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Anthropologie: Einsame Einwanderer

Erst sehr spät - vor vermutlich 14 000 Jahren - setzten die ersten Einwanderer ihren Fuß auf amerikanischen Boden. Und es waren nur sehr wenige, die diesen Schritt wagten.
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Bekanntlich war die Neue Welt, die Kolumbus 1492 "entdeckte", keineswegs menschenleer. Doch in der Tat muss es ziemlich lange gedauert haben, bis die ersten Pioniere den amerikanischen Doppelkontinent erreichten – Asien und Europa, selbst das entlegene Australien hatte Homo sapiens von Afrika aus deutlich früher erobert.

So werden die ältesten archäologischen Funde Amerikas auf lediglich 12 000 bis 14 000 Jahre geschätzt. Die meisten Anthropologen vermuten, dass sich während der letzten Eiszeit einsame Jäger über die damals noch trocken gelegene Beringstraße von Sibirien nach Alaska verirrt hatten. Die nun wirklich noch menschenleere Neue Welt lag ihnen und ihren Nachkommen zu Füßen.

Doch wie viele Pioniere hatten damals diesen Schritt gewagt? Darüber herrscht in der Gelehrtenwelt heftiger Streit; die Archäologie kann hier nicht viel weiterhelfen. Daher versuchen Genetiker, die Geschichte Amerikas zu entschlüsseln, indem sie Genvariationen zwischen amerikanischen Ureinwohnern und ihren Verwandten auf der anderen Seite des Pazifiks miteinander vergleichen. Die meisten Analysen hatten sich jedoch bisher auf einzelne DNA-Abschnitte gestützt, die sich im Laufe der Generationen vermutlich unterschiedlich schnell auseinander entwickelten. Die Ergebnisse blieben entsprechend widersprüchlich.

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Genvergleich | Jody Hey verglich Literaturdaten genetischer Analysen von neun verschiedenen DNA-Abschnitten aus der amerikanischen Urbevölkerung mit den entsprechenden Abschnitten von Individuen aus Asien. Damit konnte er die Größe der Gründerpopulation Amerikas abschätzen.
Jody Hey, seines Zeichens Genetiker an der Rutgers-Universität, suchte sich daher aus der Literatur gleich neun verschiedenen DNA-Sequenzen zusammen – wie etwa dem Gen für eine Hämoglobinkette, nicht kodierende Abschnitte auf dem Y-Chromosom oder dem Erbgut der Mitochondrien. Dabei ließ er genetische Studien von Mitgliedern der nordamerikanischen Na-Dené und der eskimo-aleutischen Sprachfamilie unberücksichtigt, da diese Völker wohl erst später den Weg nach Amerika fanden. Stattdessen beschränkte Hey sich auf die so genannten Amerinder, die in ganz Nord- und Südamerika verteilt leben, und verglich deren DNA-Sequenzen mit den entsprechenden Abschnitten bei Individuen aus Sibirien, China, Korea und der Mongolei. Jetzt brauchte nur noch der Computer zu rechnen.

Das Ergebnis der Rechnerei überrascht: Weniger als 80, vielleicht 70 Vorfahren genügen, um die genetische Vielfalt der amerikanischen Urbevölkerung zu erklären. Unter der Annahme, dass diese "effektive" Population – also jene, die ihre Gene weitergeben konnten – etwa ein Drittel der Bevölkerung umfasste, haben es vielleicht etwa 200 Menschen vor 14 000 Jahren nach Amerika geschafft. Hey vermutet, dass damals die effektive Bevölkerung Asiens etwa 9000 Köpfe zählte. Nur etwa ein Prozent davon hätten demnach ihr Glück in der Neuen Welt gesucht – und zum Teil wohl auch gefunden.
25.05.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 25.05.2005

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