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Mondsonde: Einschlag in die Schlagzeilen

Ausgerechnet ein dreizehnter Freitag wird gleich zweimal in die astronomischen Geschichtsbücher eingehen. Gleichzeitig buhlten dabei die US-Mondmission LRO/LCROSS und der europäische Kometenjäger Rosetta um Resonanz in der Medienwelt.
LCROSS EinschlagLaden...
LCROSS trennt sich von Centaur Laden...
LCROSS trennt sich von Centaur | Gegen 13:30 Uhr MESZ wird die abgetrennte Raketenstufe als erste auf dem Mond zerschellen. Der entstehende Krater wird nach neuesten Berechnungen etwa 20 Meter Durchmesser und fünf Meter Tiefe aufweisen. Vier Minuten später stürzt auch die knapp 700 Kilogramm schwere LCROSS-Sonde auf die Oberfläche des Mondes.
Ist eine Nachricht unwichtig, nur weil eine andere am gleichen Tag vermeintlich spektakulärer erscheint? Eigentlich nicht. Manchmal jedoch sind die Redakteure gezwungen, sich aus Platz- oder Zeitgründen für eine Meldung zu entscheiden. So wird mancher Astronom oder Raumfahrtingenieur am Freitagabend bitter enttäuscht gewesen sein, als in der Tagesschau nicht etwa über den vierten und entscheidenden Vorbeiflug der ESA-Kometensonde Rosetta berichtet wurde, sondern über ein Thema, das in den letzten Wochen bereits mehrfach behandelt wurde: Wasser auf dem Mond.

Die amerikanische Weltraumbehörde NASA hatte den Erdtrabanten zuletzt eher als neues, altes Fernziel für menschliche Astronauten verkauft, statt als Objekt intensiver Erforschung durch Raumsonden. Und so waren es tatsächlich die Europäer mit Smart-1, China mit Chang'e-1, Japan mit den hochaufgelösten TV-Bildern ihrer Sonde Kaguya und schließlich Indien mit Chandrayaan-1, die in Erinnerung riefen, dass der Mond noch immer in vielen Punkten ein unerforschtes Land ist.

Auswurfwolke des LCROSS-EinschlagsLaden...
Auswurfwolke des LCROSS-Einschlags | Rund 15 Sekunden nach dem Auftreffen der Centaur-Oberstufe auf der Mondoberfläche nahm die nachfolgende US-Mondsonde LCROSS die Auswurfwolke des Einschlags auf (roter Kreis). Das Bild wurde extrem kontrastverstärkt und aufgehellt, um die die sehr schwache, rund sechs bis acht Kilometer große Auswurfwolke sichtbar zu machen.
Umso mehr hatten die Amerikaner die Werbetrommel gerührt, als am 18. Juni der amerikanische Lunar Reconnaissance Orbiter huckepack mit dem Lunar Crater Observation and Sensing Satellite (LCROSS) gestartet wurde. Letzterer übernahm die Aufgabe, in einer Kamikaze-Mission die Auswurfswolke der Centaur-Trägerrakete zu analysieren, die vier Minuten vor dem Raumfahrzeug selbst in der Nähe des Mondsüdpols aufschlug.

Legionen von Amateurastronomen wurden angehalten, den doppelten Einschlag mit ihren Fernrohren zu verfolgen, von den Profiforschern mit ihren Mammutinstrumenten ganz zu schweigen. Die Öffentlichkeit konnte dem Spektakel per NASA-TV live übers Internet beiwohnen. Was sie dann sahen, war – nichts. Keine Explosion, keine Trümmerwolke. Die teure Mission: ein kostspieliger Flop?

Größe und Lage der Einschlagwolke von LCROSSLaden...
Größe und Lage der Einschlagwolke von LCROSS | Bis zu sechs Kilometer soll sich die Einschlagwolke über die Mondoberfläche erheben, die durch den Einschlag einer Centaur-Oberstufe auf dem Mond verursacht wird. Die US-Mondsonde LCROSS soll am 9. Oktober 2009 den Einschlag mit hoher zeitlicher und räumlicher Auflösung verfolgen.
Die selbst nicht ganz unverschuldet hoch geschraubten Erwartungen der Öffentlichkeit erfüllte die NASA jedenfalls nicht. Zu sehr waren Eingeweihten etwa noch die Bilder von "Deep Impact" vor dem inneren Auge, der vor einiger Zeit tatsächlich spektakulär im All gecrashed worden war.

Offensichtlich um die gefühlte Scharte auszuwetzen, präsentierten die Amerikaner die – recht vorläufigen! – Ergebnisse des irgendwie verpufften LCROSS-Einschlags nun umso plakativer der Weltpresse. Kernthese dabei: Wasser auf dem Mond! Die Wissenschaftler seien "ekstatisch".

Doch ein Badeurlaub auf dem Erdtrabanten bleibt Utopie: Die Moleküle, die der Aufprall der Centaur-Rakete aufgewirbelten, ergeben zusammen nicht einmal zwei Badewannen voll. Sie liegen auch nicht als erfrischendes Nass vor, sondern gebunden in den verschiedenen Mineralen. Dass es sie gibt, ist auch nicht so neu, wie die Berichte vom Freitag glauben lassen: Drei Wochen vor dem LCROSS-Einschlag erschienen Analysen von Daten dreier Raumsonden, Cassini, Chandraayan-1 und Epoxi (vormals "Deep Impact"), die – wenn auch indirekt – auf Wasservorkommen schließen lassen und sogar die Bildungsgeschichte der H2O-Moleküle verraten.

Rosetta im VorbeiflugLaden...
Rosetta im Vorbeiflug
Der Fund von LCROSS war somit vielmehr die letzte Bestätigung, die die Wissenschaftler brauchten – und genau dafür war die NASA-Mission auch konzipiert. Den Eindruck zu erwecken, das Weltbild der Planetenforscher würde alleine dadurch auf den Kopf gestellt, muss allerdings als Overstatement gewertet werden.

Auch der europäische Kometenjäger Rosetta tat am Freitag übrigens genau das, was er sollte: in nur 2500 Kilometern Abstand über die Erdoberfläche zu sausen, und das nach einer Reise von über 4,5 Milliarden Kilometern, garniert mit drei früheren Swingbys an Erde und Mars und einer Stippvisite beim Asteroiden Steins. Hier kommt das Beste jedoch noch: Nach einem weiteren Asteroidenvorbeiflug wird Rosetta 2014 als erstes Raumfahrzeug zum Satelliten eines Kometen werden, Tschurjumow-Gerasimenko, und auf seiner Oberfläche ein Landegerät absetzen. Dieser Lander, Philae, wird dort Bodenproben nehmen: ohne einen spektakulären Einschlag, aber hoffentlich mit einem tiefen Eindruck in den Medien.
47. KW 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 47. KW 2009

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