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News: El Niño ist nicht der Weisheit letzter Schluß

El Niño, eine in der letzten Zeit häufig diskutierte klimatische Erscheinung, scheint nicht der einzige Klimazyklus zu sein. Jetzt wurde an der University of Washington ein weiterer Zyklus entdeckt, der sich über einen bedeutend längeren Zeitraum erstreckt.
Er sieht aus wie El Niño, er fühlt sich an wie El Niño, und wenn man den Fischbestand, die Wasservorräte oder die landwirtschaftliche Produktion beobachtet würde man glatt sagen, es ist El Niño. Aber er ist es nicht. Forscher der University of Washington beschreiben in zwei neueren Studien einen längeren Klimazyklus im Pazifischen Ozean. Diese Entdeckung scheint viele der sich ändernden Umweltbedingungen zu erklären, die man seit Ende der siebziger Jahre in ganz über Nordamerika, insbesondere im pazifischen Nordwesten, beobachtet hat.

Die Wissenschaftler nennen dieses klimatische Phänomen PDO (Pacific decadal oscillation – dekadische Schwankungen im Pazifik). Der Zyklus befindet sich zur Zeit in einer positiven Phase. Das könnte nach ihrer Meinung erklären, warum die Ozeantemperaturen an der Westküste der USA höher lagen als der Durchschnitt, warum im Süden die Winter feuchter waren als üblich, und warum der Lachsfang in Alaska ein historisches Hoch erreicht hat, während es entlang der übrigen Westküste einen rekordverdächtigen Rückgang gab.

Es scheint, als ist El Niño nur eine kleiner Teil dieses Zyklus, sagt David Battisti, außerordentlicher Professor für atmosphärische Wissenschaften an der University of Washington. Er wies als erster nach, warum El Niño durchschnittlich alle vier Jahre wiederkehrt. Nach Battisti beeinflußt seine neue Entdeckung die Temperaturen an der Meeresoberfläche im Nordpazifik, der die Tropen mit einschließe. Seiner Meinung nach erklärt dieses Phänomen viele Auswirkungen regionaler Klimaveränderungen: „Und wenn wir den PDO vorhersagen könnten, wären unsere Wettervorhersagen viel zuverlässiger."

Nate Mantua, Forschungsbeauftragter der University of Whashington, schätzt, daß Wissenschaftler noch in den nächsten fünf Jahren nicht in der Lage sein werden, genaue Vorhersagen zu machen. „Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Wissenschaft ungefähr auf einem Stand, der unserem Wissen über El Niño vor 15 bis 20 Jahren entspricht," sagt Mantua. Er glaubt, ein PDO-Vorhersagesystem würde eine langfristige Planung in Bereichen wie Fischerei, Wasserversorgung, Landwirtschaft und Energieproduktion ermöglichen.

Die Entdeckung des PDO hatte etwas von einem wissenschaftlicher Kriminalroman. Mit Hilfe von Hochleistungscomputern durchkämmten die Forscher die meteorologischen Unterlagen des vergangenen Jahrhunderts, um wiederkehrende Muster in der Klimaveränderung zu entdecken. Bezogen auf die letzten Jahrzehnte kristallisierte sich schnell El Niño als das dominante wiederkehrende Muster der Klimawechsel heraus. Aber als man die Unterlagen bis zum Jahre 1900 studierte, mit dem Schwerpunkt auf der Region nördlich von Hawaii im Pazifikbecken, verriet sich der PDO mit positiven und negativen Phasen, die zwischen 10 und 30 Jahren dauern.

Die Forscher entdeckten, daß sich der PDO, abgesehen von einigen Unterbrechungen, seit 1977 in einer positiven Phase befindet. Diese ist gekennzeichnet durch kühle Luft im Südosten der USA und einer Tendenz zu trockenem Wetter über dem Columbiabecken und den Großen Seen. Im Nordwesten waren die Winter zum großen Teil warm und trocken, die Wasserpegel niedrig, weil es weniger Stürme gab als normalerweise, und die Schneefälle waren gering. In der vorhergehenden negativen Phase des PDO, die von 1947 bis 1976 dauerte, waren die Wasserstände im Nordwesten im Durchschnitt um 20 Prozent höher als zwischen den 20er und den 40er Jahren, mit häufigeren Niederschlägen und stärkeren Schneefällen.

Die Ergebnisse legen auch den Schluß nahe, daß viele Bestände des Pazifik-Lachses von den Änderungen des Meeresklimas betroffen sind. Dies könnte erklären, warum es in der letzten negativen Phase des PDO, als die Ozeantemperaturen an den Küsten sanken, vor den Küsten Washingtons, Oregons und Kaliforniens Coho- und Chinook-Lachse in Hülle und Fülle gab, die Bestände in Alaska aber stark dezimiert wurden. Seit den siebziger Jahren haben wärmere Küstengewässer diese Bedingungen umgekehrt. Allerdings, sagen die Forscher, sollte sich die gegenwärtige positive Phase des PDO innerhalb des nächsten Jahrzehnts umkehren und dann wieder günstige Bedingungen für den Westküstenlachs schaffen.

Temperaturschwankungen im Pazifischen Ozean verursachen periodische Veränderungen der Atmosphäre, die sich in ganz Nordamerika bemerkbar machen. Wegen dem sogenannten Aleuten-Tief, welches das atmosphärische Geschehen über der gesamten Region lenkt, ist das Phänomen im Nordwesten besonders deutlich. Eines der Rätsel des PDO, sagt Mantua, ist, ob es El Niño beherrscht, oder ob es eine langfristige Antwort auf das Phänomen ist. Nach Meinung der Wissenschaftler stellt der PDO eine langsamere Veränderung im Klimasystem des Ozeans und der Atmosphäre über dem gesamten Pazifikbecken dar, die Einfluß auf die Entwicklung von El Niño hat.

Das Frustrierende beim Versuch, den PDO vorherzusagen ist, daß er sich über einen so langen Zeitraum entwickelt. So kann eine negative oder positive Phase bereits vorüber sein, bevor die Forscher es überhaupt bemerken. „Wir können das Phänomen erkennen, aber wir können nicht sagen, in welcher Phase wir uns gerade befinden," sagt Battisti. „Aber nur deshalb, weil wir es noch nicht ganz verstehen. Schließlich haben wir erst vor kurzem erkannt, daß es überhaupt existiert."

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