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Elliptische Galaxien: Das Paradoxon früher Riesengalaxien

Schon wenige Milliarden Jahre nach dem Urknall existierten überraschend viele massereiche elliptische Galaxien, eigentlich das Endstadium eines deutlich länger andauernden Verschmelzungsprozesses. Beobachtungen und Computersimulationen des jungen Galaxienhaufens SPT2349-56 zeigen nun, wie Dutzende Galaxien durch starke Gezeitenarme rasch zu einem Giganten verschmelzen könnten – deutlich schneller, als klassische Modelle vorhersagen.
Eine künstlerische Darstellung einer Galaxienkollision im Weltraum. Mehrere Galaxien sind zu sehen, die von leuchtenden, wirbelnden Gas- und Staubwolken umgeben sind. Helle Lichtpunkte und orangefarbene Linien symbolisieren die dynamische Bewegung und Energie der Kollision. Der Hintergrund ist dunkel, was den Kontrast zu den leuchtenden Elementen verstärkt. Das Bild vermittelt die Komplexität und Schönheit astronomischer Phänomene.
Nur wenige Milliarden Jahre nach dem Urknall bildeten sich erste Ansammlungen junger Galaxien, aus denen später große Galaxienhaufen hervorgingen. Die künstlerische Darstellung zeigt den sich bildenden Haufen SPT2349-56 mit wechselwirkenden Galaxien und durch Gezeitenkräfte aufgeheiztem Gas (orange) in seiner turbulenten Entstehungsphase.

Das frühe Universum stellt Astronomen immer wieder vor große Herausforderungen. So stellen Beobachtungen massereicher Galaxien und Galaxienhaufen (englisch: galaxy clusters), die für ihre Zeit zu weit entwickelt sind, längst keine Ausnahme mehr dar. Klassischen theoretischen Entwicklungsmodellen zufolge bilden sich derartige Strukturen hierarchisch und über einen Zeitraum von mehreren Milliarden Jahren: Junge Galaxien mit aktiver Sternentstehung klumpen sich durch gravitative Wechselwirkungen langsam zu immer größeren Strukturen zusammen, bis sich daraus Vorstufen erster Galaxienhaufen (englisch: protocluster) bilden. Über Äonen von Jahren verschmelzen sie schließlich zu massereichen elliptischen Galaxien, so die bisherige Annahme. Beobachtungen zeigen jedoch das Gegenteil: Bereits wenige Milliarden Jahre nach dem Urknall existieren überraschend große elliptische Galaxien mit älteren Sternpopulationen – wie sie sich in astronomisch gesehen derart kurzen Zeiträumen gebildet haben können, ist noch weitgehend ungeklärt.

Einem Team um den Astronomen Nikolaus Sulzenauer vom Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn ist zu dieser Frage nun ein wichtiger Fortschritt gelungen: Bei Untersuchungen des jungen Galaxienhaufens SPT2349-56 im südlichen Sternbild Phönix zeigte die Gruppe mithilfe von Daten des Radioteleskopverbunds ALMA, dass die beteiligten Galaxien innerhalb von nur 300 Millionen Jahren zu einer einzigen, gigantischen elliptischen Galaxie verschmelzen könnten. Dafür müssen die beteiligten Galaxien massiv Energie und Drehimpuls abgeben. Die Ausbildung gewaltiger Gezeitenarme und Stoßwellen könnte diesen sogenannten monolithischen Kollaps ermöglichen, zeigen numerische Simulationen. Die Gasströme fungieren zudem als Transportwege, um schwerere Elemente wie Kohlenstoff aus dem Inneren der Galaxien in den Raum zwischen ihnen zu befördern – was ein weiteres Rätsel löst. Seine Ergebnisse veröffentlichte das Team im Fachmagazin »The Astrophysical Journal«.

Submillimeterkarte des Protoclusters SPT2349-56 | Im fernen Infrarot, bei einer Wellenlänge von 158 Mikrometern, lässt sich die Emission von einfach ionisiertem Kohlenstoff [C II] beobachten. Sternsymbole markieren die Zentren einzelner Galaxien, während orangefarbene Konturen die Strukturen im inneren Bereich hervorheben. Hellere Farbtöne entsprechen dabei einer höheren Strahlungsintensität. Deutlich sind die Gezeitenarme und helleren »Gasklumpen« zu erkennen, die sich zwischen und um die vier zentralen Galaxien herum anordnen. Sie bilden außerdem Verbindungen zu weiter außen liegenden Galaxien, von denen sie so manche in ihrer Größe übertreffen. Dabei leuchten sie etwa zehnmal stärker als erwartet.

SPT2349-56 wurde erst im Jahr 2018 bei einer Rotverschiebung von z = 4,3 entdeckt – entsprechend präsentiert sich uns der Haufen, wie er rund 1,4 Milliarden Jahre nach dem Urknall existierte. Die Materiedichte in seinem Inneren ist außergewöhnlich hoch: Innerhalb eines Bereichs von etwas mehr als 400 000 Lichtjahren befinden sich etwa 40 gasreiche Galaxien – ein Hinweis darauf, dass sich dieser Bereich bereits sehr früh von der kosmischen Expansion entkoppelt hat. SPT2349-56 hält zudem den Rekord für die höchste bekannte Sternentstehungsrate im frühen Universum. Während die Milchstraße lediglich drei bis vier Sterne pro Jahr bildet, bringen allein die vier Galaxien in der zentralen Region des Haufens alle 40 Minuten einen neuen Stern hervor.

Um das Galaxienquartett identifizierte das Team nun gewaltige zusammenhängende Gasarme aus ionisiertem Kohlenstoff, die sich über eine Distanz von rund 200 000 Lichtjahren erstrecken – weit größer als der Durchmesser unserer Galaxis. Sie entstehen durch starke Gezeitenkräfte bei Kollisionen und Verschmelzungen im extrem dichten Zentrum der Struktur. Dabei werden riesige Mengen an Gas mit bis zu 300 Kilometern pro Sekunde aus den inneren Galaxien in das umgebende Medium geschleudert. Dort trifft es auf kühlere Staubschichten. In der Folge bilden sich gewaltige Stoßwellen, die das umliegende kohlenstoffhaltige Medium stark aufheizen. Es strahlt etwa zehnmal heller im Infrarot- und Submillimeterbereich, als man es für reine Staubemission erwarten würde. Wie Perlen auf einer Schnur zeigen sich innerhalb der Gezeitenarme Regionen hoher Strahlungsintensität von etwa 16 000 Lichtjahren Ausdehnung. Dort wird Bewegungsenergie in Wärme umgewandelt; der Prozess entzieht dem System effektiv Energie und wirkt wie eine kosmische Bremse. In Kombination mit der dynamischen Reibung verlieren die Galaxien auf diese Weise genügend Drehimpuls und Energie, sodass sie schneller in das gemeinsame Gravitationszentrum stürzen können. Erst mithilfe dieser starken Emissionsquellen war das Team in der Lage, die Bewegung des Gases präzise zu vermessen.

Simulation der zeitlichen Entwicklung von SPT2349−56 | Die Bildsequenz zeigt Schnappschüsse einer numerischen Simulation, die den monolithischen Kollaps des Protocluster-Kerns innerhalb eines Zeitraums von 2,23 Milliarden Jahren visualisiert, beginnend bei 10 Millionen Jahren (a). Bereits nach etwa 200 Millionen Jahren (Ausschnitte d–f) werden infolge heftiger Galaxienkollisionen zahlreiche, 60 000–160 000 Lichtjahre lange Gezeitenströme aus den Galaxien gerissen. Diese Strukturen transportieren kohlenstoffhaltiges Material in das umgebende Medium. Die Ausschnitte zeigen jeweils einen Himmelsabschnitt von knapp 280 000 Lichtjahren Seitenlänge. Die angegeben Saklierung von 30 Kiloparsec (kpc) entspricht etwa 100 000 Lichtjahren. Die Darstellung ist ein RGB-Falschfarbenkomposit; zum Einsatz kamen Filter bei den Wellenlängen 356 Nanometern (Rot), 277 Nanometern (Grün) sowie 200 Nanometern (Blau).

Zur Überraschung der Gruppe sind die hellen »Emissionsklumpen« mit weiteren 20 Galaxien in den weiter außen liegenden Bereichen des Protoclusters verbunden. Es ist der Beginn eines kaskadenartigen Verschmelzungsprozesses, an dessen Ende eine gewaltige elliptische Galaxie stehen wird, vermutet das Team – deutlich früher, als es klassische Modelle des hierarchischen Wachstums postulierten. Zwar sind die verschiedenen Wechselwirkungen wie jene zwischen den Stoßwellen noch weitgehend ungeklärt; die Erkenntnisse könnten dennoch eine Lösung bieten für das langjährige Paradoxon der frühen Existenz massereicher elliptischer Galaxien in weit entfernten Galaxienhaufen wie XLSSC 122.

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  • Quellen
Sulzenauer, N. et al., The Astrophysical Journal 10.3847/1538–4357/ae2ff0, 2026

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