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Verschwundene Arten : Elefantenspitzmaus in Ostafrika wiederentdeckt

Sie zählte zu den »Most Wanted« der verlorenen Arten: Am Horn von Afrika sind gleich zwölf Exemplare einer Spezies aufgetaucht, die zuletzt in den Siebzigerjahren gesichtet wurde. Nötig waren dazu mehr als 1200 Lebendfallen, befüllt mit Haferflocken und Erdnussbutter.
Erstes bekanntes Foto einer Somalia-ElefantenspitzmausLaden...

Das Tier sieht aus wie eine Maus mit Rüssel, wird nicht größer als ein Eichhörnchen und ist doch verwandt mit Elefanten, Erdferkeln und Seekühnen. Es lebt und flitzt durch Gestein und Geröll und futtert mit seiner langen Nase Insekten. Und es galt als verschwunden.

Nun ist es wieder aufgetaucht: Gleich zwölf Exemplare der Somalia-Elefantenspitzmaus, auch Somali-Sengi genannt, hat ein Expeditionsteam am Horn von Afrika gefangen. Die vier Forscher hatten mehr als 1200 Lebendfallen an zwölf Orten ausgelegt und die Tiere mit einer Mixtur aus Haferflocken, Hefe und Erdnussbutter angelockt. Gleich die erste Falle schnappte zu.

»Als wir die erste Falle öffneten und den kleinen Haarschopf an der Schwanzspitze sahen, blickten wir uns an und konnten es nicht glauben«, berichtet Erstautor Steven Heritage von der Duke University in Durham in einer Pressemitteilung. Einige kleinere Expeditionen von anderen Forschern wären erfolglos verlaufen. Doch Einheimische in Dschibuti, einem Land am Horn von Afrika, hatten von solchen Tieren in ihrer Region berichtet, als er und seine Kollegen sich 2019 auf die Suche machten. »Wir in Dschibuti hielten die Sengis nie für ausgestorben«, berichtete Koautor Houssein Rayaleh von der Association Djibouti Nature.

© Steven Heritage / Duke University Lemur Center
Mit den Füßen trommelndes Somali-Sengi

Dokumentiert waren jedoch nur 39 Exemplare in Museen. Die Global Wildlife Conservation zählte die Art zu den Top 25 Most Wanted Lost Species. »Soweit wir wissen, ist es fast 50 Jahre her, dass irgendeine Institution Sengi-Exemplare belegt hat«, schreibt das Forscherteam. Seit den frühen 1970er Jahren wurden die Tiere nicht mehr offiziell gesichtet. Was man über sie weiß, stammt aus Studien an historischen Exemplaren, aus Aufzeichnungen von Museen und dem Wissen über ähnliche Arten. Das erste beschriebene Tier befindet sich im Pariser Nationalmuseum für Naturgeschichte; der französische Naturforscher Georges Révoil hatte es 1881 von einer Expedition aus Somalia mitgebracht.

Daher auch der lateinische Name Elephantulus revoilii. Die Sengi gehören zur Familie der Rüsselspringer und ernähren sich vor allem von Insekten. 20 weitere Sengi-Spezies soll es geben, manche klein wie Mäuse, manche so groß wie ein Eichhörnchen. Der Körper der wiederentdeckten Somalia-Elefantenspitzmaus ist nach Angaben der Forscher etwa 12 bis 15 Zentimeter lang. Der Hinterkörper ähnelt in seinen Proportionen dem einer Gazelle, weshalb die Tiere fast 30 Stundenkilometer schnell werden könnten.

Um den Fortbestand der Art müsse man vorerst nicht fürchten. Ihr trockener, steiniger Lebensraum sei für Menschen kaum nutzbar. Die gefangenen Tiere stammten zudem von verschiedenen Orten, und die Auskünfte von Einheimischen ließen darauf schließen, dass die Art nicht selten sei.

Seniorautor Galen Rathbun von der California Academy of Sciences in San Francisco starb wenige Monate nach der Expedition. Er war schon 2008 und 2014 an der Entdeckung neuer Sengi-Arten beteiligt, Rhynchocyon udzungwensis und Macroscelides micus. Heritage und Rayaleh wollen 2022 einzelne Exemplare der wiederentdeckten Sengi-Art mit GPS ausstatten, unter anderem, um ihr Zusammenleben zu erforschen. Alle bisher bekannten Sengis bleiben ihrem Partner ein Leben lang treu.

35/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 35/2020

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