Handel mit Emissionszertifikaten: CO2-Entnahme könnte sich rechnen

Der EU-weite Handel mit Emissionszertifikaten lässt sich durchaus als Erfolg lesen: Wer eine Tonne CO2 oder andere Treibhausgase ausstößt, muss eines der Zertifikate abgeben, die ihm die EU zuvor zugeteilt hat. Fehlen einem Unternehmen Zertifikate, also Verschmutzungsrechte, muss es sie teuer zukaufen. Dabei sorgt die EU über die Jahre dafür, dass die Gesamtanzahl an Zertifikaten kontinuierlich knapper wird – und reizt Unternehmen somit an, weniger Treibhausgas auszustoßen. In Industrie und Energiewirtschaft haben sich die Emissionen seit der Einführung dieses Emissions Trading System, kurz ETS, im Jahr 2005 mehr als halbiert.
Das System hat allerdings zwei Haken. Erstens: Mit Transport und Bau fallen zwei emissionsintensive Sektoren erst ab 2028 unter die Regelung. Und zweitens: Das System wird in seiner derzeitigen Form nicht genügen, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens bis Mitte des Jahrhunderts zu erreichen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich einige Emissionen etwa in der Zementindustrie oder in der Landwirtschaft prinzipbedingt nicht vermeiden lassen.
Im Juli 2026 will die Europäische Kommission die ETS-Regeln deswegen überarbeiten. Insbesondere will sie prüfen, ob auch die aktive Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre sinnvoll in das Handelssystem integriert werden kann. Zwei Technologien stehen bei diesem »carbon dioxide removal« (CDR) genannten Ansatz im Fokus. Zum einen das Verwerten von Biomasse wie Holz oder Pflanzen, wobei das dabei freigesetzte CO2 abgeschieden und anschließend gespeichert wird. Dieses Verfahren nennt man auch BECCS, die Kurzform für »bioenergy with carbon capture and storage«. Außerdem kommt der direkte Entzug von CO2 aus der Atmosphäre infrage, kurz DACCS für »direct air carbon capture and storage«. Die Technologie dafür gilt als teuer und energieintensiv. Mit beiden Verfahren ließen sich sogenannte negative Emissionen erzeugen, wofür die Betreiber solcher Anlagen Zertifikate erhielten, die sie dann wieder verkaufen könnten.
Dass neben der Minderung des Treibhausgasaustoßes zusätzlich CO2 aus der Atmosphäre entfernt werden muss, um die Erderwärmung auf 1,5 oder 2 Grad zu begrenzen, darüber ist man sich in der Wissenschaft einig – und es könnte sich durchaus rechnen. Zu diesem Schluss kommen Forschende des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und der ETH Zürich in einer Studie, die sie im Fachmagazin »Joule« vorstellen. Würden demnach die zwei genannten Verfahren zur CO2-Entnahme, BECCS und DACCS, in den Handel mit Emissionszertifikaten integriert, ließen sich bis Mitte des Jahrhunderts nicht nur jährlich 68 bis 86 Megatonnen CO2 einsparen – das ist mehr als ein Zehntel der heutigen Treibhausgasemissionen in Deutschland –, sondern der Preis für jedes Zertifikat könnte sich dadurch auch noch halbieren.
CO2-Entnahme nicht ohne Risiko
Doch frei von Risiken wäre dieser Weg nicht, wie das Forschungsteam ebenfalls erläutert. Im ungünstigsten Fall könnten die CDR-Technologien Klima und Umwelt sogar schaden. Drei mögliche Negativszenarien sind dabei denkbar. Erstens: Das Zertifikatesystem stützt sich auf die – bislang nicht marktreifen – CO2-Entfernungstechnologien, die dann wider Erwarten vielleicht doch nicht oder erst zu spät verfügbar sein werden. Die Preise für die Zertifikate könnten in der Folge massiv steigen.
Zweitens könnten Unternehmen in ihrem Streben nach CO2‑Einsparungen nachlassen, im Vertrauen darauf, dass das von ihnen erzeugte CO2 andernorts wieder aus der Atmosphäre entfernt wird. Und, drittens, könnten Anreize zur CO2-Abscheidung aus Biomasse den Konflikt um die Landnutzung für Nahrungs- und Energiepflanzen befeuern. Um die Risiken in den Griff zu bekommen und den Technologien und ihren Investoren eine sichere Perspektive zu bieten, empfehlen die Fachleute, sie schrittweise in das System einzuführen und dabei ihren nachhaltigen Einsatz im Blick zu behalten.
Angenommene Kosten im »optimistischen Bereich«
Laut Wilfried Rickels vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel liefert die Studie wichtige Orientierung für die anstehende Reform des Zertifikatesystems, wie er dem Science Media Center mitteilte. Unter den verschiedenen Technologien zur CO2-Entnahme kämen BECCS und DACCS auch am ehesten für die Integration in das ETS infrage. Firmen könnten in der Folge Preise abschätzen und Investitionsentscheidungen treffen.
»Die CO2-Entnahme wird erst preissetzend, wenn nach 2040 alle anderen Vermeidungsoptionen sehr weitgehend ausgeschöpft worden sind«Felix Christian Matthes, Politikwissenschaftler
Felix Christian Matthes vom Berliner Öko-Institut bleibt bei der Bewertung der Studie vorsichtig. Zwar sei es »unstrittig, dass die Erschließung von Netto-CO2-Senken – also ›carbon dioxide removal‹ – in erheblichem Maße notwendig ist«. Ob das ETS dafür den richtigen Rahmen bietet, sei aber unsicher. Der Politikwissenschaftler merkt an, dass die angenommenen Kosten für BECCS und DACCS »eher im optimistischen Bereich« liegen und dass ihr kostensenkender Effekt auf die Zertifikate trotzdem erst sehr spät eintrete. »BECCS und DACCS werden erst preissetzend, wenn nach 2040 alle anderen Vermeidungsoptionen sehr weitgehend ausgeschöpft worden sind.«
Dann müssten nämlich nur noch die extrem schwer oder nicht vermeidbaren Restemissionen kompensiert werden. Die Verfahren in das ETS einzubeziehen, sei sehr komplex. »Deutlich einfacher, risikoärmer und möglicherweise sogar ökonomisch effizienter« wäre es Matthes zufolge, wenn man die Technologien »über ein klar separierbares Segment der EU-Klimaschutzpolitik« adressiere. Und auf einen weiteren Aspekt weist Matthes zudem hin: »Auch unter optimistischen Annahmen sind die Optionen zur CO2-Entfernung deutlich teurer als alle anderen Vermeidungsoptionen in der Industrie, dem Straßen- und Luftverkehr sowie der Hochseeschifffahrt.«
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