist. Am Ende mehrerer Runden wird der Gesamtbetrag in der allgemeinen Kasse verdoppelt und zu gleichen Teilen an alle Mitspieler ausgezahlt. Zum persönlichen Gewinn kommt noch hinzu, was in der privaten Sparbüchse steckt.

Damit ist klar: Gibt jeder etwas ab, profitieren alle davon – und zwar durchschnittlich am meisten, wenn jeder alles Hab und Gut in den Topf wirft. Ein einzelner Trittbrettfahrer allerdings holt auf Kosten der anderen sogar noch mehr für sich heraus: Er behält seine eigenen Wertmarken und bekommt trotzdem dazu noch den – nun für alle etwas geschrumpften – Anteil aus dem Gemeinschaftsguthaben, zu dem er gar nichts beigetragen hat. Da dies den anderen Mitspielern irgendwann aufgeht, dämpft sich auch ihr Sozialelan, und der gesamte Kooperationsgrad geht im Laufe der Zeit zurück. Im Extremfall allerdings zu weit: Wenn alle nur noch an sich selbst denken und nichts mehr für die anderen tun, dann gehen logischerweise auch alle leer aus – nichts in der Kasse bedeutet null Gewinn.

Mit diesem bei Psychologen und Wirtschaftswissenschaftlern gleichermaßen beliebten Spiel um das öffentliche Gut lässt sich trefflich herausfinden, wie und warum Menschen kooperieren – und wie sie sich gegen Schmarotzer wehren. Dürfen diese beispielsweise bestraft werden, so zeigten Studien, funktioniert das Gemeinschaftsmodell plötzlich wieder.

Doch wie festgelegt sind eigentlich die Rollen? Wird ein Gutmensch immer Gutmensch bleiben, auch wenn ihn seine Mitspieler nach Strich und Faden ausnehmen? Oder entdeckt auch er dann in sich egoistische Züge? Dieser Frage gingen Robert Kurzban und Daniel Houser nun nach. Der Psychologe an der Universität von Pennsylvania in Philadelphia und der Wirtschaftswissenschaftler von der George-Mason-Universität in Fairfax veranstalten ihrerseits Spielenachmittage, bei denen sie ihre insgesamt 84 Teilnehmer in wechselnder Zusammensetzung mehrere Runden spielen ließen, bevor sie Gesamtbilanz zogen und die Gewinne auszahlten. Das letztendliche Ergebnis allerdings interessierte die Forscher eher am Rande, viel intensivier beobachteten sie, wer welchen Einsatz brachte, und verglichen diesen mit denen der vorangegangenen Mitspieler.

Und siehe da: Deutlich kristallisierten sich drei Typen heraus. Zum einen natürlich der wohlbekannte Trittbrettfahrer, der sich von den anderen aushalten lässt – er gibt grundsätzlich weniger als der Durchschnitt. Zum anderen ebenso bekannt jene Menschen, denen das Wohl aller stets vor dem eigenen geht: Sie spenden in einem solchen Spiel immer mehr als das Mittel. Und es zeichnete sich noch ein Menschenschlag ab, der sich in seiner Aktion immer eng das Vorbild der anderen hält – rücken sie viel heraus, zieht er mit, bleiben die Beiträge der Mitspieler mager, füllt auch er lieber sein eigenes Kässchen.

Diese Verhaltensweisen blieben dabei tatsächlich sehr stabil, auch wenn sich die jeweilige Zusammensetzung der Gruppe änderte. Am häufigsten vertreten waren dabei die "Reziproken", jene also, die ihr Verhalten nach dem ihres Umfeldes richten – sie stellten in der Versuchsgemeinde über sechzig Prozent. An zweiter Stelle folgten die Trittbrettfahrer, die ein Fünftel der Beteiligten ausmachten, und noch einmal 13 Prozent Kooperative, die mehr spendeten, als sie selbst ernteten. Nur drei Mitspieler passten partout in keine Schublade.

Die Forscher stellten darüber hinaus fest, dass zwischen der Zusammensetzung der Gruppen – welcher Typ wie häufig vertreten war – und dem Ertrag, den letztlich jeder einstrich, ein enger Zusammenhang bestand. Das ist wenig verwunderlich: Spielen viele Kooperationswillige mit, kommt unter dem Strich am Ende mehr für alle heraus. Saßen beispielsweise drei Reziproke mit einem Kooperativen zusammen, konnten sie vierzig Prozent mehr verdienen, als wenn Nummer vier ein Trittbrettfahrer war. Diese Verknüpfung erwies sich als so fest, dass sich aus der Typenverteilung direkt herauslesen ließ, wie ein noch nicht begonnenes Spiel wohl enden würde.

Und die Moral von der Geschicht'? Natürlich geht es den Wissenschaftlern nicht darum, unser Verhalten am Spieltisch zu untersuchen. Vielmehr dreht sich die Forschung um die Frage, warum sich beim Menschen kooperatives Verhalten auch zwischen Nichtverwandten entwickelt hat – und wie Kooperation reguliert wird. Wie schon erwähnt, spielt Strafe eine wichtige Rolle, ein weiteres Mittel ist offenbar das Aussetzen in einer Runde oder gar ganz auszusteigen. Und wie sich hier wieder einmal zeigt, dürfte auch das Wissen über das Verhalten der anderen Gruppenmitglieder entscheidend sein. Nicht umsonst blieben die meisten in der Zusammenarbeit eher vorsichtig und richteten sich nach dem Vorbild der anderen.

Spannend wird es jetzt, die Grenzen auszutesten, die einen Verhaltenstyp beschränken. Wie lange beispielsweise wird ein durchaus dem Wohl der Allgemeinheit zugeneigter Spender mitmachen, wenn der Preis auf Kosten des Gewinns steigt? Oder gibt es Methoden, notorische Egoisten doch irgendwie vom Nutzen sozialen Verhaltens zu überzeugen? Wie sieht es aus mit kulturellen Unterschieden? Und wie lassen sich die Ergebnisse aus der zwar konstruierten, aber denn doch realen Welt in Simulationen übersetzen? Kein leichtes Spiel, darauf Antworten zu finden.
18.01.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 18.01.2005

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