Neurotizismus: Emotional labile Menschen denken spontan an Probleme

Sie reagieren hochemotional auf Kleinigkeiten, ärgern sich oft und werden schnell nervös: So stellt man sich emotional instabile Menschen vor. Offenbar brauchen sie dafür nicht einmal einen Auslöser – sie beschäftigen sich auch ohne äußeren Anlass mit Problemen, wie eine Studie in der Fachzeitschrift »Personality and Individual Differences« nahelegt. Die Forschungsgruppe um den Psychologen Muhammad Asad von der North Dakota State University berichtet: Wenn emotional labile Menschen gerade nichts zu tun haben, denken sie öfter an die unerfreulichen Seiten des Lebens als emotional stabile Persönlichkeiten.
In einer ersten Teilstudie beantworteten zunächst 154 Studierende am Computer einen Fragebogen zu emotionaler Labilität, in der Fachsprache »Neurotizismus«. Dabei handelt es sich um eine Tendenz zu negativen Gefühlen wie Sorgen und Ängsten, Stress und Reizbarkeit. Darauf folgte eine bis zu 140 Sekunden lange Pause, in der die Probandinnen und Probanden aufgefordert wurden, nichts zu tun. Danach sollten sie notieren, woran sie in dieser Zeit gedacht und was sie gefühlt hatten. Eine zweite Teilstudie mit 180 Studierenden erfragte zusätzlich, wie viel sie über etwaige persönliche Ziele und die Unwägbarkeiten des Lebens nachgedacht hatten.
Wer sich zuvor im Fragebogen als emotional instabil beschrieben hatte, dachte eher über Probleme und Ungewissheiten nach und weniger über eigene Ziele und andere positive Dinge. Den emotional labilen Studierenden kamen offenbar häufiger spontan und ohne erkennbaren Anlass negative Gedanken in den Sinn, und sie berichteten auch eher über eine negative Gefühlslage.
Für das Merkmal Verträglichkeit hatte dasselbe Forscherteam 2025 bereits einen ähnlichen Zusammenhang nachgewiesen. Umgängliche Persönlichkeiten denken demnach häufiger spontan über ihre Beziehungen nach als unverträgliche Zeitgenossen.
Aus Studien dieser Art lässt sich allerdings nicht ableiten, ob die Gedanken die Persönlichkeit formen oder umgekehrt. Tiefenpsychologische Theorien deuten spontane Gedanken wie Träume und Fantasien schlicht als Ausdruck der Persönlichkeit. Eine ältere Analyse in den »Trends in Cognitive Sciences« erklärte spontane Negativgedanken zum »Motor von Neurotizismus«. Sie führte emotionale Instabilität auf die Aktivität von neuronalen Schaltkreisen zurück, die das selbst generierte Denken steuern.
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